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Tuesday, October 27, 2026

Buch über Digitalfaschismus: Wenn der Schwarm Faschismus macht

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Nicht Extremisten „kapern“ die sozialen Medien, ihre digitale Netzstruktur treibt den Faschismus voran, schreibt Simon Strick in „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“.

Aram Ghadimi

Ein oft erprobter Plot des Horrorkinos erzählt von einem bösen Ding, das man vor der Tür wähnt, während es sich längst im Inneren des Hauses befindet. Die Protagonisten rufen sich hektisch Abwehrstrategien zu, doch das Ding hat bereits die Handlung übernommen. Alle Versuche, es zu stellen, müssen letztlich an der Naivität der Beteiligten scheitern. Ähnlich geht es heute denjenigen, die eine Rückkehr des Faschismus beschwören und sich dabei hauptsächlich auf klassische Theorien stützen. Ihre Versuche, das Phänomen greifbar zu machen, missglücken.

Es lässt sich festhalten, dass viele der so abgeleiteten Fragen, wie etwa diejenige, ob „Demokratie das tolerieren muss?“, ins Leere laufen. Zum einen, weil die Demokratie das Phänomen produziert. Zum anderen, weil es nicht mit den Faschismen der zwanziger und dreißiger Jahre in Deckung zu bringen ist. Es ist genauso ansteckend, doch seine Viralität ist mutiert. Seine Uniformität marschiert nicht auf der Straße, sie löst sich in Poloshirts oder in der Meme-Culture des Internets auf. Das Monströse ruft dort als Comic-Frosch nach Vernichtung und hat gleichzeitig globale Größe erreicht.

Die Menge an Büchern, die den Faschismus erklären wollen, füllen mittlerweile ganze Bibliotheken. Gleichzeitig, meint Simon Strick, gebe es für das, was sich aktuell vollzieht, kaum mehr als eine „Armutspolitik des Sprechens“. Ihr tritt der Medien- und Kulturwissenschaftler mit seinem 300 Seiten langen Aufsatz „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“ entgegen. Seine zentrale These: Vergiss die Idee, das Internet als demokratischen Raum zu verstehen, der von Extremisten „gekapert“ wird. Eben das ist eine der größten Illusionen unserer Gegenwart. Es ist die digitale Netzstruktur selbst, die uns in den Faschismus abgleiten lässt.

Rechte Ideologie wird nicht von einem Führer persönlich verkündet, sie ist vielmehr eine Schwarmtätigkeit, mehr Flächeneffekt als Führerbefehl. Strick bespricht deshalb eher, wie Faschismus gemacht wird, als was unter dem Begriff genau zu verstehen sei – das macht sein Buch so lesenswert. Neben zahlreichen Anekdoten und Referenzen vermittelt es vor allem einen neuen Blick auf das Thema.

Was erst nur Geschwätz in sozialen Netzwerken ist, wird langsam Sprache

Strick schreibt: „Der Faschismus wird nicht wiederkommen, als fremde Macht, radikale Partei oder paradoxer Zwilling der Demokratie.“ In Anlehnung an den Psychoanalytiker Félix Guattari bedeutet das: „Er kommt nicht wieder, weil die Faschisierung bereits die ganze Zeit in dem Haus arbeitet, das man zu verteidigen meint.“ Der Horror unserer Gegenwart besteht darin, dass die Politiken des „Nie wieder“ allesamt nicht mehr greifen. Was tun? Ein erster Schritt wäre es, den Blick vermehrt auf das Prozesshafte zu richten. Oder, wie Strick es sagt, „den Weg einer Maschine nachzuvollziehen“.

Wir beginnen die Reise in einem Labor, das auch unser mentaler Zustand sein könnte. Dort begegnen wir einer Apparatur, die beständig Verkürzungen und Verknappungen vornimmt, die zuspitzt und umdeutet, neue Muster webt, während sie Komplexität und Sinnzusammenhänge zerstört. Bemerkenswert ist, dass das Auftauchen der Maschine mit dem des Rechtspopulismus zusammenfällt. Die Spuren führen zurück in die 1990er Jahre. Dort nimmt die verhängnisvolle Gleichzeitigkeit von Faschismus und Digitalisierung ihren Ausgang. Strick identifiziert sie als „tiefsitzende Verklammerung“, die landläufig als „Rechtsruck“ bezeichnet wird. Eine erschreckende Implikation dabei: Wenn die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist, dann ist es der „Prozess der Faschisierung“ womöglich auch nicht.

Worin besteht dieser Prozess? Faschisierung ist zunächst eine Eingewöhnung in „eliminatorisches Sprechen“, zitiert Strick den Philosophen Pierre Zaoui. Sie muss nicht zwingend auf einen totalitären Staat oder den Faschismus hinauslaufen. Die neue Spielart unterscheidet sich von einem Autoritarismus, der zum Schweigen zwingt. Sie fordert im Gegenteil zum Sprechen auf. Faschisierung ist „kollektives Einüben“ und tägliche Wiederholung in sozialen Netzwerken. Was zuerst nur Geschwätz ist, wird langsam faschisierte Sprache, denn die Maschine bewirtschaftet Gefühle, insbesondere negative, und ruft dabei zur Reaktion auf. Sie schlüpft dabei in die Kleider der Freiheit und in die Psyche der User, öffnet und schließt zugleich Türen, Gänge und Korridore. So entstehen die Muster der heutigen digitalen Öffentlichkeit.

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Diese ist vor allem schizoid: Soziale Medien erscheinen darin als Problem und als Lösung gleichzeitig. Sie werden als Gefahr für Demokratie ausgemacht und zeitgleich für ihre Rettung in Beschlag genommen. In den Händen der Populisten werden sie zur Waffe, in denen ihrer Gegner demokratische Heilsbringer. Letztlich aber ist es egal, womit man das Monstrum füttert, es wird größer.

Faschisierung

Simon Strick: „Faschisierung. Flucht­linie des Digitalen“. Suhrkamp, Berlin 2026, 300 Seiten, 20 Euro

Strick plädiert in seinem Essay für eine Forschung, die der Normalisierung rechtsextremer Einstellungen in der Gesellschaft nicht mit Zahlenbefunden begegnet und über den Mangel an „Zusammenhalt“ fabuliert. Auch der Ruf nach Faktenchecks, die Appelle an die „Medienkompetenz“ oder das bloße „Beobachten von Extremisten“ sind angesichts der Lage naiv. Viel mehr geht es jetzt darum, den neuen Faschismus, der überall auftaucht, verstehen zu lernen.

Ihn überdies aufzuhalten, dürfte ungemein schwieriger sein. Man wird gezwungen werden, das vertraute theoretische Zuhause zu verlassen, um an einem „ortlosen Ort“ zu kämpfen – gegen ein Monster, das gleichzeitig Gegner und Terrain der Auseinandersetzung ist.

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