Der Kanzler reist nach Asien: In Singapur, Japan und Südkorea kann Merz einiges lernen

Der Kanzler reist nach AsienIn Singapur, Japan und Südkorea kann Merz einiges lernen
25.10.2026, 14:24 Uhr
Ein Gastbeitrag von Denis Suarsana

Ein genauer Blick auf die wirtschaftspolitischen Erfolgsfaktoren von Singapur, Japan und Südkorea hält zahlreiche Lehren für die deutsche Politik bereit. Nicht alles ist eins zu eins übertragbar. Aber ein paar gute Ideen könnte der Kanzler von seiner Reise mitbringen.
An diesem Montag reist Bundeskanzler Friedrich Merz bereits zum dritten Mal in diesem Jahr nach Asien. Nachdem er Anfang des Jahres bereits Indien und China besucht hatte, geht es nun nach Singapur, Japan sowie nach Südkorea, wo er die alle zwei Jahre stattfindende Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft eröffnen wird.
Dass der Kanzler dreimal innerhalb eines Jahres nach Asien reist, zeigt die Bedeutung, die die Bundesregierung der Region beimisst. Dabei stehen wirtschaftspolitische Themen im Mittelpunkt. Während es bei der Indien-Reise darum ging, das wachsende Potenzial des Subkontinents für die deutsche Wirtschaft zu erschließen, standen beim China-Besuch unter anderem die schwierigen handelspolitischen Beziehungen im Vordergrund.
Bei der anstehenden Reise in drei der am höchsten entwickelten Volkswirtschaften der Welt geht es vor allem darum, wie diese engen Partnerschaften in Südost- und Ostasien weiter vertieft werden können, insbesondere in den Bereichen Technologie und Innovation. Es sollte für den Kanzler und seine hochrangige Wirtschaftsdelegation aber auch eine Studienreise sein. Denn Singapur, Japan und Südkorea stehen vor ähnlichen wirtschaftlichen Herausforderungen wie Deutschland - und sind uns in vielerlei Hinsicht weit voraus.
Alte Industrien und Zukunftsbranchen
Die drei asiatischen Industrienationen sind wie keine andere Volkswirtschaft weltweit den enormen wirtschaftlichen Herausforderungen durch China ausgesetzt. Entsprechend früh haben die jeweiligen Regierungen angefangen, strategisch gegenzusteuern. Das gilt sowohl mit Blick auf die industrielle Transformation als auch hinsichtlich der dringend notwendigen Diversifizierung von Lieferketten.
Traditionell dominieren in Singapur, Japan und Südkorea klassische Industriesektoren die Wirtschaft, etwa der Schiffbau, die Automobil-, Chemie- oder Elektronikindustrie. Doch schon früh haben diese Länder angefangen, industriepolitisch die Weichen in Richtung innovativer Zukunftsbranchen zu stellen.
Der Erfolg gibt ihnen Recht. Heute sind die drei Volkswirtschaften neben Taiwan die Zentren der globalen Halbleiterindustrie. Auch in anderen innovativen Bereichen wie Robotik oder Künstlicher Intelligenz führen sie die globalen Ranglisten an. Das Wirtschaftswachstum liegt in Singapur denn auch bei voraussichtlich fünf Prozent im Jahr 2026. In Südkorea sind es immerhin noch beeindruckende 3,5 Prozent. Lediglich in Japan übersetzt sich der Tech-Boom nicht in ein stärkeres Wachstum. Strukturelle Faktoren wie die gesellschaftliche Überalterung und die Schwäche des Yen ziehen das Bruttoinlandsprodukt nach unten.
Japan konnte Abhängigkeit von China reduzieren
Beim Thema De-Risking und Diversifizierung lohnt der Blick nach Japan aber umso mehr. Nachdem Japan 2010 für zwei Monate von chinesischen Seltene-Erden-Lieferungen abgeschnitten wurde, trieb die japanische Regierung die eigenen Diversifizierungsbemühungen massiv voran. So baute Japan in Zusammenarbeit mit Australien und Malaysia die bis heute einzige Seltene-Erden-Wertschöpfungskette ohne chinesische Beteiligung auf. War das Land 2010 noch zu über 90 Prozent abhängig von Importen Seltener Erden aus China, liegt dieser Wert heute bei nur noch rund 60 Prozent.
