Die Wahrheit: Grundehrliche Kerle

Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (252): Goldschakale sind introvertierte Schleicher, aber treue Ehepartner.
Foto: Danny Green/imago
Den Berlinern bleibt nichts erspart. Erst versaut man ihnen die Mietpreise, dann die Weihnachtsmärkte, Wölfe dringen in die Stadt ein und nun lauern auch noch Goldschakale (Canis aureus) im Speckgürtel. Eigentlich lauern diese Hundeartigen nicht, sie schleichen, aber nur, wenn es darauf ankommt. Das ist auch 1997 im gleichnamigen IRA-Actionthriller die Frage: Wann kommt es dem Schakal darauf an? Wenn er ein Beutetier entdeckt hat, schleicht er sich an und versucht, es mit einem kurzen Sprint zu erreichen.
Der Schakal sieht aus wie eine Mischung aus Wolf und Fuchs. Zudem ähnelt er zum Verwechseln einem Kojoten. Die amerikanischen Kojoten gelten als listig und verschlagen, während der eurasische Goldschakal ein grundehrlicher Kerl ist: Er lebt in „fester Ehe“. Die Jungen verlassen nach sechs Monaten ihre „Hotel Mama“-Höhle, aber zwei bleiben meist und helfen, den nächsten Wurf ihrer Mutter großzuziehen. Schakale jagen Wikipedia zufolge als Paar oft nachts. „Bei Einzelangreifern scheitern 80 Prozent aller Erstangriffe; bei Paaren sinkt diese Quote auf 30 Prozent“. Wenn das nicht dumpfes Familialismusdenken ist. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher behauptete in seinem Buch „Minimum“ (2006) das Gleiche über invasive Weiße in den USA.
Hilfsbereiter Rüde
Der Goldschakal ist wie wir ein Allesfresser. Laut Wikipedia hat er für uns „einen hohen ökonomischen Nutzen, indem er unsere Nahrungsabfälle beseitigt.“ Anders der Kojote, dessen Verhältnis zu den Menschen „konfliktreich“ ist, weil er Haustiere tötet. Das tut aber gelegentlich auch der dämmerungs- und nachtaktive Goldschakal. Auf der Urlaubsinsel Sylt tötete unlängst einer angeblich 70 Schafe. Er wurde deswegen zum Tode verurteilt. Umweltschützer klagten dagegen, was eine „aufschiebende Wirkung“ hatte. Weil man ihn dann aber lange Zeit nicht mehr sah, wurde die Abschussgenehmigung nicht verlängert.
Die Anwesenheit von Wölfen soll angeblich Schakale fernhalten. Wir haben hier aber Wölfe – und nun trotzdem Schakale. In ihrem Buch „Der Goldschakal“ (2025) erwähnen die Autoren Derron-Hilfiker, Hatlauf und Böcker, dass sich in Israel Goldschakale mit Wölfen und Haushunden verpaart haben. Im Wurzacher Ried bei Ravensburg hat ein Schakalrüde einer Füchsin sogar bei der Aufzucht ihrer Jungen geholfen.
Puwos, Puschas und Pukos
Die russische Fluglinie Aeroflot setzt 100 Sulimov-Canidae als Sprengstoffsuchhunde ein: eine Mischung aus Huskies, Fox Terriern und Goldschakalen. „Sie sind selbständiger und kreativer als andere Hunde,“ behauptet die Leiterin der Hundestaffel Elena Bataeva, die allerdings zugeben muss, dass die Goldschakale ihre Vorlieben haben: „Nicht alle lassen sich auf die Verpaarung mit Hunden ein.“
Die Kieler Hundeforscherin Dorit Feddersen-Petersen hat mit domestizierten und wilden Caniden experimentiert. Dabei kamen Puwos, Puschas und Pukos heraus – Kreuzungen zwischen Pudel und Wolf, Pudel und Schakal sowie Pudel und Kojote. Während Schakale nur ein kleines Repertoire eindeutiger Gesten und Laute besitzen, die je nach Gefühlsintensität laut oder leise sind, benutzen Pudel jedes Signal in verschiedenen Variationen ohne System. Die Pudel nähern sich sofort den Schakalen. Für sie ist es selbstverständlich, dass nun alle ein Rudel mit Rangordnung bilden. Die Schakale reagieren darauf mit Drohungs- oder Unterwerfungsgesten – und zeigen schließlich, dass sie lieber unter sich bleiben wollen.
