Mythos Schwiegermonster: Warum es in vielen Familien dauernd kracht

Mythos SchwiegermonsterWarum es in vielen Familien dauernd kracht
01.11.2026, 17:40 Uhr
Von Lauren Ramoser
Den Partner sucht man sich aus, dessen Familie gibt es dazu. Das kann ein Glücksfall sein, oftmals ist es das allerdings nicht. Für viele beginnen dann Jahre der Missgunst und der Sticheleien, doch es gibt einen Ausweg.
"Fast jeder steckt irgendwann mal in einer Schwiegerbeziehung, als Mutter, Vater, Schwiegertochter oder -sohn, Schwägerin oder Schwager", erklärt Psychologin Elfi Meyer zu Broxten im Gespräch mit ntv.de. Für viele wird die Schwiegerfamilie zu einer liebevollen Ergänzung der eigenen Ursprungsfamilie. Doch nicht immer gelingt das ohne ein bisschen Knarzen im familiären Gebälk und für einige bleibt es ein bestenfalls unterkühltes Verhältnis.
Denn man muss sich als Familie neu finden, mit der Herausforderung, dass ein Großteil der Familie schon lange als solche zusammengewachsen ist. "Diese Familie hat ihre eigenen Regeln, ihren eigenen Humor, einen eigenen Umgang mit Erziehung, vielleicht auch kulturelle Unterschiede", erklärt die Autorin.
Am Anfang des Kennenlernens sei das oftmals noch kein großes Problem, kleinere Konflikte lassen sich veratmen, die Beziehung ist noch frisch, der Kontakt zu den Schwiegereltern peripher. Doch hält die Liebe, "wird der Kontakt enger, müssen wir uns mit den Menschen auseinandersetzen, spätestens dann bei der Heirat oder einer möglichen Familiengründung", sagt die Familientherapeutin. Wenn das nicht gelingt, bauen sich unsichtbare Mauern auf, die Fronten verhärten sich.
"Konkurrenz um den Prinzen"
Schwieger-Probleme sind häufig weiblich und haben dann mindestens drei Akteure: die Schwiegermutter, ihren Sohn und dessen neue Partnerin, eine Familienkonstellation mit Streitpotenzial. "Bis dahin hat sich die Schwiegermutter um den Sohn gekümmert, hat Essen gekocht, Wäsche gewaschen, Werte mitgegeben", beschreibt Meyer zu Broxten. "Wenn sie sich zu stark an ihren Sohn gebunden und sich keine Gedanken darüber gemacht hat, was nach dem Muttersein ist, dann wird sie die neue Partnerin als Bedrohung erleben", so die Familientherapeutin. Es handele sich um eine Konkurrenz-Situation, "um ein Buhlen um den Sohn, den Prinzen quasi", sagt sie. Das Bild sei alt, aber im Kern sei das das Problem. Und es ist nicht das Einzige.
Viele Schwiegertöchter erleben starke Bewertungen ihrer Haushaltsführung, der Kindererziehung, ihres Aussehens oder allgemein ihrer Lebensentscheidungen. Die meisten dieser Spitzen beziehen sich auf den Alltag, das Zuhause, die Familienführung. Da wird es schnell persönlich und infolgedessen grenzüberschreitend.
Ein weiterer Risikofaktor eines guten Verhältnisses sei Neid. Den gebe es auch unter Müttern und Töchtern und tauche demnach auch in Schwiegerbeziehungen auf. "Einerseits wünsche ich mir, dass es die Tochter leichter hat und dass ihr alles gelingt. Aber dann pikst es doch", beschreibt die Therapeutin. "Wenn die Schwiegertochter lieb, redegewandt, attraktiv ist und viel Bewunderung von außen bekommt und die Schwiegermutter selbst unzufrieden hat, kann das das Verhältnis belasten", so Meyer zu Broxten. Oftmals äußere sich das in abwertenden Bemerkungen.
Schwiegerväter stärken eigene Machtposition
Die meisten alltäglichen Konflikte kämpfen Schwiegermütter und Schwiegertöchter aus, doch eingeheiratete Söhne haben es auch nicht immer leicht. Die Probleme der Männer in Schwiegerbeziehungen sind anders gelagert, erklärt Meyer zu Broxten. "Männer buhlen eher über Besitz, über Hobbys oder beruflichen Erfolg", sagt sie. Die Konflikte laufen im Hintergrund und eskalieren seltener im Alltag.
