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Friday, October 2, 2026

Neu im Kino – «Naza»: Der Film, der die israelische Gesellschaft spaltet

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Wie viele zivile Todesopfer sind bei einem Luftangriff auf Hamas-Anführer akzeptabel? Der Dokumentarfilm «Naza» beginnt dort, wo diese Frage keine moralische mehr ist, sondern zur Rechengrösse wird. 24 Angehörige des israelischen Militärs und der Geheimdienste berichten anonym, wie im Gaza-Krieg Angriffsziele ausgewählt und zivile Opfer in Kauf genommen worden seien.

Der «Naza-Wert» ist ein militärisches Akronym und beziffert im Militärjargon die erwarteten zivilen Todesopfer eines Angriffs auf einen Hamas-Kommandanten. Werte unter 20 hätten keiner besonderen Genehmigung bedurft, einmal sei sogar ein Wert von 500 freigegeben worden. Die Aussage gilt als umstritten.

Töten im Hormonrausch

Das Töten erscheint in «Naza» als technisch verwalteter Vorgang: Ein KI-System wertet laut den Hinweisgebern Telekommunikationsdaten aus und berechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand zur Hamas gehört. Zielpersonen würden über Mobiltelefone geortet und bevorzugt nachts zu Hause angegriffen.

Zwei Personen sitzen auf einem Dach vor einer nächtlichen Stadtansicht mit Wolken und beleuchteten Hochhäusern.
Legende: Im Dunkeln und im Schatten: Israelische Militärangehörige berichten in «Naza» über ihre Aufgaben im Gaza-Krieg. Der Film wurde bei seiner Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig mit 24.5 Minuten Standing Ovations gefeiert. The Guardian

Mehrere Gesprächspartner sagen im Film, auch Nachbarn von Hamas-Mitgliedern, ehemalige Hamas-Angehörige sowie Frauen und Kinder seien getötet worden. Bei der KI-gestützten Auswahl sei eine Fehlerquote von 15 Prozent bewusst akzeptiert worden.

Ein Informant sagt, das Töten habe sich gut angefühlt, weil damit eine Mission erfüllt worden sei. Töten im Dopaminrausch: Krieg aus der Distanz, am Bildschirm, mit Karten, Daten und Zielwerten.

Was ist neu, was ist überprüfbar?

Die Aussagen sind schwerwiegend. SRF-Auslandsredaktorin Anna Trechsel hält sie grundsätzlich für plausibel. Israel habe etwa in Beirut und Teheran gezeigt, wie präzise seine Armee einzelne Personen ins Visier nehmen könne. Die hohe Zahl ziviler Opfer und die massive Zerstörung in Gaza seien für sie Hinweise darauf, dass zivile Opfer bewusst in Kauf genommen würden.

Völlig neu sei vieles allerdings nicht, sagt Trechsel: «Wer wollte, konnte vorher schon Bescheid wissen.» Ein Teil der Erkenntnisse basiert auf früheren Recherchen von Regisseur Yuval Abraham und des «Guardian», die bereits bei «+972 Magazine», «Local Call» und im «Guardian» veröffentlicht worden waren.

Die Anonymität der 24 Gesprächspartner erschwert die Überprüfung. Das israelische Militär weist zentrale Vorwürfe zurück. Abraham und der «Guardian» erklären, die Aussagen seien überprüft worden. Kritisch beurteilt Trechsel, dass die Armee für den Film wohl nicht um Stellungnahme gebeten worden sei.

Warum «Naza» in Israel solche Reaktionen auslöst

Seit «Naza» in Venedig fast 25-minütige Standing Ovations erhielt und Abraham und Szor den Spezialpreis der Jury gewannen, hat sich die Debatte verschärft. Israels Kulturminister drohte dem Regie-Duo mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft.

Für viele Israelis sei es ein Schock, die eigenen Soldaten so sprechen zu hören, sagt Trechsel. Sie empfänden den Film als Verrat. Besonders schlecht komme an, dass Kritik an der Armee international sichtbar werde. «Naza» trägt die Debatte über den Gaza-Krieg damit auf die internationale Bühne und zwingt zu einer Auseinandersetzung, die in Israel selbst erst begonnen hat.

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