«Club»-Q&A zum Hitzesommer – «War die Schweiz ausreichend auf die Hitzewelle vorbereitet?»

Stimmt es, dass aufgrund der Hitze das Denken viel schwerer fällt?
Martina Ragettli: Sehr hohe Umgebungstemperaturen können auch die mentale Gesundheit negativ beeinflussen. Bei grosser Hitze fällt es vielen Menschen schwerer, klar zu denken und sich zu konzentrieren. Der Körper ist dann stark damit beschäftigt, seine Temperatur zu regulieren. Dazu kommen oft Flüssigkeitsverlust, Müdigkeit und eine Belastung des Kreislaufs. Dadurch arbeitet das Gehirn weniger effizient, und Konzentration, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit können nachlassen.
Was genau wird nach diesem Hitzesommer jetzt schon anders gemacht als vorher – und zwar bereits vor dem Sommer 2027? Oder bleibt es einfach bei Klimabekenntnissen?
Rebekka Reichlin: Der Bund und die Kantone setzen konkrete Massnahmen um. Seit 2025 verfügt die Schweiz beispielsweise über das nationale System zur Früherkennung und Warnung vor Trockenheit. Die Plattform bündelt Informationen zur aktuellen Lage und zur Entwicklung und unterstützt damit Kantone, Gemeinden und weitere Betroffene bei ihren Entscheiden. Dieser Sommer hat gezeigt, wie wichtig solche früh verfügbaren und schweizweit abgestimmten Informationen sind. Darauf gestützt können vor Ort beispielsweise Wasserentnahmen eingeschränkt, Feuerverbote erlassen oder besonders belastete Gewässer geschützt werden. Gleichzeitig werden die längerfristigen Vorkehrungen weiterentwickelt – etwa mit der Wassermanagementstrategie, der Anpassung der Wälder an den Klimawandel oder Massnahmen, die Wasser länger in Böden, Landschaften und Siedlungen zurückhalten.
Ab welcher Temperatur wird es tatsächlich gefährlich für Kinder, für Erwachsene? Danke
Martina Ragettli: Es gibt keine einzelne Temperatur, ab der es für jeden Menschen automatisch gefährlich wird. Entscheidend sind auch Luftfeuchtigkeit, Dauer der Hitze, körperliche Aktivität, Alter und Gesundheitszustand. Kinder, Schwangere, Kranke und ältere Menschen sind besonders empfindlich. In bevölkerungsbezogenen Studien aus der Schweiz zeigt sich, dass das Risiko für hitzebedingte Todesfälle ab einer Tageshöchsttemperatur von etwa 25 °C deutlich ansteigt. Je höher die Temperatur, desto grösser das Risiko für gesundheitliche Auswirkungen.
Gerade bei Diskussionen im Internet liest man immer wieder, «dass es früher auch mal heiss war» und so weiter. Wie kann man diesen Leuten entgegnen? Ich nehme an, dass die diesjährige Hitzeperiode ein klares Zeichen für den Klimawandel ist, oder?
Rebekka Reichlin: Auch früher gab es heisse Sommer. Entscheidend ist aber die Tendenz, und die ist eindeutig: Die Schweiz wird wärmer, Hitzeperioden werden häufiger und intensiver, und auch Sommertrockenheiten nehmen zu. Die Klimaszenarien und die Klima-Risikoanalyse des BAFU zeigen diese Entwicklung klar. Der Sommer 2026 ist deshalb kein isolierter Beweis, passt aber deutlich in dieses Bild.
Kann abgeschätzt werden, wie lange es dauert, bis sich die landwirtschaftlichen Kulturen und der Wald wieder erholt haben? Vielen Dank.
