Bestseller aus den USA – «Fiasko»: Viel Hype, viel Sex, viel Selbstzerstörung

Manche suchen Liebe. Andere Anerkennung. Alle suchen Zugehörigkeit. Tony Tulathimutte erzählt in seinem Roman von Menschen, die genau daran scheitern.
Kant gehört dazu. Der Game-Designer ist schwul, steht auf Erniedrigung – und ist auf dem Weg zu einem Tinder-Date. Wenig später liegt das Date bäuchlings auf Kants Schoss. Er soll ihm den Po versohlen. Kant will liefern. Nur fehlt ihm jedes Talent dafür. Zu mechanisch. Zu wenig Dirty Talk. Nach wenigen Minuten ist die Stimmung ruiniert.
Fiasko eben.
Viele Vorschusslorbeeren
Genau darin liegt der Sog dieses Buches. Tulathimutte lässt seine Figuren mit voller Wucht selbst gegen die Wand fahren.
«Fiasko» (im Original «Rejection», Zurückweisung) triefe vor Zeitgeist, so das Feuilleton. Die Etiketten wurden schnell verteilt: Das grosse Buch des Internetzeitalters. Das Buch des Jahrtausends, so der «Spiegel». Normalerweise kann ein Buch daran nur scheitern.
Tulathimutte erzählt sieben lose verbundene Geschichten. In «Der Feminist» hält sich Craig für einen aufgeklärten Verbündeten der Frauen. Nur will keine etwas von ihm. Seine Jungfräulichkeit schleift er «wie einen Leichensack» mit sich herum. Er flüchtet sich in BDSM-Pornos, in denen «faire Produktionsbedingungen herrschen». Doch mit jedem Korb wächst der Groll. Und plötzlich erscheinen ihm Incel-Foren als plausibler Ort.
Das grosse Gekränktsein
Ob Start-up-Typ, Internettroll, verlorenes Girl mit Raben als Haustier: Alle haben Komplexe. Zu schmale Schultern, zu dick, zu wenig düster für einen Sadisten.
Die Opferrolle wird für die Figuren zum sicheren Ort. Von dort aus lässt sich die Welt anklagen, ohne sich selbst zu hinterfragen. Doch Tulathimutte macht sich darüber nicht lustig. Er zeigt, wie menschlich und wie gefährlich dieser Reflex ist.
Tulathimutte nimmt jeden ins Visier: Linke, Rechte, Männer, Frauen, Heteros, Non-binäre. Alle basteln an einer Identität. Und alle können sich darin verlieren.
Exemplarisch dafür steht Bee. Bee will nicht Frau sein, nicht Thai sein. Einfach keine Identität haben. Ihre linke Studenten-WG? Überfordert. Kein Label passt.
Bee nerven die Linken mit ihrem «Jargon, den sie schweissgebadet runterstottern, um zu zeigen, was sie sich über deine Existenz angelesen haben». Genau wie der leidende Blick «als müssten sie einen Furz einhalten, sobald sie spüren, dass ihre guten Absichten nicht gewürdigt werden.»
Jeder Satz sitzt
Tulathimutte beherrscht sein Handwerk. Der Sohn thailändischer Einwanderer studierte in Stanford Informatik, Linguistik, Mathematik und Philosophie. Arbeitete einst im Silicon Valley. Hier schreibt jemand, der gerne und viel denkt. Das Buch verlangt Aufmerksamkeit und belohnt sie.
Buchhinweis
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Tony Tulathimutte: «Fiasko». Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. dtv, 2026.
Was selbst die schrägsten Szenen veredelt? Die Sprache. «Nach dem Motto ‹Team globaler Süden› hängte sie sich an mich dran und sprang von null auf BFF». Der 43-Jährige liefert seitenlange Whatsapp-Chats («ich mach sofort die BEINE BREIT für nen mann der kleine räume einrichten kann») und ein Porno-Drehbuch.
Viel Sarkasmus. Viel Selbstzerstörung. Viel Sex. Der Hype kommt nicht von ungefähr.
Tulathimutte schreibt über Menschen, die verzweifelt nach Zugehörigkeit suchen und dabei irgendwann nur noch die Schablone sehen, die sie für sich selbst gebaut haben. Damit wird er den grossen Worten auf bemerkenswerte Weise gerecht.
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