Distanz zu Putin: Wie Belarus' Machthaber Lukaschenko seine Gefangenen verkauft

Distanz zu PutinWie Belarus' Machthaber Lukaschenko seine Gefangenen verkauft
20.09.2026, 14:07 Uhr
Von Artur Weigandt
In Belarus kommt immer wieder eine größere Zahl politischer Gefangener frei. Diktator Lukaschenko nutzt sie als Faustpfand, um Lockerungen von US-Sanktionen zu erreichen. Damit entfernt er sich zugleich von Putin.
Am Mittwochmorgen holten Angehörige ihre Familienmitglieder aus den belarussischen Straflagern ab, am selben Tag standen sie im litauischen Vilnius, empfangen von Vertretern der Exilopposition, von Unterstützern, von Verwandten, die manche Jahre nicht gesehen hatten. 25 Gefangene ließ das Regime in Minsk frei, im Gegenzug für eine weitere Lockerung amerikanischer Sanktionen - ausgehandelt bei einem Treffen zwischen dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko und John Coale, dem Sondergesandten von US-Präsident Donald Trump. "25 Gefangene sind heute frei!", verkündete Coale nach den Gesprächen auf X. Und schob nach: Man sei noch nicht fertig.
Das ist der Ton dieser Diplomatie - triumphal, transaktional, gnädig. Und er verdeckt, was hier eigentlich geschieht. Denn was in Minsk verhandelt wird, ist keine Menschlichkeit, sondern ein Geschäftsmodell. Lukaschenko hat entdeckt, dass politische Gefangene sich in harte Währung verwandeln lassen: in Sanktionserleichterungen, in eingefrorene Millionen, in das Ende seiner internationalen Isolation. Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat es beim Namen genannt. Lukaschenko lasse Menschen nicht aus Menschlichkeit frei, sondern weil sie für ihn Ware seien - die er so teuer wie möglich verkaufen wolle.
Der Preis lässt sich beziffern. Für die jüngsten 25 strich Washington zwei belarussische Konzerne von der Sanktionsliste: den Farben- und Lackhersteller Lakokraska sowie das staatliche Holz-, Zellstoff- und Papierkonglomerat Bellesbumprom - Sanktionen, die seit 2008 beziehungsweise 2023 bestanden hatten. Zusätzlich versprach Coale, US-Banken zur Rückgabe eingefrorener belarussischer Vermögenswerte in zweistelliger Millionenhöhe zu bewegen. Zuvor war bereits der weltweit bedeutende Düngemittelproduzent Belaruskali entlastet worden, dessen Kali-Export für die Staatskasse überlebenswichtig ist. Jede Freilassung hat ihren Gegenwert, und beide Seiten kennen den Kurs.
Auffällig ist die Taktung. Seit Juli 2024 hat Belarus Hunderte Gefangene entlassen - bis Ende 2025 zählte man mehr als 430. Im Februar 2026 kamen drei Häftlinge frei, darunter ein US-Bürger; nach einem Besuch des früheren Trump-Beauftragten Keith Kellogg ließ Minsk 14 weitere gehen, unter ihnen der einstige Präsidentschaftskandidat Sergej Tichanowski. Im März 2026 dann auf einen Schlag 250 - die bis dahin größte Charge. Nun nur noch 25 - ein demonstrativ kleiner Posten, dem Coale sofort das Versprechen hinterherschickte: Hunderte weitere könnten binnen eines Monats folgen. Die Portionierung ist kein Zufall. Wer alles auf einmal freigäbe, hätte nichts mehr zu bieten. Lukaschenko dosiert seine Geiseln wie ein Händler, der die Ware knapp hält. Um den Preis zu treiben.