Doch auch über den Rohstoffbereich hinaus verfolgt die japanische Regierung eine effektive De-Risking-Strategie. So entwickelt das Wirtschaftsministerium in Tokyo ein Mapping kritischer Lieferketten, mit Hilfe dessen Abhängigkeiten gezielt identifiziert und beseitigt werden können.
Enge Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft
Mit Blick auf die Erfolge bei der industriellen Transformation und Diversifizierung haben alle drei Länder zwei strategische Merkmale gemeinsam. Zum einen weisen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Singapur, Japan und Südkorea eine große Offenheit gegenüber Innovation und Technologie auf. Statt Fortschritt und Veränderungen nur zu moderieren oder gar abbremsen zu wollen, werden sie in den asiatischen Industriestaaten vorangetrieben. Hier hat man erkannt, wie wichtig diese Themen für den eigenen Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit sind. Nicht zufällig liegen alle drei Länder im weltweiten Pisa-Vergleich der OECD regelmäßig in der Spitzengruppe. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Mathematik und Naturwissenschaften, die hierzulande als Grundvoraussetzung für den beruflichen Erfolg der eigenen Kinder, aber auch für den wirtschaftlichen Erfolg der Volkswirtschaften insgesamt gesehen werden.
Zum anderen gibt es in allen drei Ländern traditionell eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft. Wirtschaftspolitische Entscheidungen werden im engen Austausch mit der Privatwirtschaft getroffen, um zu möglichst nachhaltigen Ergebnissen im Sinne von Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu kommen. Das gilt sowohl für wirtschaftspolitische Regulierung als auch zum Beispiel für die Außenwirtschaftspolitik, die sehr strategisch zur Diversifizierung etwa der eigenen Rohstoffbeschaffung eingesetzt wird. Vor dem Hintergrund des chinesischen Staatskapitalismus, mit dem sich diese Länder, wie auch Deutschland, im weltweiten Wettbewerb befinden, kann es kaum überraschen, dass eine solche Verzahnung von Politik und Privatwirtschaft ein entscheidender Erfolgsfaktor für die drei asiatischen Industrienationen ist.
Gute Ideen lassen sich trotz der Unterschiede finden
Diese Beispiele zeigen deutlich, dass ein genauerer Blick auf die wirtschaftspolitischen Erfolgsfaktoren Singapurs, Japans und Südkoreas zahlreiche Lehren für die deutsche Politik bereithält. Doch gleichzeitig lassen sich die asiatischen Erfolgsrezepte nicht einfach auf den Fall Deutschland übertragen. Die wirtschaftlichen Strukturen dieser Länder unterscheiden sich erheblich von der deutschen. In allen drei Ländern dominieren Großkonzerne die Volkswirtschaften. Diese haben eine erhebliche Finanzkraft, die ihnen große Investitionen etwa in Zukunftstechnologien erlaubt. Zudem ist der enge Austausch zwischen Politik und Privatwirtschaft deutlich leichter, wenn die jeweilige Regierung nur mit einigen wenigen Vorstandsvorsitzenden sprechen muss, um einen großen Teil der Wirtschaft zu erreichen.
Die deutsche Wirtschaft ist dagegen deutlich ausdifferenzierter und vorwiegend mittelständisch geprägt. Dieser grundlegende strukturelle Unterschied darf aber nicht bedeuten, dass die Lehren aus den Erfolgen unserer asiatischen Partner ignoriert werden. Die Bundesregierung sollte vielmehr nach Wegen suchen, wie die Erfolgsrezepte Singapurs, Japans und Südkoreas so auf das deutsche Wirtschaftsmodell übertragen werden können, dass sie auch in Deutschland ihre Wirkung entfalten. Wenn der Bundeskanzler und seine Wirtschaftsdelegation hier mit guten Ideen von ihrer Asien-Reise zurückkehren, wäre schon viel gewonnen.
Der Autor: Dr. Denis Suarsana ist Leiter des Regionalprogramms "Politikdialog Asien" sowie des Globalen Hubs für Geoökonomie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit Sitz in Singapur.
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