Nach Unfall: Diese Fehler können einen Bauaufzug abstürzen lassen

- Mehrere Meter in die Tiefe: Ein Bauaufzug stürzte am Mittwoch in Zürich mit zwei Arbeitern ab.
- Einer der beiden Männer starb noch an der Unfallstelle, der andere erlag seinen Verletzungen im Spital.
- Laut Gerüstbaumeister Hoffmann erhöhen Zeitdruck, fehlendes Fachwissen und unerlaubte Manipulationen am Gerüst das Unfallrisiko massgeblich.
Am Mittwoch ist es in Zürich an der Josefstrasse/Hafnerstrasse zu einem tragischen Arbeitsunfall gekommen: Auf einer Baustelle stürzte ein Lift zusammen mit zwei Bauarbeitern mehrere Meter in die Tiefe. Ein Arbeiter verstarb noch an der Unfallstelle, der zweite erlag seinen Verletzungen am Folgetag im Spital.
Am Tag danach ordnet Dirk Hoffmann, Gerüstbaumeister der In Gerüst AG aus Greifensee ZH, Arbeitsunfälle im Zusammenhang mit Gerüstbauten ein. Er verfügt über 25 Jahre Arbeitserfahrung auf diesem Gebiet. Hoffmann betont, dass er sich in seinen Antworten nicht auf den Unfall in Zürich bezieht, sondern auf den Gerüstbau allgemein.
Herr Hoffmann, können Sie einordnen, durch welche technischen oder organisatorischen Faktoren ein Bauaufzug oder Lift abstürzen kann?
Ein Absturz oder Kollaps eines Bauaufzugs ist ein schwerwiegendes Ereignis, das meist auf ein Zusammenspiel aus technischen Mängeln, Überlastung und menschlichen Faktoren zurückzuführen ist.
Ein Baulift wird direkt am stehenden Gerüst befestigt. Wenn der Lift nicht korrekt im Gerüst verankert ist oder das Gerüst selbst im Vorfeld fehlerhaft oder instabil aufgebaut wurde, fehlt dem System die notwendige Basis.
Dies kann im Betrieb zum statischen Versagen und zum Absturz führen. Selbst bei einer fachgerechten und korrekten Verankerung kann der Lift kollabieren, wenn das zulässige Gesamtgewicht überschritten wird. Wenn schwerere Lasten transportiert werden als erlaubt, hält die Konstruktion den physikalischen Kräften nicht stand. Die maximale Traglast ist vom Liftbauer immer eindeutig deklariert und muss strikt eingehalten werden.
Welche Rolle spielt der Mensch dabei?
Der Baufortschritt ist oft von enormem Druck durch Auftraggeber und Bauleiter geprägt. Dieser extreme Zeitdruck und das bei manchen Unternehmen unzureichende Fachwissen erhöhen das Risiko von Fehlern und Missachten von Sicherheitsvorschriften bei der Montage oder Bedienung.
«Der Baufortschritt ist oft von enormem Druck durch Auftraggeber und Bauleiter geprägt.»
Was muss bei der Planung und Montage eines Gerüsts zwingend beachtet werden?
Bei der Planung und Montage müssen wir die äusseren Faktoren wie die Tragfähigkeit des Untergrunds, die Umgebung und die lokalen Wetterverhältnisse – insbesondere Windlasten – beachten.
Zudem entscheidet die Wahl der richtigen Lastenklasse darüber, dass die Gerüstkonstruktion den späteren Arbeiten auch statisch standhält. Der absolute Schlüsselfaktor ist jedoch die Verankerung: Da jede Fassade und jede Baustelle andere Voraussetzungen mitbringt, können wir nicht überall die gleichen Anker setzen. Gut ausgebildete Gerüstbauer müssen genau wissen, wie die statischen Kräfte sicher abgeleitet werden. Nach der Montage ist eine formelle Abnahme Pflicht.
Ausserdem sind regelmässige Baustellenkontrollen unerlässlich, um die Vollständigkeit des Materials zu prüfen und Beschädigungen sofort zu erkennen. Wir erleben auf den Baustellen leider immer wieder gefährliche Manipulationen: Da entfernen Unbefugte mal eben ganze Rahmen und ersetzen sie durch Europaletten oder Spanngurte – oder sie bauen Anker ab, wodurch das gesamte Gerüst ins Wanken geraten kann.
Klar ist aber auch: Kontrollen sind enorm wichtig, bieten aber keine hundertprozentige Garantie für Sicherheit. Sicherheit funktioniert nur, wenn alle Gewerke auf der Baustelle permanent mitdenken und Verantwortung übernehmen.
«Wir erleben auf den Baustellen leider immer wieder gefährliche Manipulationen: Da entfernen Unbefugte mal eben ganze Rahmen und ersetzen sie durch Europaletten oder Spanngurte.»
Wie lassen sich unerlaubte Manipulationen wirksam verhindern?
Bedauerlicherweise ist es nicht möglich, Manipulationen vollständig zu verhindern. Abgeschlossene Treppen verhindern zwar den Zutritt von Passanten, aber sobald andere Gewerke das Gerüst betreten, besteht immer die Möglichkeit, dass sie unerlaubt Gerüstteile entfernen.
Manipulationen wären nur dann vermeidbar, wenn ununterbrochen eine Aufsichtsperson ausnahmslos jeder einzelnen Person auf dem Gerüst auf die Finger schaut. Und es erklärt sich von selbst, dass das nicht machbar ist.
Regeln zur Arbeitssicherheit der Suva
Auf Anfrage ordnet Simone Isermann, Mediensprecherin der Suva, Arbeitsunfälle wie denjenigen von Mittwoch bezüglich der Arbeitssicherheit ein: «Schwere und tödliche Arbeitsunfälle haben fast immer einen gemeinsamen Nenner: Hohe Energien wirken unkontrolliert auf Menschen ein.»
Ob Absturz aus der Höhe, elektrische Energie, bewegte Maschinen, einstürzende Lasten oder Fahrzeuge in Bewegung – dort, wo grosse Energien vorhanden sind, könnten Unfälle besonders schwere oder tödliche Folgen haben.
Nicht die Häufigkeit eines Ereignisses mache ein Risiko kritisch, sondern das vorhandene Energiepotenzial. In diesem Zusammenhang verweist Isermann auf die lebenswichtigen Regeln der Suva, um Gefahren zu erkennen und schwere Unfälle zu verhindern.
Checkliste für die sichere Verwendung von Bauaufzügen
Zum Liftsturz vom Mittwoch ergänzt Isermann: «Zu den Hauptgefahren zählen herabfallendes Material, Abstürze von Personen vom Aufzug oder von Verladestellen, das Um- oder Abstürzen des Aufzugs, Klemm-, Quetsch- und Scherstellen sowie elektrische Gefährdungen durch stromführende Teile.»
Die Suva stellt für die sichere Verwendung von Bauaufzügen mit Personenbeförderung eine Checkliste als praktisches Hilfsmittel zur Verfügung.
Lisa Arnold (lia) arbeitet seit März 2026 bei 20 Minuten als Praktikantin im Ressort Zürich.
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