Die Puschas kamen zur Welt, als die Forscherin einen Pudelrüden und eine Schakalin zusammensperrte. Während der Pudel sich danach auch immer mal wieder gerne mit seinen Artgenossinnen paarte, hatte die Schakalin für Rüden ihrer eigenen Art nichts mehr übrig. Als ihr Pudel starb, suchte und fand auch sie den Tod.
Fatales Instinktchaos
Die von ihr geborenen Puschas sind oftmals scheuer als Schakale. Dorit Feddersen-Petersen nimmt an, weil sich ihre Sozialorientierung verwischt hat: Sie wissen nicht mehr, ob sie wie Hunde Rudel bilden oder wie Schakale einen festen Partner suchen sollen. Um Pudel und Kojoten zu verpaaren, musste man auch sie zusammensperren, ihre Pukos waren dann nur zum Teil fruchtbar.
Bei den Kreuzungen zwischen Pudelweibchen und Wolfsrüden gibt es weniger Probleme. Ihre gemeinsamen Nachkommen nennt man „Wopus“. Die Zucht von „Puwos“ ist unkomplizierter, allerdings stellte sich in der zweiten Generation ein merkwürdiges Phänomen ein: Die wie Hunde aussehenden Welpen benahmen sich wie Wölfe und die wie Wölfe aussehenden wie Haushunde. Mit ihren übergriffigen Verpaarungsexperimenten hat die Hundeforscherin ein fatales Instinktchaos angerichtet.
Herrenlos und rückgekreuzt
Der US-Hundetrainer Ian Dubar meint, dass man die Gen-Theorie, alle Hunde stammen von Wölfen ab, relativieren muss: „Man kann unmöglich mit Sicherheit behaupten, dass Schakale, Kojoten und andere wildlebende Canidae keine Rolle bei der Domestizierung des Hundes spielten, vor allem, seit bekannt ist, dass sich der Schakal auch freiwillig gerne mit herrenlosen Paria-, Schensi- und Dingo-Hunden paart. Ähnlich wie einige nördliche Rassen, beispielsweise Huskies und Malamutes, die mit Wölfen rückgekreuzt sein könnten.“
Die US-Hundeforscherin Elizabeth Marshall Thomas würde ihm wahrscheinlich recht geben. Sie lebte mit mehreren Schlittenhunden und einer Dingohündin im Haus zusammen. Diese konnten kommen und gehen, wann sie wollten, die Ethnologin beobachtete sie nur. Sie begann mit der Erforschung des außerordentlichen „Orientierungssinns“ ihres Hundes „Misha“, ein Husky, der ein „Stadtstreuner“ war. Seine Navigationskünste waren nicht angeboren, meint sie, denn seine „Huskyfrau Maria“ verirrte sich jedesmal auf ihren Streifzügen. Misha ging es beim „Nosing Around“ um das „Aufspüren und Umkreisen“ anderer Hunde. Einer ihrer Jungen streifte „frei umher wie sein Vater, aber nicht in der Stadt, sondern in den Wäldern, wo er ein Kojoteweibchen fand und zur Frau nahm“, berichtet sie in ihrem Buch „Das geheime Leben der Hunde“ (1993). Auch hierzulande werden sich einige Hunde wohl bald mit Goldschakalen verpaaren, woraus dann „Hugos“ werden.
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