Im Test durchgefallen – China-Kosmetika aus Online-Shops sind wahre Schadstoffbomben

Kinder lieben es, mit den Farben aus den Schmink-Köfferli zu spielen. Solche Produkte dürfen deshalb keine Schadstoffe enthalten. Doch Urs Hauri, Chemiker im Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt, testet seit mehr als 10 Jahren Kosmetikprodukte und er weiss: «Gerade in Kosmetika aus Asien findet man extrem viele Stoffe, die nicht erlaubt oder sogar ausdrücklich verboten sind.»
Für den Test hat «Kassensturz» auf den ausländischen Onlineplattformen Shein, Temu, Aliexpress und Fruugo gezielt nach Kosmetika mit problematischen Inhaltsstoffen gesucht. Alle Produkte kommen aus China.
So wurde getestet
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Für den Kosmetik-Test hat Kassensturz auf bekannten ausländischen Onlineplattformen wie Shein, Temu, Aliexpress und Fruugo stichprobenmässig Produkte bestellt. Und dabei gezielt nach Kosmetika gesucht, die problematische Inhaltsstoffe enthalten könnten.
Auffallend: Alle 15 Produkte werden aus China geliefert und sind deutlich günstiger als vergleichbare Kosmetika in Schweizer Online-Shops.
Im Kantonalen Laboratorium in Basel-Stadt werden die Produkte auf problematische Inhaltsstoffe analysiert.
Testleiter Urs Hauri prüft die Inhaltsstoffe der Produkte und kontrolliert, ob unerlaubte Substanzen bei der Herstellung verwendet wurden
Darüber hinaus prüft er, ob die Hersteller die gesetzlichen Höchstwerte für einzelnen Inhaltsstoffe einhalten.
Drittes Test-Kriterium ist die Deklaration: Der Testleiter ermittelt, ob die Hersteller alle Inhaltsstoffe korrekt deklariert haben.
«Nicht konform»
In der Schweiz regelt das Lebensmittelrecht, welche Stoffe in Kosmetika verwendet werden dürfen.
Hier ist definiert, welche Stoffe (Konservierungs-, Farb- oder Duftstoffe) in Kosmetika erlaubt, nicht erlaubt oder verboten sind.
Produkte, die gegen diese schweizerischen Vorgaben verstossen, erhalten im Test die Bewertung «nicht konform». Sei es, weil sie unerlaubte Inhaltsstoffen enthalten, Höchstwerte überschreiten oder eine mangelhafte Deklaration haben.
Online-Einkauf
Für Produkte die im inländischen Handel verkauft werden, gelten die Schweizer Vorschriften, auch im Onlinehandel.
Wer jedoch selber Produkte online aus Drittstaaten (nicht EU-Staaten) bestellt, ist bei diesem sogenannten Eigenimport selber verantwortlich und geht das Risiko ein, unsichere Produkte, die nicht Schweizer Normen entsprechen, zu erhalten.
15 Produkte wurden an das Kantonslabor geschickt: vier Kosmetik-Köfferli, vier Henna-Tattoo-Sets, drei Gel-Nagellack-Sets und vier Haarfärbemittel, darunter Haarkreide für Strähnchen. Testleiter Urs Hauri hat aus allen Sets mindestens eine Stichprobe ausgewählt.
Von 15 Produkten ist kein einziges konform
Das unfassbare Fazit: Keines der 15 getesteten Produkte ist mit den Schweizer Gesetzen konform. 14 enthalten unerlaubte Substanzen, bei mehr als der Hälfte werden Höchstwerte überschritten, bei 12 Produkten ist die Deklaration nicht in Ordnung.
Die Kosmetika verletzen nicht nur die Vorschriften, sie können in vielen Fällen sogar ein konkretes Gesundheitsrisiko darstellen.
Trotz dieser Ausgangslage können die Behörden in solchen Fällen keine Massnahmen ergreifen. Gregor McCombi, Abteilungsleiter im Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt, sagt zur unbefriedigenden Situation: «Das schweizerische Lebensmittelrecht, das hier zum Zug kommt, schliesst das explizit aus, wenn Konsumenten und Konsumentinnen etwas privat importieren.»
Stellungnahmen der Onlineplattformen
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- Die Plattformen Aliexpress, Fruugo, Shein und Temu haben alle zu den Vorwürfen Stellung genommen.
- Sie schreiben «Kassensturz», sie hätten die beanstandeten Produkte aus ihrem Angebot herausgenommen.
- Sie schreiben ausserdem, sie würden die Compliance, also die Überwachung der Sicherheit, ernst nehmen, einige wollen sie noch ausbauen.
