Buch von Sarah Elena Müller – «Unwucht»: Wenn einen toxische Liebe aus der Bahn wirft

Buch von Sarah Elena Müller «Unwucht»: Wenn einen toxische Liebe aus der Bahn wirft
Der neue Roman der Schweizer Autorin erzählt die Geschichte einer vergifteten Liebesbeziehung. Gleichzeitig reflektiert er, wie sich darüber überhaupt erzählen lässt – und gerät dadurch aus der Balance.
21.08.2026, 09:29
Die Erwartungen an den zweiten Roman «Unwucht» der Schweizer Autorin Sarah Elena Müller waren nicht ohne: Für ihr Debüt «Bild ohne Mädchen» vor drei Jahren über Kindesmissbrauch erhielt sie viel Zuspruch und war nominiert für den Schweizer Buchpreis.
Tatsächlich stellt Müller in «Unwucht» ihr erzählerisches Talent erneut unter Beweis. Es geht um eine Liebesbeziehung der beiden etwa 30-Jährigen Alice und Rio.
Ihr Verhältnis ist von allem Anfang an belastet, denn Rio ist drogenkrank. Sein Leben hangelt sich von Deal zu Deal. Zwischenzeitlich geht’s auch mal ins Gefängnis.
Alice, die Hauptfigur, ist Teilzeit-Kellnerin und leidet unter der unsteten Beziehung. Ihre einzige Hoffnung: Vielleicht wird es irgendwann doch noch besser.
Trockener Humor
Sinnbildlich für Alices Los ist ihr verrosteter Fiat. Als er den Geist aufgibt, muss sie ihn zum Mechaniker bringen. Mit hintersinnigem Witz beschreibt die Autorin, wie dieser zur Begutachtung unter die Klapperkiste kriecht und mit dem Schraubenzieher das rostende Metall antippt.
«Schon die erste Stelle», heisst es, «fällt ihm ins Gesicht.» Auch die Räder laufen nicht mehr regelmässig, sie «eiern», haben sogenannte «Unwucht». Der Mechaniker warnt Alice vor den Folgen. Sie riskiere ihr Leben. «Das hat auch Unwucht», lautet die lakonische Antwort von Alice.
Pointierte Beschreibungen und Dialoge voll trockener Situationskomik sind die Stärken dieses Romans. Das Schwanken zwischen Tragik und Komik bietet immer wieder Lesevergnügen pur.
Köstlich zu lesen ist etwa eine Szene, in der das Paar in einem Fluss badet und plötzlich von einem gealterten Spanner aufgeschreckt wird. Oder jene, in der die beiden eine Techno-Party im Wald besuchen und sich plötzlich inmitten von skurril-durchgedrehtem Partyvolk wiederfinden.
Grosser Anspruch
Bei alledem – der Roman hat auch Schwächen: Sie ergeben sich daraus, dass er offensichtlich etwas gar viel will. Alice erzählt ihre Geschichte mit Rio Jahre später – aus der Rückschau. Die beiden haben sich schon längst getrennt.
Im Schreiben versucht Alice das Erlebte – und Erlittene – loszuwerden. Dies erweist sich jedoch als unerwartet schwierig, denn mit dem Schreiben droht sich die Erinnerung zu verändern.
In Alice kommen Zweifel auf, sogar daran, ob sie Rio damals tatsächlich geliebt hat. «Mir ist, als wäre auch das nicht mehr wahr. Der kleinste gemeinsame Nenner, zerrechnet im Handel mit Fiktion und Wirklichkeit.»
Der Roman will mehr, als die belastende Liebesbeziehung literarisch zu durchdringen. Es geht auch um die Frage, ob sich Vergangenes überhaupt adäquat beschreiben lässt. Oder: Wer hat die Deutungshoheit über das, was gewesen ist?
Keine Wucht
So faszinierend derartige Fragen auch sind – sie nehmen dem Roman etwas den Schwung. Und seine Wucht. Dazu trägt auch bei, dass die Autorin ihre Schilderungen gelegentlich mit Belanglosigkeit spickt.
Auf diese Weise verliert der an sich packende psychologische Stoff – die Liebesbeziehung zu einem Suchtbetroffenen – an Dringlichkeit. Bis zum Schluss bleibt etwa offen, was die selbstbewusste Alice beim Hallodri Rio denn eigentlich über Jahre gehalten hat.
Sarah Elena Müllers zweiter Roman ist lesenswert. Doch ihm haftet die Unwucht an, die er im Titel trägt.
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