Schweizer Uhrenindustrie – Die mysteriösen Uhrenlieferungen nach Frankreich

Anstieg um 80 Prozent: In der Statistik der Schweizer Uhrenexporte gibt es massive Verschiebungen, die neuesten Zahlen sind erstaunlich und werfen Fragen auf. Die Exporte der Schweizer Uhrenhersteller nach Frankreich haben im laufenden Jahr, in den ersten neun Monaten, um 80 Prozent zugenommen im Vergleich zum Vorjahr. Zumindest zeigt dies die offizielle Statistik des Bundes. Das ist ein Anstieg um mehr als 700 Millionen Franken auf knapp 1.7 Milliarden Franken. Damit ist Frankreich auf dem Papier auf einen Schlag der zweitwichtigste Absatzmarkt hinter den USA. Die Uhrenexporte nach Frankreich sind so hoch wie noch nie. Doch stimmt das überhaupt?
Spanien im Minus: Während Frankreich in der Statistik nach oben katapultiert wird, schrumpfen andere Märkte massiv – zumindest in der offiziellen Statistik. So haben die Lieferungen nach Spanien in den ersten neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent abgenommen. Auch die Exporte nach Belgien (-34 Prozent), in die Niederlande (-28 Prozent) und in andere Ländern brechen ein, so scheint es zumindest.
Spekulationen in der Branche: Die Verschiebungen sorgen in der Uhrenindustrie für Irritationen. Einigkeit besteht darüber, dass die Uhren nur teilweise in Frankreich verkauft werden, ein grosser Teil wird weitergeleitet in andere Märkte. Frankreich ist im Uhrengeschäft eine Drehscheibe, das war schon immer so. Der enorme Anstieg der vergangenen Monate ist aber schleierhaft. In mehreren Medien wurde bereits darüber spekuliert, Frankreich werde als neuer Hub aufgebaut, zum Beispiel auch um potenzielle US-Zölle zu umgehen. Das trifft so aber nicht zu. Denn keiner der grossen Hersteller hat in Frankreich ein neues Verteilzentrum aufgebaut, wie die Antworten auf eine entsprechende Anfrage zeigen.
Statistischer Effekt: Die Recherche von SRF zeigt nun, dass es für den sprunghaften Anstieg der Exportzahlen nach Frankreich einen rein statistischen Effekt gibt. Zumindest einer der grossen Schweizer Uhrenhersteller hat die Methode der Deklaration verändert. In den Zollpapieren wird nicht mehr zum Beispiel Spanien als Enddestination aufgeführt, dem Land des Endkunden, sondern Frankreich, jenes Land, das nur als Zwischenlager und Drehscheibe dient. Diese methodische Anpassung, die vor ein paar Monaten von einem grossen Hersteller eingeführt wurde, führt nun zu einer Verzerrung in der Statistik.
Umstrittenes Vorgehen: Die Zollbehörden sind mit dem Vorpreschen und Vorgehen nicht einverstanden – es gibt einen Konflikt. Denn die Regeln sind eigentlich klar. In den Zollpapieren ist die Zieldestination der Ware aufzuführen und nicht ein Zwischenlager in einem Drittland. Die Gründe für die umstrittene Änderung der Deklaration einer oder von mehreren Firmen sind unklar. Die Zollbehörden gehen davon aus, dass die Statistik erneut revidiert werden könnte, respektive, dass in Zukunft nicht mehr Frankreich als Zielort aufgeführt wird, sondern wie zuvor das Land des Endkunden. Frankreich könnte somit schlagartig in der Rangliste der wichtigsten Märkte wieder an Bedeutung verlieren.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.