- Alle betonen, dass sie Verkaufsplattformen bzw. Online-Marktplätze seien und die Produkte nicht selber herstellten und dass die Hersteller verpflichtet seien, die Anforderungen an die Produktesicherheit einzuhalten.
Stellungnahmen im Detail:
Aliexpress:
«Aliexpress nimmt die Produktsicherheit äusserst ernst: Wir haben zwei der Artikel proaktiv identifiziert und entfernt. Die übrigen haben wir sofort nach ihrer Anfrage aus dem Angebot genommen und zurückgerufen. Darüber hinaus haben wir ähnliche Angebote vorsorglich entfernt.»
Fruugo:
«Fruugo verkauft die betreffenden Produkte nicht selbst, ist nicht am Versand beteiligt, überprüft diese auch nicht und hat ebenfalls keinen Einblick in diese. Fruugo ist nicht am Abwicklungsprozess beteiligt. …
Wir bestätigen, dass wir die identifizierten Produkte von der Fruugo-Plattform entfernt haben. Wir bitten Sie daher, sich direkt an die Händler zu wenden, um die Angelegenheit zu klären. Nachstehend finden Sie die Kontaktdaten der betreffenden Verkäufer bzw. Hersteller.»
Shein:
«Die drei betreffenden Produkte stammen alle von Drittanbietern. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet, die Abklärungen dauern noch an. Die Produkte haben wir gemäss unseren Richtlinien für Produktsicherheit weltweit aus dem Sortiment genommen. Und wir führen auf der ganzen Plattform die Überprüfung weiterer ähnlicher Produkte durch.»
Temu:
«Die betreffenden Produkte wurden im Rahmen unserer regelmässigen Überwachung bereits aus dem Sortiment genommen. Sie waren bereits vor Eingang Ihrer Anfrage nicht mehr im Verkauf. Wir haben zusätzliche Tests durch ein unabhängiges Labor veranlasst und überprüfen vorsorglich ähnliche Produkte.»
«Temu verlangt von den Verkäufern als Voraussetzung für den Verkauf auf unserer Plattform, dass sie die geltenden Anforderungen an die Produktsicherheit und die Konformität einhalten.»
Dahinter stecke ursprünglich die Überlegung, dass nicht alles kontrolliert werden könne, was aus den Ferien in die Schweiz zurückgebracht werde.
Wer aus dem Ausland bestellt, trägt die Verantwortung selbst
Wenn Produkte auf internationalen Onlineplattformen bestellt werden, sind Konsumenten und Konsumentinnen selbst verantwortlich. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit warnt deshalb davor, Kosmetika im Ausland zu bestellen.
Kinderkosmetik
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Alle Schminksets dürften in Schweizer Läden nicht verkauft werden. Sie enthalten unerlaubte Substanzen, bei der Hälfte werden gesetzliche Höchstwerte überschritten. Besonders stören Testleiter Urs Hauri unerlaubte Inhaltsstoffe in Lippenstiften, weil man diese eigentlich esse.
Henna-Tattoo
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Auch die Henna-Farbsets sind «nicht konform». Sie verstossen gegen die gesetzlichen Vorgaben für Inhaltsstoffe, Höchstwerte und Deklaration.
Ausser dem Set der Plattform Aliexpress enthalten alle Henna-Produkte unerlaubte Substanzen. Dazu kommt, dass sie massiv zu viel Benzylalkohol aufweisen. Dieses Lösungs- und Konservierungsmittel kann Kontaktallergien auslösen, erklärt die Berner Dermatologin Christina Bürgler.
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Bei allen Gel-Nagellack-Sets beanstandete das Labor die Deklaration: Bei den Produkten von Temu und Aliexpress haben die Hersteller es unterlassen, stark allergieauslösende Acrylate anzugeben.
Einige Nagellacke dürfen nur von Profis in Nagelstudios verwendet werden. Der nötige Warnhinweis fehle aber, kritisiert Testleiter Urs Hauri. Er betont: «Konsumentinnen und Konsumenten müssten sich ein Bild des Produkts machen können, denn Nagellack enthält allergieauslösende Stoffe.»
Gel-Nagellack
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Das Labor hat eine Auswahl von Nagellack-Farben analysiert. Für alle gilt: nicht konform. Sie fallen bei den Testkriterien Deklaration und unerlaubte Substanzen durch. Beim Fruugo-Produkt überschreitet zusätzlich ein Konservierungsmittel den zugelassenen Höchstwert.
Haarfärbemittel
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Haarfärbemittel fallen beim Kriterium «unerlaubte Substanzen» durch. Teilweise enthalten sie Stoffe, deren Verwendung in Kosmetika verboten ist. Es ist keine Überraschung, dass die verbotenen Stoffe auch nicht deklariert sind.
