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Sunday, August 30, 2026

Sechs Monate Krieg – Vom Aufbruch in die Verzweiflung – Stimmen aus dem Iran

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Anfang Jahr schien ein Wandel im Iran zum Greifen nah. Nach Jahren der Repression und Misswirtschaft, entlud sich der Zorn der Bevölkerung. Zuerst schlossen aus Protest die einflussreichen Händler in den Basaren ihre Läden. «Die Lage ist wirklich ernst. Meine Kunden können sich kaum noch Gemüse oder Früchte leisten», berichtete damals Mohammed, der Besitzer eines kleinen Supermarktes in der Stadt Yazd. Ihm bliebe nichts anderes übrig, als zu schliessen.

Die Proteste

Diesem Protest schlossen sich Anfang Januar Hunderttausende im ganzen Land an. In den grossen Städten hallten die Rufe «Tod dem Diktator» durch die Strassen. Die Hoffnung, damit das Regime zu stürzen, war gross, auch bei Sorush, einem jungen Unternehmer aus Teheran: «Ich bin sicher, wir stehen vor einem Umbruch. Ich hoffe, dass wir das aus eigener Kraft erreichen.»

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  • Bild 1 von 4. Die landesweiten Proteste begannen in Teheran Ende Dezember 2025 als Reaktion auf die gescheiterte Wirtschaftspolitik und breiteten sich auf Universitäten und andere Städte aus. (9.1.2026) . Bildquelle: IMAGO/Middle East Images.

    Grosse Flammen brennen auf der Strasse, umgeben von einer Menge Menschen in einer nächtlichen Szene.
  • Bild 2 von 4. Iranische Polizisten stehen Wache, während Studenten im Januar vor der britischen Botschaft in Teheran protestieren. Bildquelle: Keystone/EPA/ABEDIN TAHERKENAREH.

  • Bild 3 von 4. Das Gebäude der staatlichen Steuerbehörde brannte im Januar während der Proteste im Iran in einer Strasse in Teheran nieder. Bildquelle: Reuters/Majid Asgaripour/WANA .

  • Bild 4 von 4. Ein riesiges Transparent mit der iranischen Flagge und dem Slogan «Der Iran ist unsere Heimat, die Flagge ist unser Leichentuch» auf dem Enghelab-Platz in Teheran. (15.1.2026). Bildquelle: IMAGO/Anadolu Agency/Fatemeh Bahrami.

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Doch die Proteste wurden mit brutaler Härte niedergeschlagen. Die Regierung sprach von rund 3000 Opfern, die UNO von 5000, während das «Time Magazine» unter Berufung auf Quellen im Gesundheitsministerium die Zahl auf bis zu 30'000 schätzte.

Das Regime machte ausländische Mächte für die Gewalt verantwortlich und setzte auf massive Repression. Überdimensionale Propagandaplakate prägten seither das Strassenbild, während Uniformierte patrouillierten und erste Hinrichtungen stattfanden.

In dieser aufgeladenen Stimmung versprach US-Präsident Donald Trump Hilfe von aussen: Er wolle mit einer «Armada» den Menschen im Iran zu Hilfe eilen, sollten noch mehr Menschen hingerichtet werden. Das machte vielen Iranerinnen und Iranern Mut, dass eine Intervention dem Regime ein Ende setzen könnte.

Der Krieg

Rund vierzig Tage später kam die sogenannte Armada, in der Nacht auf den 28. Februar. US-amerikanische und israelische Kampfflugzeuge griffen Ziele im Iran an. Bei einem der ersten Schläge wurden der oberste Führer Ayatollah Ali Chamenei und Teile der Führungsriege getötet. Während US-Präsident Trump die Revolutionsgarden zur Aufgabe aufforderte, rief er das iranische Volk dazu auf, die Regierung zu übernehmen.

Doch die versprochene Befreiung brachte Zerstörung: Gleich am ersten Tag traf ein Marschflugkörper der US-Armee eine Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab. Etwa 170 Menschen starben, die meisten davon Kinder. Die Angriffe, die knapp sechs Wochen andauerten, zerstörten neben Militäranlagen auch zivile Infrastruktur wie Brücken und Fabriken. Gerade die Stahlindustrie, nach Öl und Gas der zweitwichtigste Exportzweig, kam besonders unter Beschuss.

