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Friday, October 30, 2026

Waffenstillstand in Oleschky: Humanitäres, Handeschütteln und bleibendes Misstrauen

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In der ukrainischen Stadt Oleschky hält der vereinbarte Waffenstillstand. Hilfslieferungen treffen ein, Menschen nutzen die Chance zur Evakuierung.

Bernhard Clasen

Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn hält sich ein offizieller Vertreter der Ukraine in einer von Russland besetzten Stadt auf. Dmytro Ljubinetz, der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte, und seine russische Kollegin, Jana Lantratowa, sind am Freitagmorgen in der seit März 2022 von Russland besetzten ukrainischen Stadt Oleschky eingetroffen. Ziel der gemeinsamen Mission ist es, den in dieser Stadt lebenden Menschen eine Evakuierung anzubieten, humanitäre Hilfe in die Stadt zu fahren.

Seit Monaten herrscht in dieser Stadt eine humanitäre Katastrophe. Die Stadt ist von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten, die Zufahrtswege sind vermint, es gibt kein fließendes Wasser, keine Medikamente, kaum Lebensmittel. Von den ehemals 24.000 Einwohnern leben dort noch zwischen 1.700 bis 2.000 Menschen.

Nun haben die Ukraine und Russland eine auf Oleschky begrenzte Waffenruhe vom 27. Oktober bis zum 1. November vereinbart. Und sie hält so weit. Auch im benachbarten Cherson ist es seit dem 27. Oktober absolut ruhig. Während dieser Waffenruhe sollen Hilfslieferungen in die Stadt gebracht und Bewohner evakuiert werden. Nach Angaben des ukrainischen Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj wollen 527 Bewohner dieses Angebot annehmen und in den von Kyjiw kontrollierten Teil der Ukraine reisen.

Gemeinsam mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa hatte sich Dmytro Ljubinetz in Oleschky den Fragen der Journalisten gestellt. Auch die Fragen der russischen Journalisten beantwortete er in ukrainischer Sprache.

Menschenrechtsbeauftragte: Vertrauen und Vorbehalte

Im Juni war Ljubinetz in seiner ukrainischen Heimat in die Kritik geraten, weil er Lantratowa am Rande eines Gefangenenaustausches mit Handschlag begrüßt hatte. Die 37-Jährige hatte kurz zuvor ihr Amt angetreten. In der Ukraine ist es verpönt, Ver­tre­te­r*in­nen von Belarus und Russland die Hand zu reichen.

Ljubinetz ist voll des Lobes über seine russische Kollegin, die für seine Behörde „immer erreichbar“ sei. Fast täglich stehe man miteinander in Kontakt. Diesem regelmäßigen Austausch sei es auch zu verdanken, dass bei der Übergabe sterblicher Überreste inzwischen nicht mehr auf Gegenseitigkeit geachtet werde. Statt auf gleiche Zahlen zu bestehen, übergebe jede Seite nun so viele Leichen, wie sie gerade zur Verfügung habe.

Außerdem sei es gelungen, so Dmytro Ljubinetz, einen Kommunikationsweg für den Austausch juristischer Dokumente zwischen den beiden Ländern einzurichten. Deswegen ist es jetzt ukrainischen Bürgern möglich, über das Büro des Menschenrechtsbeauftragten Dokumente und Bescheinigungen in Russland anzufragen.

In der ukrainischen Gesellschaft unterstützt man die Bemühungen des Menschenrechtsbeauftragten Ljubinetz. Gleichwohl gibt es Vorbehalte gegen Jana Lantratowa. Diese hatte sich als Abgeordnete in Russland unter anderem an der Umsetzung des Gesetzes über „ausländische Agenten“ und Gesetzesverschärfungen gegen angebliche „Falschmeldungen“ über die russische Armee beteiligt. 2024 beschuldigte der ukrainische Geheimdienst SBU Lantratowa, an der Deportation ukrainischer Kinder aus Cherson beteiligt gewesen zu sein.

Kaum Chancen auf dauerhafte Waffenruhe

Im ukrainischen Außenministerium hofft man, dass dieser Waffenstillstand nur ein erster Schritt für weitreichendere Vereinbarungen zwischen Russland und der Ukraine ist.

Realistisch betrachtet sind die Aussichten auf eine Verlängerung des Waffenstillstands gering. Ein Blick auf die Smartphone-App, die vor Luftangriffen warnt, genügt: Nahezu alle fünf Minuten wird dort Alarm wegen neuer möglicher russischer Angriffe ausgelöst.

Erst in der Nacht zum Donnerstag wurden bei einem russischen Angriff auf einen Bahnhof in Dnipro 15 Menschen getötet. Zudem griff die Ukraine erstmals seit zwei Wochen wieder eine russische Raffinerie in der Region Samara an. Am Donnerstagabend mussten mehrere Moskauer Flughäfen zeitweise wegen angreifender ukrainischer Drohnen den Betrieb einstellen.

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