Über der Buchhalterlogik dieses Handels darf man nicht vergessen, um wen es geht. Unter den nun Freigelassenen ist der prominente Journalist Andrej Aljaksandrau, der eine 14-Jahre-Strafe verbüßte, gemeinsam mit seiner zu neun Jahren verurteilten Frau Iryna Zlobina. In früheren Runden kamen der Friedensnobelpreisträger Ales Bjaljazki frei, die Protestikone Maryja Kalesnikawa, der Altdissident Mikalaj Statkewitsch, die Wesna-Aktivistin Marfa Rabkowa, deren Gesundheit in Haft schweren Schaden genommen hat. Es sind Namen, die für den belarussischen Aufbruch von 2020 stehen - für jene Wochen, in denen Hunderttausende gegen die gefälschte Wiederwahl Lukaschenkos auf die Straße gingen und der Apparat mit Folter, Massenverhaftungen und Schauprozessen antwortete. Dass diese Menschen heute in Vilnius stehen, ist ein Sieg. Dass ihre Freiheit mit Sanktionen für einen Lackhersteller verrechnet wird, ist der Preis - ein demütigender Preis, den dieser Sieg mit sich trägt.
Dass es sich um ein Geiselgeschäft handelt, würde Lukaschenko selbst bestreiten. Gegenüber Coale wies er zurück, dass die Betroffenen überhaupt politische Gefangene seien. Eine Lesart, die den Handel erst ermöglicht: Wo es keine Unrechtsjustiz gibt, gibt es auch keine Erpressung. Nur Großzügigkeit. Trotz aller ausgehandelten Freilassungen sitzen laut der in Belarus verbotenen Menschenrechtsorganisation Wesna weiterhin mehr als 900 politische Gefangene ein; andere Zählungen kommen auf bis zu 1400. Die häufigsten Vorwürfe: "extremistische" Aktivitäten, Verschwörung zur Machtergreifung, Anstachelung zu Hass, Beleidigung des Präsidenten.
Vor allem aber laufen die Verfahren parallel zu den Begnadigungen weiter. Noch im Frühjahr 2026 wurde ein belarussischer Journalist wegen "Landesverrats" zu neun Jahren Haft verurteilt, Redaktionen werden weiter zerschlagen. Anwälte, die Angeklagte verteidigen, landen selbst hinter Gittern. Die Repression endet nicht, sie wird nur zur Verhandlungsmasse: Vorne öffnet sich das Tor, hinten füllen sich die Zellen nach. Solange der Nachschub an Gefangenen nicht versiegt, versiegt auch die Ware nicht, mit der Lukaschenko in Washington bezahlt.
Und doch liegt in diesem zynischen Kalkül eine Bewegung, die über das reine Geschäft hinausweist. Lukaschenko, jahrzehntelang der engste Verbündete Wladimir Putins, der 2022 sein Land als Aufmarschgebiet für den russischen Angriff auf die Ukraine bereitstellte, sucht plötzlich den direkten Draht nach Washington. Er empfängt Trumps Gesandten mit Umarmungen, lässt sich vom Staatsfernsehen beim Händedruck filmen; Trump wiederum nennt ihn den "hoch geachteten Präsidenten", spricht von einem wunderbaren Telefonat und einem möglichen Treffen, hat Belarus sogar zu seinem "Board of Peace" eingeladen. Für einen Herrscher, dessen Legitimität sich seit 2020 fast ausschließlich aus Moskaus Rückhalt speiste, ist das ein bemerkenswerter Schwenk.
Vielleicht ist all das mit dem Kreml abgestimmt. Diesen Einwand muss man ernst nehmen. Ein Belarus, das amerikanische Sanktionen abbaut und Kanäle nach Washington öffnet, kann auch für Moskau nützlich sein - als Hintertür, durch die Druck aus dem Westen entweicht, ohne dass Putin selbst nachgeben müsste. Lukaschenko ist militärisch, wirtschaftlich und energiepolitisch so tief von Russland abhängig, dass ein echter Bruch Selbstmord wäre. Wer das betont, sieht in den Freilassungen nicht Emanzipation, sondern arbeitsteilige Show.
Und doch: Jeder Schritt in Richtung Washington ist einer weg vom Kreml. Wer eigene Kanäle zu Trump öffnet, eigene Sanktionen abbaut, eigene Vermögen zurückholt, macht sich ein Stück weit unabhängig vom russischen Schutzherrn - und schafft sich für den Tag danach eine zweite Option. Lukaschenko hat in Putins Krieg gesehen, wie teuer bedingungslose Gefolgschaft werden kann. Anders als der Kremlchef hat er keinen imperialen Traum zu verlieren, sondern nur seine eigene Haut zu retten. Die Gefangenen sind seine Eintrittskarte in einen Raum, den Moskau nicht vollständig kontrolliert.
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