Chorprojekt für Frieden – Israelis und Palästinenser singen gemeinsam in Graubünden

Dass das Ganze überhaupt zustande gekommen ist, mag bereits ein Zeichen für Verständigung sein. Auf Einladung des Schweizer Chors «choR inteR kultuR», unter der Leitung von Fortunat Frölich, kamen ein palästinensischer Chor aus Ost-Jerusalem und ein israelischer Chor aus Tel Aviv in die Schweiz.
Erstmals versucht der Komponist, sein interkulturelles Chor-Konzept vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts zu etablieren. Ein Konflikt, der bis in unseren Schweizer Alltag hinein beschäftigt und polarisiert.
Ein einzigartiges Projekt
Doch Frölich ist nicht blauäugig, im Gegenteil. Bei allen Bedenken, die an ihn herangetragen wurden, kam er dennoch zum Schluss: «Je schwieriger ein Dialog ist, je unmöglicher, desto wichtiger wäre er.»
Rund 70 Menschen singen hier auf Hebräisch, Arabisch, Englisch und Rätoromanisch. Sie singen Kompositionen von jüdisch-israelischen, arabischen und Schweizer Komponisten. Vor allem aber singen sie zusammen. Und das ist ziemlich einzigartig.
In einer Neukomposition von Udi Perlman singen sie einen Sprach-Mix aus Arabisch und Hebräisch. In seiner Komposition «Hudumiya» mischt Perlman hebräische und arabische Ausdrücke für Stille, Verstummen und Schweigen.
Nach Angaben des Komponisten geht es ums Verschweigen des Leids der jeweils anderen Seite. Dass man deren Erzählungen von Gewalterfahrung und Vertreibung nicht hören will. Hier werden sie nun hörbar und in spannungsvoller Musik «zur Sprache gebracht».
Anspannung, Schmerz, Erleichterung
Bei den Proben von Perlmans Stück ist hohe Konzentration zu spüren. Auch Anspannung. Vielleicht sogar der Schmerz, um den es geht.
Für Erleichterung und Entspannung ist im Probencamp von St. Antönien aber auch gesorgt. Die Gruppe geht gemeinsam hinaus in die grüne Natur. Sängerinnen und Sänger springen morgens um sieben in den Alpsee, gehen wandern, spielen Karten – miteinander.
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Bild 1 von 3. Im Bündner Bergdorf St. Antönien wird ein musikalisches Projekt auf die Beine gestellt, das von Trauer, Schmerz und Hoffnung singt. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Die Teilnehmenden wollen damit den vielen friedlich gesinnten Menschen aus dem Nahen Osten eine Stimme verleihen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Proben, proben, proben: Neben all der Arbeit kommt der persönliche Austausch zwischen den Chorsängerinnen und -sängern nicht zu kurz. Bildquelle: SRF.
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Nach den künstlerisch wie emotional anspruchsvollen Proben wird abends ausgelassen gefeiert. Zu Schwyzerörgeli und Ländler legen der arabische Chorleiter Hani Kreitem und eine israelische Sängerin eine flotte Sohle aufs Parkett. Bald tanzt die halbe Mannschaft, auch draussen, mit Blick ins Tal.
«Das ist es, was wir brauchten»
Die Natur sei atemberaubend hier, schwärmen alle. Und tue den vom Krieg gestressten Seelen gut. Die arabische Christin Sonja bedankt sich: «Endlich kann ich wieder atmen. Dieses frische Grün hier, wunderbar. Und es ist so ruhig hier. Das ist es, was wir brauchten.»
Die Israelin Maya pflichtet ihr bei. Die Kraft dieser Natur hier, die Kraft der Musik und das gemeinsame Singen, das bringe sie zusammen. Maya sagt: «Jetzt entdecken wir, wie ähnlich wir uns sind.»
Viele Stolperfallen
Die Chöre in Israel und Palästina zu finden, war nicht einfach, sagt Fortunat Frölich: «An so einer Stelle wie im Nahen Osten, wo wirklich unglaubliche Brüche passieren, habe ich natürlich nicht einfach sagen können: Kommt mal her, wir machen ein bisschen Dialog.» Es brauchte lange Vorbereitung: ein Herantasten, um Chöre zu finden, die für dieses Projekt bereit waren.
Das ist der Projektchor «Wind of Change»
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Diese drei Chöre bilden den Projektchor «Wind of Change» – ein palästinensisch-israelisches Come-together:
- Jerusalem Knights Choir: ein mehrheitlich römisch-katholischer Chor aus Ost-Jerusalem, in dem aber auch Muslime mitsingen.
- Ensemble Sonora aus Tel Aviv mit einigen Profimusikerinnen und Berufssängern.
- Schweizer Sängerinnen und Sänger im Projektchor von «choR inteR kultuR».
Auch in der Schweiz war es nicht einfach, Sängerinnen und Sänger zu finden, die im Projektchor mitmachen wollten: in diesem politisch heiklen Umfeld – noch dazu mit anspruchsvoller neuer Musik.
Alle mussten an einem Strang ziehen
«Ja, das ist ein Marathon», gibt Dorothée Fierz zu. Bei der Chorpräsidentin und ehemaligen Politikerin laufen die Fäden der Organisation zusammen: von Unterbringung und Transport bis zum Sicherheitskonzept.
Zum Schutz der Teilnehmenden arbeiten die Veranstalter mit der Kantonspolizei zusammen. «Das klappt ausgezeichnet», ist Dorothée Fierz beruhigt. Am Ende zogen alle mit: Gemeinden, Kirchen und Kulturfonds unterstützten finanziell, boten Räume und Schutz.
Veranstaltungshinweis
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Die Konzerttour führt die Chorgruppe vom 19. bis zum 23. August in fünf Schweizer Städte: nach Chur, St. Gallen, Basel, Bern und Zürich.
Zum Dank fand in St. Antönien ein erstes kleines Konzert statt. Die Dorfkirche war voll. Der Wind von Veränderung, der Geist von Dialog und Annäherung – er kam hier gut an. «Liebe, nur die Liebe soll Dich leiten» – bei solchen Liedversen wehte es nicht nur den Zuhörenden einige Tränen ins Gesicht.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 19.8.2026, 7:06 Uhr;weds
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