Saisonniers verzweifelt: «Auch kleine Wohnungen kosten 1900 Fr.»

- Einheimische und Saisonarbeiter finden in Zermatt kaum noch Wohnungen – das Problem hat sich längst auf Täsch und Randa ausgeweitet.
- Im Winter steigen Tourismusnachfrage und Wohnungsknappheit gleichzeitig; Airbnb und teure Neubauten verschärfen die Lage zusätzlich.
- Hotelier Heinz Julen will mit dem Projekt «Lina Peak» neuen Wohnraum schaffen – 600 Unterschriften sind nötig, damit darüber abgestimmt werden kann.
«Es ist schon fast ein Fulltime-Job, eine Wohnung zu suchen», sagt Alexandros (36) zu 20 Minuten. Ende November muss er aus seiner jetzigen Unterkunft raus. Seither durchforstet er Inserate auf allen möglichen Plattformen: «Man findet so gut wie nichts. Und wenn man etwas findet, ist es sehr teuer.» Eine 1,5-Zimmer-Wohnung sei kaum für weniger als 1900 Franken zu haben.
Das Problem beschränke sich längst nicht mehr auf Zermatt. Alexandros arbeitet in Täsch und wohnt gemeinsam mit Karina (33) in Randa VS, weil sie in Zermatt nichts gefunden haben: «Es ist günstiger, in Randa zu wohnen als in Zermatt, dafür besteht die Gefahr, durch einen Steinschlag oder eine Lawine zu sterben», so Karina (33).
«Weiter weg zu wohnen, kommt nicht infrage»
Besonders schwierig ist die Situation für Saisonangestellte. Im Winter, wenn Zermatt besonders viel Personal benötigt, steigt gleichzeitig die Nachfrage nach Wohnungen. Einige Arbeitgeber stellen ihren Angestellten deshalb Unterkünfte zur Verfügung. Doch auch das könne zum Problem werden: «Dann bist du abhängig vom Job», sagt Alexandros.
Er kennt Personen, denen gekündigt worden sei und die daraufhin innerhalb kurzer Zeit auch ihre Wohnung hätten verlassen müssen. Weiter weg zu wohnen, ist für ihn keine Alternative: «In Visp zu leben, kommt nicht infrage. Wenn man um sechs Uhr morgens bei der Arbeit sein muss, dann reicht es mit dem ersten Zug einfach nicht.»

«Der Wohnungsmarkt ist eine Katastrophe»
Auch Florian vom Vernissage in Zermatt spürt die Wohnungsnot bei der Personalsuche. Der Betrieb stellt den Angestellten Unterkünfte zur Verfügung: «Der Tourismus und auch unser Betrieb sind in den letzten Jahren gewachsen, der Wohnungsmarkt hingegen nicht.» Im Winter steigt die Zahl der Mitarbeitenden von sieben auf 27.
Gerade in der Hochsaison werde es schwierig, genügend Wohnraum zu finden. «Ein kleines Studio kostet schnell 1000 bis 1200 Franken.» Der Betrieb stellt seinen Angestellten deshalb Zimmer für rund 650 Franken zur Verfügung. Trotzdem erschwere die Wohnsituation die Suche nach qualifizierten Fachkräften: «Leute mit einer guten Ausbildung haben etwas höhere Ansprüche als ein Zimmer, wo man teilweise das Bad und die Küche teilen muss.»

Trotz des Wohnungsmangels wolle man die Mitarbeitenden nicht auf engstem Raum unterbringen. «Wir wollen auch nicht wie andere Betriebe vier Leute in ein Zimmer stecken.» Zusätzlich verschärfe Airbnb die Lage, sagt Florian. «Viele Leute vermieten lieber dort eine Wohnung an Touristen, da dies lukrativer ist.»
«Einheimische finden praktisch keine Wohnung mehr»
Auch Hotelier Heinz Julen ist mit dem Wohnungsmarkt unzufrieden. «Es ist eine Katastrophe, vor allem im Winter. Einheimische finden praktisch keine Wohnung mehr, Saisonarbeiter schon gar nicht.» Gleichzeitig werde in Zermatt viel gebaut. «Zermatt wird überflutet mit teuren Bauten. Fast jede Wiese ist mittlerweile zubetoniert.»
Julen spricht sich nicht per se gegen das Bauen aus, seiner Meinung nach entsteht jedoch zu wenig bezahlbarer Wohnraum. Besonders kritisch sieht Julen die Entwicklung bei den Zweitwohnungen. «Zweitwohnungen in Zermatt haben enorm an Wert gewonnen. Wer schlussendlich davon profitiert, sind die Immobilienhändler.»
Zweitwohnungsgesetz
Seit 2016 gilt das Zweitwohnungsgesetz. Es beschränkt in Gemeinden wie Zermatt den Bau neuer Zweitwohnungen, wenn deren Anteil bereits über 20 Prozent liegt. Grundlage dafür ist die 2012 angenommene Zweitwohnungsinitiative.

«Die umliegenden Dörfer sind auch betroffen»
Die Wohnungsnot beschränke sich nicht mehr nur auf Zermatt: «Das Problem hat sich auch auf Täsch oder Randa ausgeweitet.» Gerade in Täsch sei der Ausländeranteil stark gestiegen, weil viele Wohnungen für das Personal gebaut wurden. «In Täsch hat es fast mehr Portugiesen als Einheimische», so Julen.
Gleichzeitig würden immer mehr Einheimische wegziehen. «Jetzt haben wir das Problem, dass viele Einheimische einfach auswandern, zum Beispiel nach Visp.» Doch auch fürs Personal sei ein immer längerer Arbeitsweg keine Lösung: «Wenn der Arbeitsweg für das Personal zu gross wird, kommen die Leute auch nicht mehr.»
Was hilft aus deiner Sicht am besten gegen die Wohnungsnot in Tourismusorten?
260-Meter-Turm gegen die Wohnungsnot
Julen besitzt selbst ein Restaurant, ein Hotel und verschiedene Immobilien in Zermatt. Nun will er mit einem deutlich grösseren Projekt zusätzlichen Wohnraum schaffen: Mit dem geplanten 260 Meter hohen «Lina Peak» sollen unter anderem Wohnungen für Einheimische und Angestellte entstehen. Das geplante Hochhaus sorgte bereits in der Vergangenheit für Diskussionen.
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Bis der Turm gebaut werden kann, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Für das Projekt ist eine Umzonung nötig. Zunächst müssen 600 Unterschriften gesammelt werden, damit die Zermatter Bevölkerung darüber abstimmen kann.
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