Die Stimmung im Land kippte. «Dieser Krieg wird den Iranern mehr schaden als allen anderen. Ich lehne das Regime zwar auch ab, aber ich bin entschieden gegen diese Art, es zu stürzen», sagte Ali aus Teheran, der im Januar noch auf der Strasse protestiert hatte.

Diaspora: Die Rolle des Exil-Kronprinzen und seiner Anhänger

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Ein Mann in einem Anzug spricht hinter mehreren Mikrofonen.
Legende: TT News Agency/Fredrik Sandberg via REUTERS

Die iranische Diaspora, die sich nach der Revolution von 1979 und in späteren Wellen über die ganze Welt verteilt hat, ist politisch tief gespalten. Eine der sichtbaren Figuren ist Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs. Über soziale Medien und persischsprachige Sender im Ausland versuchte er, Einfluss auf die Geschehnisse im Iran zu nehmen. So rief er Anfang Jahr zu Grosskundgebungen auf und bewunderte den Widerstand der Protestierenden. Seine Anhänger, oft Monarchisten, sehen in ihm die legitime Führungspersönlichkeit für einen post-islamischen Iran und hoffen auf eine Restauration.

Diese Hoffnung führte jedoch zu einer tiefen Kluft zwischen Teilen der Diaspora und vielen Menschen im Iran. Während im Land die Angst vor Bomben und Zerstörung umging, feierten Pahlavi-Anhänger etwa in London euphorisch den Krieg und den Tod Chameneis. Sie schwenkten amerikanische und israelische Flaggen. Eine Monarchistin erklärte gegenüber dem «Guardian», man habe bei den Amerikanern «regelrecht um eine militärische Intervention betteln müssen».

Solche Äusserungen stiessen im bombardierten Iran, selbst bei Regimegegnern, auf grosses Unverständnis und Empörung. Die Haltung verstärkte den Eindruck einer vom Leid der Bevölkerung entkoppelten Exil-Elite und erschwerte eine geeinte Opposition gegen das Regime in Teheran.

Während einige Exil-Iraner das Eingreifen der USA feierten, wuchs im Iran die Erkenntnis, dass die versprochene «Armada» nicht kam, um den Menschen beizustehen. Dies wurde umso deutlicher, als Donald Trump über seinen Kanal mit der Auslöschung der ganzen Zivilisation im Iran drohte.

Als Reaktion auf Trumps Auslöschungsdrohung forderte die Landesführung die Bevölkerung auf, menschliche Schutzschilde um potenzielle US-Ziele zu bilden. Dem Aufruf folgten nicht nur Regierungsanhänger. Der Musiker Ali Ghamsari veröffentlichte ein Video von sich vor einer Nuklearanlage. Seine Aktion zeigte, dass die iranische Gesellschaft, trotz tiefer Gräben, in Zeiten der Krise, zusammenrückt.

Der Expertenrat ernannte Modschtaba Chamenei, den Sohn des Getöteten Ali Chameneis, zum neuen Obersten Führer. Dieser zeigte sich aber nie öffentlich. Seine Person dient den Revolutionsgarden als ideale Hülle, die sie mit ihren Inhalten füllen können. Dieselben Revolutionsgarden, die die Proteste blutig niedergeschlagen hatten, sicherten sich so de facto die alleinige Macht im Iran. Als Reaktion auf die Angriffe begann der Iran, die strategisch wichtige Strasse von Hormus zu blockieren, was die eigene Bevölkerung noch weiter unter Druck stellte.

Ali Ghamsari

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Der Musiker Ali Ghamsari spielte vor der Damavand-Nuklearanlage im Norden des Irans auf seiner Tar, einem persischen Saiteninstrument:

Er sei hier, in der Hoffnung, dass der Klang seines Instruments den Strom in den Häusern aufrechterhalten und Frieden bringen könne. Er tue dies nicht aus politischer Überzeugung, sondern um die Heimat, den Iran, zu beschützen.

Die Waffenruhe

Nach einer durch Pakistan vermittelten Waffenruhe am 8. April kehrte eine trügerische Ruhe ein. «Wir fühlen uns wie Ertrinkende, die den Kopf nur für ein paar Sekunden aus dem Wasser heben, um tief Luft zu holen, bevor wir wieder hinuntergezogen werden», beschrieb Farid, ein Instagrammer aus Teheran, die Stimmung in der Stadt.