Rebekka Reichlin: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Wie schnell sich landwirtschaftliche Kulturen erholen, hängt von Kultur, Standort und weiterem Witterungsverlauf ab. Für die fachliche Beurteilung ist das Bundesamt für Landwirtschaft BLW zuständig. Beim Wald dauert die Erholung länger. Es wird sich erst nächstes Jahr abschätzen lassen, wie stark der Wald geschädigt ist. Starker oder wiederholter Trockenstress kann Bäume aber über mehrere Jahre schwächen und sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten machen. Wo Bäume absterben oder sich ganze Bestände verändern, dauert die Erholung Jahre bis Jahrzehnte.
Sind Sie überrascht davon, wie aus gewissen Kreisen die Klimakrise immer wieder heruntergespielt/relativiert wird? Oder war das schon immer so präsent? Welchen Umgang empfehlen Sie damit? Ich bedanke mich herzlich für Ihre Zeit.
Rebekka Reichlin: Ein Sommer wie dieser trägt zur Sensibilisierung bei, weil die Folgen des Klimawandels sehr konkret spürbar werden. Bereits seit Längerem ist die Entwicklung klar: Die Schweiz wird wärmer, Hitzewellen werden häufiger und intensiver, und Sommertrockenheiten nehmen zu.
Guten Morgen. Würden Sie sagen, die Schweiz war gut auf die Hitzewelle vorbereitet und hat sie die Hitze gut gemeistert? Oder gibt es noch viele Hausaufgaben?
Martina Ragettli: Ich würde sagen, die Schweiz hat beim Umgang mit Hitze Fortschritte gemacht. Beispielsweise haben seit dem Sommer 2003 einige Kantone Hitzeaktionspläne zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung vor Hitze eingeführt. Wir wissen heute besser, wie gefährlich Hitze sein kann, und es gibt mehr Sensibilisierung. Aber es gibt noch einiges zu tun. Noch nicht alle Kantone haben solche Hitzeaktionspläne, die die Massnahmen während des Sommers und insbesondere während Hitzeperioden klar regeln. Die Gefahr wird jedoch gemäss unseren Studien nach wie vor häufig unterschätzt. Gleichzeitig müssen wir besonders gefährdete Menschen noch besser schützen und uns insgesamt stärker auf häufigere und intensivere Hitzeperioden vorbereiten. Es braucht Massnahmen im Gesundheitswesen, beim Arbeitnehmerschutz und in weiteren besonders betroffenen Bereichen. Dazu gehört auch die langfristige Anpassung, etwa die Reduktion der Hitzebelastung in Städten und Gebäuden.
Gab es schon solche Extremperioden? Wie haben wir das in den Griff bekommen? Was machen europäische Länder besser/schlechter als wir?
Rebekka Reichlin: Solche Sommer gab es schon – etwa 2003, 2018 oder 2022. Aus ihnen hat die Schweiz gelernt: Wasserversorgungen wurden besser vernetzt, die Überwachung und Notfallplanung verbessert, und seit 2025 gibt es das nationale Trockenheits-Warnsystem. Südeuropäische Länder haben andere klimatische und hydrologische Voraussetzungen und deswegen teilweise mehr Erfahrung mit Wasserspeicherung oder ‑wiederverwendung. Ein einfaches «besser oder schlechter» gibt es nicht – die Ausgangslagen sind sehr unterschiedlich.
Ich habe oft das Gefühl, dass die Gefahren durch die Hitze oder durch die Sonne nicht so sehr wahrgenommen werden. Vor allem beim Schutz von Kleinkindern gehen gewisse Eltern sehr unwissend an die Sache. Fehlt es an Aufklärung? Oder an Überforderung? Was ist Ihre Einschätzung
Martina Ragettli: Eine Befragung im Sommer 2023 hat gezeigt, dass etwa ein Drittel der Personen, die zu den Risikogruppen gehören – also ältere Menschen und Menschen mit einer chronischen Erkrankung –, Hitze nicht als Risiko für die eigene Gesundheit wahrnehmen. Das zeigt, dass die Gefahr trotz verschiedener Informationskampagnen und Sensibilisierung, wie beispielsweise den «Drei goldenen Regeln an Hitzetagen» des Bundesamts für Gesundheit, nach wie vor unterschätzt wird. Es braucht deshalb zielgruppengerechte Kommunikation, die jedes Jahr wiederholt wird. Über den Sommer vergessen viele, wie es ist, wenn es heiss ist. Ich hoffe, dass dieser Sommer dazu beiträgt, das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken von Hitze weiter zu stärken.