Schwiegerväter stärken ihre Machtposition als Familienoberhaupt durch stoische Ignoranz. Sie geben in vielen Familien vor, was als normal gilt, erklärt die Psychologin in ihrem Buch "Toxische Schwiegerbeziehungen". Häufig entstünden Abhängigkeiten bei Themen wie Hausbau oder Geld. "Wer Unterstützung gibt, beansprucht Einfluss", so Meyer zu Broxten.
Auch Schwiegersöhne können in Ungnade fallen, insbesondere, wenn sich das enge Verhältnis von Mutter und Tochter durch die neue Person ändert. Statt direkter Kritik erleben Männer häufiger emotionale Kühle als abwertende Handlungen der Schwiegereltern.
Alle Beteiligten leiden unter den Konflikten
In vielen Erzählungen ist die Schwiegermutter die Böse, doch schwieriges Verhalten gründe sich nur selten in wirklicher Boshaftigkeit. "In der Familie hat jeder seine Rolle, aber alle haben Angst, keinen Platz in dieser Familie zu haben, quasi rauszufallen aus dem Familienkonstrukt", sagt Meyer zu Broxten. Und auch die Schwiegermütter können unter den eingeheirateten Töchtern leiden, die ihnen etwa die Kinderbetreuung nicht zutrauen. "Oder unter Schwiegertöchtern, die ihren Mann ganz für sich alleine haben wollen, weil sie letztendlich sehr unsicher sind und den Mann sukzessiv von Familie und Freunden isolieren. Auch das gehört zur Wahrheit", beschreibt die Therapeutin die vielfältigen Spannungsverhältnisse.
Viele der Schwiegermütter haben selbst sehr angespannte Verhältnisse zu ihren eigenen Schwiegermüttern erlebt, in Zeiten, in denen die Hierarchien in Familien viel strenger waren und kennen es daher nicht anders. "Die haben keine Handlungsalternative", erklärt Meyer zu Broxten.
Erst wird es schwierig, dann wird es besser
Um das Verhältnis langfristig zu verbessern, braucht es klare Grenzen und die Loyalität des Partners. "Die Mutter hatte ihre Zeit als Familienoberhaupt, das sage ich immer, weil das ganz wichtig ist", erklärt Meyer zu Broxten. Für Sohn oder Tochter heißt das vor allem: Sie müssen ihre Partnerschaft stärken. "Eine Ehe zu dritt funktioniert einfach nicht", macht die Psychologin deutlich.
Nicht jedes schwierige Verhalten sei toxisch. "Toxisch ist es aber, wenn sich nichts ändert, wenn eine Grenze immer wieder übertreten wird", erklärt Meyer zu Broxten. Spätestens dann muss man die Situationen ansprechen. Am besten können das die Mitglieder der Herkunftsfamilie, also etwa der Sohn mit seiner Mutter, um als Einheit mit seiner Frau aufzutreten. Aber auch die Schwiegerkinder können selbst Probleme ansprechen. "Auch wenn die Schwiegerfamilie erst mal irritiert ist über den Gegenwind und die klaren Grenzen, am Ende haben alle Klarheit", sagt die Psychologin.
Hilfe für schwierige Situationen
In herausfordernden Alltagssituationen empfiehlt die Familientherapeutin eine praktische Herangehensweise. "Sie können mit ihrem Partner ein Codewort vereinbaren. Und wenn am Kaffeetisch wieder eine abfällige Bemerkung kommt, gehen Sie kurz raus Luft schnappen und überlegen, ob Sie gehen müssen", erklärt Meyer zu Broxten.
Kommt es zu einem klärenden Gespräch, sollte das Kind der Herkunftsfamilie die Kritik klar formulieren. "Entschuldige, aber wie du mit meiner Partnerin umgehst und was du für Sprüche raushaust, das ist für mich nicht in Ordnung", könnte laut der Psychologin eine Möglichkeit sein, höflich Stellung zu beziehen. "Und dann gibt es genügend Schwiegereltern, die sagen: Oh weia, das wollte ich gar nicht", so Meyer zu Broxten. Wenn all das nicht hilft, kann eine Familientherapie mit allen Beteiligten ein Ausweg sein.
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