Egal, was man kauft, man denkt sich: ‹Mein Gott, gestern hat das noch die Hälfte gekostet.›

Der Alltag war noch immer geprägt von der Internetsperre, die Schätzungen zufolge bis zu neun Millionen Menschen die Lebensgrundlage entzog. Wer konnte, behalf sich mit teuren VPN-Zugängen, um die Zensur zu umgehen. Gleichzeitig explodierten die Lebensmittelpreise durch die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus. «Egal, was man kauft, man denkt sich: ‹Mein Gott, gestern hat das noch die Hälfte gekostet.›», klagte die Rentnerin Mehbobeh.

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  • Bild 1 von 4. Bereits im Januar verhängten die iranischen Behörden infolge landesweiter Massenproteste eine nahezu vollständige Internetsperre. Bildquelle: Reuters/Majid Asgaripour/WANA .

  • Bild 2 von 4. Eine Plakatwand in Teheran zeigt den US-Präsidenten mit Händen um den Hals, unter der Aufschrift «Rache ist unvermeidlich». (24.8.2026). Bildquelle: AP Photo/Vahid Salemi.

  • Bild 3 von 4. Menschen in Teheran gehen an einem Plakat mit einem Bild des verstorbenen obersten Führers, Ayatollah Ali Khamenei, vorbei. (17.6.2026). Bildquelle: Reuters/Majid Asgaripour/WANA .

  • Bild 4 von 4. Trotz Krieg geht der Alltag am Fischermarkt in Bandar Abbas weiter. Bildquelle: Reuters/ Majid Asgaripour/WANA.

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Anfang Juni lockert die Regierung die Internetsperre. Einigen Nutzerinnen kommt dies so vor wie der Ausbruch aus dem Gefängnis: «Hallo, liebe Mitgefangene. Ich fühle mich wie im Kurzurlaub!», schreibt eine Studentin auf Instragram. Doch den wiedergewonnenen Freiheiten trauen viele nicht.

In den sozialen Medien kursiert der Ausdruck «Filternet», der die Angst beschreibt, dass der Staat den Datenverkehr nun noch genauer überwachen kann. Regimekritische Stimmen verstummen zusehends. An ihre Stelle traten Regierungsanhänger, die im Namen der nationalen Sicherheit selbst die Zensur gutheissen. «Meiner Meinung nach sollte jede Regierung die Befugnis haben, ihr eigenes Internet zu kontrollieren, um das Land zu schützen», sagt etwa Mohamed aus Teheran.

Auf den Strassen, wo Anfang Jahr noch Protestierende demonstriert hatten, schwenkten nun sogenannte «Arzeschis» – Gefolgsleute der Regierung – die iranische Fahne und warben für die Opferbereitschaft für das Vaterland. Der Krieg, der das Volk befreien sollte, schien das Gegenteil bewirkt zu haben: Er hatte die Macht der Hardliner gefestigt.

Das Rahmenabkommen

Überraschend schien sich auch US-Präsident Trump mit der neuen Führung arrangiert zu haben. Am 17. Juni unterzeichneten die USA und der Iran ein Rahmenabkommen, das den Krieg beenden und die Strasse von Hormus wieder öffnen sollte.

Im Iran wurde dies als Verrat empfunden. «Wir haben so viele Opfer gebracht, wurden unterdrückt und von allen Seiten beschossen, und nun verbrüdern sich die Regierungen über unsere Köpfe hinweg», sagte die enttäuschte Mehbobeh. Ihre anfänglichen Hoffnungen auf einen entscheidenden Wandel im Iran gingen im Krieg unter: «Der Krieg war ein Fluch, er brachte nichts als Zerstörung.»

Doch auch dieses Abkommen hielt nicht lange. Anfang Juli liess Trump die Vereinbarung platzen. Nach einem halben Jahr voller Protest, Krieg und Zerstörung stehen sich der Iran und die USA wieder am Ausgangspunkt gegenüber. Gefangen in diesem Teufelskreis ist das iranische Volk, dessen Ruf nach Freiheit im Lärm um die Macht am Persischen Golf ungehört verhallt.

«International» – Reportagen aus aller Welt

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Die Welt ist unübersichtlich geworden – «International» hilft, sie zu verstehen. Mit den SRF-Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten reisen wir dorthin, wo Geschichten entstehen: Krisengebiete, Wirtschaftsmächte, vergessene Regionen.

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