Kosmetika sind auch in China voller Schadstoffe
Die «Kassensturz»-Analyse hinterlässt ein erschreckendes Bild der chinesischen Kosmetika. Doch woher kommen die Kosmetik-Köfferli eigentlich? SRF-China-Korrespondent Lukas Messmer hat sich auf die Suche gemacht und Kosmetika vor Ort testen lassen.
Die Schmink-Sets, die «Kassensturz» bestellt hat, sind nur ein winziger Bruchteil des Angebots chinesischer Onlineplattformen wie Temu. Unzählige Händler bieten Tausende nahezu identische Produkte an, oft zu Preisen von wenigen Franken.
«Kassensturz» ist an Ihrer Meinung interessiert
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«Plattformen wie Temu oder Aliexpress ermöglichen Konsumentinnen und Konsumenten einen direkten Zugang zu diesem gigantischen Markt», sagt Messmer.
Um herauszufinden, wo die Produkte hergestellt werden und ob die in China verkauften Versionen ebenfalls problematische Inhaltsstoffe enthalten, bestellt der SRF-Korrespondent mehrere Schminksets direkt vor Ort. Die Kosten: knapp fünf Franken.
Der Vergleich mit den Produkten aus der Schweiz zeigt: Verpackung und Aufmachung sind praktisch identisch. Ob aber auch die deklarierten Inhaltsstoffe stimmen, will SRF in einem Labortest prüfen.
Wir stellen immer wieder fest, dass Inhaltsstoffe enthalten sind, die gar nicht aufgeführt werden.
Ein geeignetes Labor zu finden, erweist sich jedoch als schwierig. Ausländischen Medien begegnen viele chinesische Unternehmen und Institutionen mit grosser Zurückhaltung. Nach mehreren Absagen erklärt sich ein privates Testlabor in Peking bereit, die Produkte zu untersuchen. Es ist darauf spezialisiert, mangelhafte oder illegale Produkte aufzuspüren und gegen deren Hersteller vorzugehen.
Chinesische Befunde decken sich mit den Schweizer Analysen
«Wir testen seit vielen Jahren Produkte und stellen immer wieder fest, dass Inhaltsstoffe enthalten sind, die gar nicht aufgeführt werden», kritisiert Labordirektor Long Hao. Und er spricht Klartext: «Deshalb vertraue ich nicht darauf, was auf der Verpackung steht. Ich verlasse mich nur auf Tests.» Seinen eigenen Kindern würde er kein solches Schminkset kaufen, sagt er lächelnd.
Solche Schminksets wurden in China über lange Zeit als Spielzeug verkauft. Inzwischen gelten sie als Kosmetika, mit deutlich strengeren Vorschriften. Zwar führen die Behörden regelmässig Kontrollen, Rückrufe und Razzien durch. Doch es gelangen weiterhin mangelhafte und teilweise gefährliche Produkte auf den Markt.
Die Qualität der Produkte wird faktisch nicht kontrolliert.
Die Laboranalyse bestätigt die Bedenken: Im untersuchten Nagellack finden sich nicht deklarierte und giftige Inhaltsstoffe. Ein klarer Verstoss gegen die Vorschriften. Und die Resultate decken sich mit den Ergebnissen aus dem kantonalen Labor Basel-Stadt.
SRF-Korrespondent Messmer trifft für die Recherche auch Wang Hai. Der Konsumentenschützer kämpft seit 30 Jahren gegen Betrug und minderwertige Produkte. Deshalb hat er ein eigenes Testlabor gegründet. Die Ergebnisse der Analysen überraschen ihn nicht. Dass solche Billig-Artikel in die Schweiz gelangen, ist für ihn die Folge eines gnadenlosen Preiskampfes.
Hinter Tiefstpreisen verbergen sich oft Qualitätsmängel
«Die Qualität der Produkte wird faktisch nicht kontrolliert», sagt er. «Wenn die Aufsicht fehlt, zählt am Ende nur noch der Preis. Der Wettbewerb unter chinesischen Herstellern ist enorm, besonders für kleine Unternehmen ohne bekannte Marken.»
Man nimmt das Risiko in Kauf, Durchfall zu bekommen.
Genau das sei der Kern des Problems. Auf Plattformen wie Temu setze sich oft das billigste Angebot durch, unabhängig von der Qualität, erklärt Wang Hai.
Seine Schlussfolgerung ist einfach: Wer extrem günstig einkauft, darf keine hochwertigen Produkte erwarten. Er erklärt es mit einem einfachen Beispiel: «Es ist, wie wenn man an einem Stand am Strassenrand etwas isst», sagt Wang Hai. «Dann nimmt man auch das Risiko in Kauf, Durchfall zu bekommen.» Für ihn gilt deshalb eine einfache Regel: Man bekommt, wofür man bezahlt.
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