Aus für russische „Nowaja Gaseta“: Schweigen ist keine Option

Hausdurchsuchungen und gesperrte Bankkonten: Nach über 30 Jahren muss Russlands oppositionelle „Nowaja Gaseta“ schließen. Oder geht es doch noch irgendwie weiter?
Foto: Sofya Sandurskaya/Itar-Tass/imago
„Nas ubili – sie haben uns getötet.“ Unter diesem drastischen Titel verkündete die bekannteste russische Oppositionszeitung Nowaja Gaseta am Freitagmorgen auf ihrer Webseite das endgültige Ende ihrer Existenz. „Was ich Ihnen jetzt erzähle, ist für mich persönlich eine dramatische Geschichte“, beginnt Sergei Sokolow, Chefredakteur der traditionsreichen Moskauer Zeitung seine Videoansprache. Er ist sichtlich aufgeregt und entschuldigt sich dafür. Gleichzeitig beschönigt er nichts, denn es gibt nichts zu beschönigen.
Was Sokolow in seinen folgenden Ausführungen mitzuteilen hat, ist eine katastrophale Diagnose, die nicht allein ihn betrifft und auch nicht nur die noch verbliebenen Redaktionsmitglieder. Er beschreibt ein politisches System, das alle, die mit ihm – ob freiwillig oder unfreiwillig – verbunden sind oder sich in dessen Reichweite befinden, in den Abgrund reißt. „Hört auf zu sagen, dass wir uns nicht im Stalin-Jahr 1937 befinden“, so Sokolow. „Menschen sterben in den Zellen. Punkt.“
Aus heiterem Himmel kam die Nachricht vom Aus der letzten in Russland verbliebenen kremlkritischen Zeitung keineswegs. Die vergangenen Jahre erreichten die seltenen Printausgaben nur noch eine Auflage von 999 Exemplaren, aber per Telegram und Youtube blieb die Nowaja Gaseta ihren treuen Leser*innen weiterhin erhalten. Dass sie sich an das Verbot hielt, Russlands vollumfängliche Invasion in der Ukraine nicht als Krieg zu bezeichnen, änderte nichts an ihrer inhaltlichen Ausrichtung. Ihre Botschaft blieb auch so klar und verständlich.
Seit Jahren sieht sich die Nowaja Gaseta existenziellen Problemen ausgesetzt – vom Verlust ihrer Druckerei über die Blockierung der Bankkonten bis hin zu Hausdurchsuchungen und strafrechtlicher Verfolgung des Investigativjournalisten Oleg Roldugin. Ihn bezeichnet Sokolow als „Geisel“.
Unbekannter in den Redaktionsräumen
Ausschlaggebend für die Schließung der Zeitung war ein beunruhigender Vorfall. In der Nacht auf den 26. Oktober war ein Unbekannter in die Redaktionsräume im Moskauer Stadtzentrum eingedrungen, wo die Nowaja Gaseta die letzten 29 Jahren residierte. Der langjährige Ex-Chefredakteur Dmitrij Muratow und sein Nachfolger Sergej Sokolow informierten die Belegschaft darüber noch am selben Tag – im Keller und ohne Telefone. Sie trieb nicht nur die Annahme um, dass ihr Gespräch mitgehört wird. Vielmehr äußerten sie die Befürchtung, dass die Zeitung als „extremistisch“ eingestuft werden könnte.
Für in Russland verbliebene Mitarbeiter*innen hätte eine solche Maßnahme strafrechtliche Konsequenzen zur Folge. Zum eigenen Schutz beschlossen sie, sich selbst aufzulösen. Nach so vielen Jahren engagierten und risikobereiten journalistischen Schaffens seine Niederlage eingestehen zu müssen, tut weh. „Sie haben uns in die Enge getrieben, uns blieb keine Chance mehr zu manövrieren“, fasste Nadeschda Prusenkowa, Pressesprecherin der Zeitung, die Situation zusammen.
Die allererste Ausgabe der Nowaja Gaseta erschien am 1. April 1993. Es war eine Epoche sich öffnender Möglichkeiten, die schon im Oktober desselben Jahres einen herben Dämpfer erhielt. Da ließ der damalige Präsident Boris Jelzin auf seine politischen Opponenten im Parlamentsgebäude schießen. Damals hatten viele Angst vor einem Bürgerkrieg. So weit kam es nicht, stattdessen begann im Dezember 1994 der erste Krieg gegen die nordkaukasische Teilrepublik Tschetschenien. Dessen Auswirkungen analysierte die Zeitung konsequent bis zum Schluss.
Ohne die Überzeugung der Redaktion und ihrer Autor*innen, dass Schweigen keine Option ist, wären viele Geschichten und Grausamkeiten nie aufgedeckt worden. Aber diese Überzeugung kostete etliche Leben. Anna Politkowskaja wurde vor 20 Jahren ermordet, später auch Natalja Estemirowa, ohne deren Unterstützung vor Ort Politkowskaja ihre Recherchen in Tschetschenien so fundiert gar nicht hätte umsetzen können. Friedensnobelpreisträger Dmitrij Muratow, der eine Freundschaft mit dem sowjetischen Ex-Präsidenten Michail Gorbatschow pflegte, hätte 2022 nach einem Angriff auf ihn fast sein Augenlicht verloren.
In den entferntesten Ecken
Finanziell lief es auch nie rund. Schon 1995 ging die Zeitung pleite und ein Großteil der Beschäftigten musste sich damals eine andere Arbeit suchen. Aber die Nowaja Gaseta fand immer einen Ausweg. Und sie wuchs. Durch die Kooperation mit Regionalzeitungen zeigte die Nowaja Gaseta auch in entfernten Ecken Russlands Präsenz, sogar im ukrainischen Luhansk erschien seinerzeit eine Lokalausgabe.
Eine der klügsten Entscheidungen der Leitung war es, Journalistikstudent*innen direkt von der Universität in die Redaktion zu holen und ihnen das Handwerk des kritischen Journalismus in der Praxis beizubringen. Namen wie der von Jelena Kostjutschenko sind heute international bekannt.
Die letzte Ausgabe soll noch erscheinen. Dann ist Schicht im Schacht. Am 9. November gehen die Lichter in den Redaktionsräumen endgültig aus. Aber vielleicht gehe es ja trotzdem weiter, deutete Pressesprecher Prusenkowa gegenüber der taz an. „Irgendwas fällt uns schon ein.“
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