Briefroman von Jens Steiner – Zurück in die 80er: Als Zürich noch Räume für Träume hatte

Jens Steiner erfindet sich gerne neu. Das ist jeweils keine grosse Sache, denn es geht ihm ja nicht um sich selbst. Er tut es einfach, weil sein aktueller Stoff es gerade von ihm verlangt.
So ist das auch beim aktuellen Roman «Jo, Tess und die anderen». Ein Briefroman, der zehn Jahre aus dem Leben einer Gruppe von jungen Leuten in einem kommunenartigen Wohnprojekt in Zürich-Wollishofen erzählt.
Lauter unterschiedliche Leute aus der linksalternativen Szene der 1980er-Jahre, die neben den damals üblichen Kämpfen gegen die Atomkraft und für den Frieden allesamt interessiert sind an neuen Formen des Zusammenlebens.
Ein Haufen persönlicher Korrespondenz
Erzählt wird die Geschichte von heute aus, respektive aus der Zeit, in der Corona ausbricht und plötzlich genug Zeit für Rückblicke da ist. Tomek, heute Mitte 40 und damals das einzige Kind im Haus, findet einen Stapel Briefe. Diese wurden in den Jahren 1979 bis 1989 zwischen den Leuten im Haus und denen, die aus unterschiedlichsten Gründen gerade anderswo waren, hin und hergeschickt. In deren Zentrum steht eine Geschichte aus dem Haus selbst: die von Jo und Tess.
Buchhinweis
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Jens Steiner: «Jo, Tess und die andern». atlantis, 2026.
Jo ist Anwalt und charismatischer Kopf der Gruppe in Wollishofen, der eines Tages plötzlich verschwindet, ohne irgendjemandem Bescheid zu geben. Monate später taucht er wieder auf. Das wiederholt sich einige Male, bis Jo schliesslich definitiv wegbleibt.
Tess, seine Ehefrau und über Jahre hinweg weibliche Integrationsfigur des Hauses, gerät in eine massive Krise. Im Verlauf der Jahre findet sie ihren Weg und macht eine Wandlung durch, die ebenfalls zu dieser Zeit gehört: den Weg in die Spiritualität.
Zeitreise zwischen Buchdeckeln
Zu dieser zentralen Geschichte gesellen sich viele andere. Die von Robert etwa, der nach Stuttgart heiratet und erst mit der Zeit merkt, mit Tess die Frau fürs Leben bereits gefunden zu haben. Die des «Greis», der einer der ersten gewesen ist, der sich in Zürich mit den Fragen des Zusammenlebens jenseits von systembedingter Norm und Gewohnheit auseinandergesetzt hat. Oder die des damaligen Kindes Tomek, der sich die Frage stellt, warum die Leute aus dem Haus mit ihren Träumen gescheitert sind.
Aber bei aller Politik: Der Reiz des Buches besteht auch im Zeit- und Lokalkolorit. Das Plakat des Theaterspektakels 1982 zum Beispiel, das einmal beschrieben wird. Oder dieser Plastikdrehwürfel, der plötzlich auftaucht. Und ganz grundsätzlich ist der Roman auch eine Hommage an Zürich selbst. An eine Stadt, die sich damals gerade von einem provinziellen Nest zu einem Ort entwickelt, in dem es eine Rote Fabrik gibt und später sogar eine Street Parade.
Dazu eine kunstaffine Jugend, die in günstigen Wohnungen in Quartieren lebt, die heute unbezahlbar sind. Für junge Menschen muss die Lektüre des Buches mit Staunen und vielleicht auch mit etwas Neid verbunden sein. Für die, die Zürich in den 1980er-Jahren erlebt haben, ist es ein Heimkommen.
Die eigentliche Leistung des Buches aber ist die Form: der Briefroman. Der Versuch, mittels persönlicher Briefe nicht nur Personen und Geschichten zu beschreiben, sondern auch eine gesellschaftliche Situation. Das ist Jens Steiner geglückt. So gut sogar, dass man sich beim Lesen bei der Frage ertappt, warum all diese Leute aus dem Haus in Wollishofen so wunderbare Briefe schreiben können.
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