Grüezi, haben wir Wassermangel, müssen wir uns darauf gefasst machen, gewisse Verbote oder Einschränkungen mitzutragen?
Rebekka Reichlin: Der Schweiz geht das Wasser nicht einfach aus. Die grossen Grundwasservorkommen enthalten erhebliche Wassermengen, und viele Wasserversorgungen sind miteinander vernetzt. Lokal kann es bei ausgeprägter Trockenheit aber zu Engpässen kommen – etwa bei kleinen Quellen oder wenig vernetzten Versorgungen. Entscheidend ist also nicht nur, wie viel Wasser insgesamt vorhanden ist, sondern ob zur richtigen Zeit am richtigen Ort genügend nutzbares Wasser zur Verfügung steht. Wenn Wasser lokal knapp wird, können Kantone, Gemeinden und Wasserversorgungen entsprechende Massnahmen treffen. Das ist auch in diesem Sommer vielerorts geschehen: So wurden etwa Wasserentnahmen aus Gewässern eingeschränkt, teilweise öffentliche Brunnen abgestellt oder die Bevölkerung zum Wassersparen aufgerufen. Solche lokalen Vorgaben und Empfehlungen sollte man unbedingt beachten.
Welche Folgen haben Trockenheit und Hitze für die Insekten in Kleingewässern heute und im Frühjahr? Auch für Jungfische, Jungvögel & Co.?
Rebekka Reichlin: Besonders kleine und flache Gewässer sind stark betroffen: Sie werden schnell warm, führen weniger Wasser oder trocknen ganz aus. Das betrifft neben Fischen auch Insektenlarven und andere Wasserorganismen. Bei Jungfischen können wichtige Aufwuchs- und Rückzugsräume verloren gehen. Es ist möglich, dass in bestimmten Gewässerabschnitten bestimmte Fische aussterben könnten. Wie lange es braucht, bis sich die Tiere im Wasser wieder erholen, lässt sich heute noch nicht sagen. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa davon, wie lange die Trockenheit anhält und wie sich die Gewässer über Herbst und Winter erholen können. Auch Vögel sind betroffen: Bei Trockenheit werden Wasserstellen knapper, und bei insektenfressenden Arten kann sich das Nahrungsangebot verändern. Auch hier lässt sich aber noch nicht sagen, wie stark die Auswirkungen auf Jungvögel oder die nächste Brutsaison sind.
Wie wirkt sich diese Hitzewelle auf die Politik aus? Gibt es da schon erste Anzeichen? Ist es angekommen, dass Hitzewellen eine extreme Gefahr darstellen für die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung (Stichwort Übersterblichkeit, erhöhte Prävalenz von psychischen Krankheiten)?
Martina Ragettli: Es gibt bereits einige Vorstösse und Organisationen, die wirksamen Klimaschutz und konkrete Anpassungsmassnahmen fordern. Ob die Erfahrungen mit dem Sommer 2026 auch nach dem Sommer zu konkreten politischen Massnahmen führen, wird sich zeigen – zu hoffen ist es auf jeden Fall.
Rebekka Reichlin: Der Bund fördert im Bereich Hitze und Gesundheit im Rahmen des Netzwerks Anpassung an den Klimawandel derzeit verschiedene Massnahmen. Dazu gehört beispielsweise die finanzielle Unterstützung von einzelnen Projekten im Rahmen des Programms «Adapt+», aber auch die Erarbeitung konkreter Hilfestellungen für die Kantone.
Wie hat sich diese Hitzewelle auf Ihre Arbeit ausgewirkt, welche Learnings haben Sie als Bundesamt gezogen? Das würde mich interessieren.
Rebekka Reichlin: Für das Bundesamt für Umwelt war dieser Sommer sehr arbeitsintensiv: Wir haben die Lage laufend beurteilt, Daten eingeordnet, uns mit anderen Bundesstellen und den Kantonen abgestimmt und viele Fragen aus Öffentlichkeit und Medien beantwortet. Gerade bei Trockenheit zeigt sich, wie viele Bereiche gleichzeitig betroffen sind – von Gewässern und Wald über die Wasserversorgung bis hin zu Landwirtschaft und Energie. Bestätigt hat sich vor allem, wie wichtig frühzeitige, verständliche und gut abgestimmte Informationen sind. Das nationale Früherkennungs- und Warnsystem für Trockenheit hat sich dabei als wichtige Grundlage erwiesen. Gleichzeitig zeigt dieser Sommer, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachstellen und staatlichen Ebenen ist.
Werden heute eigentlich jetzt schon Neubauten, Schulen, Spitäler und öffentliche Gebäude so geplant, dass sie auch bei deutlich heisseren Sommern noch funktionieren? Oder ist das noch freiwillig, kantonal unterschiedlich?
Rebekka Reichlin: Die Schweiz hat seit 2012 eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel sowie einen Aktionsplan dazu. Deshalb setzen Bund, Kantone und Gemeinden bereits seit Jahren Massnahmen um – auch in der Raumentwicklung und im Gebäudebereich. Je nach Kanton und Bereich sind Vorgaben zum Hitzeschutz teils verbindlich, teils beruhen Massnahmen auf freiwilligen Standards oder Empfehlungen. Städte und Gemeinden setzen zudem vermehrt auf Grün, Schatten, Entsiegelung und Schwammstadt-Ansätze. Seit 2025 unterstützt der Bund solche Anpassungsmassnahmen zusätzlich mit dem Programm Adapt+. Gleichzeitig zeigt dieser Sommer, dass die Anstrengungen weitergeführt werden müssen.
Wenn eine Quelle wegen der Dürre ausgetrocknet ist, kommt die Quelle wieder, wenn es genügend geregnet hat?
Rebekka Reichlin: Oft ja – aber nicht sofort und nicht nach jedem Regen. Nach einer längeren Trockenheit hängt es davon ab, wie gross und tief der Grundwasserspeicher einer Quelle ist und wie lange und ergiebig es regnet. Kurze Gewitter reichen häufig nicht aus, um diesen Speicher wieder aufzufüllen. Für die Neubildung von Grundwasser sind länger anhaltende Niederschläge besonders wichtig, vor allem im Winterhalbjahr. Je nach Quelle kann die Erholung deshalb Tage, Wochen oder auch Monate dauern.
Viele Länder sagen: «Wir alleine können nichts machen» – und machen einfach Symptombekämpfung! Wäre es nicht wichtiger, zusammenzuspannen und mehr zu tun gegen die Klimaerwärmung? Wir schauen einfach zu und geben den Bauern Geld wegen der Ausfälle. Und Rösti kürzt auch noch das Geld für den Wald.
Rebekka Reichlin: Wirksame Klimapolitik muss auf nationaler und internationaler Ebene stattfinden. Die Schweiz leistet mit ihren eigenen Klimaschutzmassnahmen einen Beitrag und verfolgt das Ziel Netto-Null bis 2050. Gleichzeitig engagiert sie sich international für wirksamen Klimaschutz. Ebenso wichtig ist die Anpassung an die bereits spürbaren Folgen des Klimawandels. Deshalb braucht es beides: weitere Emissionsreduktionen und gleichzeitig Massnahmen, um besser mit Hitze, Trockenheit und anderen Klimarisiken umzugehen.
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