Der Dackel: Kultfigur und politisches Symbol
Pablo Picasso war für seine zahlreichen Musen bekannt, meist Frauen, zu denen er oft problematische Beziehungen pflegte. Eine seiner "Musen" jedoch inspirierte ihn ganz ohne romantische Verwicklungen: sein Dackel Lump.
Bevor er Picassos Gefährte wurde, gehörte Lump dem US-Fotojournalisten David Douglas Duncan. Dieser besuchte Picasso 1967 in dessen Villa in Cannes. Duncan zufolge sprang sein Hund, den er dabei hatte, Picasso bei der ersten Begegnung auf den Schoß und schien beschlossen zu haben, bei ihm zu bleiben. Lump und Picasso lebten für die nächsten sechs Jahre zusammen.
Wie genau Lump mitteilte, dass er bei Picasso bleiben wollte, ist nicht überliefert. Die besondere Beziehung zwischen Dackel und Künstler war jedoch von Anfang an offensichtlich. Noch am Tag ihrer ersten Begegnung verewigte Picasso den Hund auf einem Keramikteller. David Douglas Duncan dokumentierte die Szene und hielt die wachsende Freundschaft in zahlreichen Fotografien fest.
Der bemalte Keramikteller und Duncans Fotografien sind in der Ausstellung "Der Dackel. Eine Ikone geht Gassi" in der Kunsthalle Bremen zu sehen, die vom 31. Oktober 2026 bis zum 28. März 2027 läuft.
Lump taucht in mehreren Bildern von Picassos "Las Meninas"-Serie auf. Dabei interpretierte Picasso das Werk von Diego Velázquez neu und ersetzte den großen Wachhund des Originals durch seinen adoptierten Dackel.
Ein ikonisches Tier
Mit ihren langen Ohren und dem - im Verhältnis zu den eher kurzen Beinen - extrem langen Körper haben Dackel eine unverwechselbare Silhouette. "Das ist wirklich ein Hund mit einer ikonischen Form, die ihn eben für vieles interessant macht", sagt die Kuratorin der Bremer Ausstellung, Annett Reckert.
Neben Picasso haben überraschend viele bedeutende Künstler dem Dackel ein Denkmal gesetzt, darunter Andy Warhol, Otto Dix, David Hockney, Max Liebermann und Rosemarie Trockel. "Bei denen finden wir auffällig oft den Dackel als Muse, als Modell, als Komplizen im Atelier", so Reckert.
Doch der Dackel eignet sich nicht nur für eine kunsthistorische Betrachtung. Er erzählt auch ein Stück Kulturgeschichte, so die Kuratorin, denn wir verbinden ihn "mit etwas Deutschem".
Dackel, Dachshund und Teckel
Der Dackel gehört zu den ältesten deutschen Hunderassen und wurde ursprünglich für die Jagd auf Dachse, Füchse oder Kaninchen gezüchtet. Es gibt ihn in Deutschland seit mehr als 300 Jahren, die ersten Rassestandards für den Dackel wurden allerdings erst 1879 festgelegt. 1888 folgte die Gründung des "Deutschen Teckelklubs" (DTK). Die Bezeichnung des Dackels als "Teckel" kommt aus dem Norddeutschen und ist nach wie vor üblich unter Züchtern und Jägern.

Im Englischen wird der Dackel "Dachshund" genannt. Aufgrund seiner länglichen Form aber ist auch oft von "Wiener-Hund" (wiener dog, in Anlehnung an das Wiener Würstchen) oder "Wurst-Hund" (sausage dog) die Rede.
Vom Jagdhund zum Nationalsymbol
Der Dackel aber ist nicht nur ein Jagdhund. Kaum eine andere Hunderasse ist so tief in der deutschen Kulturgeschichte verankert: Mal stand er für spießbürgerliche Behäbigkeit, mal wurde er zur olympischen Symbolfigur.
Auch Deutschlands letzter Kaiser, Wilhelm II., war ein leidenschaftlicher Dackelliebhaber und hielt gleich mehrere Tiere. Zwei seiner Hunde, Wadl und Hexl, sorgten 1908 für einen kleinen diplomatischen Zwischenfall: Während eines Besuchs auf Schloss Konopiště, dem Landsitz des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, sollen die beiden Dackel einen der kostbaren Goldfasane gerissen haben. Der Vorfall sorgte für erheblichen Gesprächsstoff in Europas Adelshäusern und endete mit einer offiziellen Entschuldigung des Kaisers.
ImErsten Weltkrieg wurde der Dackel zu einer politischen Symbolfigur. In Propagandakarten und Karikaturen stand er oft stellvertretend für Deutschland, während Großbritannien als Bulldogge und Frankreich als Pudel dargestellt wurden. In den USA wurde der Dackel mit der wachsenden antideutschen Stimmung zunehmend unpopulär, so dass manche Besitzerinnen und Besitzer ihre Hunde "Liberty Hounds" (Freiheitshunde) nannten, statt den deutschen Namen "Dachshund" zu verwenden.

Im Zweiten Weltkrieg rückte eine andere Hunderasse in den Vordergrund: Der deutsche Schäferhund. Tatsächlich entsprach der Dackel kaum der Ästhetik des NS-Regimes, sagt Kuratorin Annett Reckert. "Er ist ja nicht der Hund gewesen, mit dem sich ein Nazi wirklich repräsentativ hätte zeigen wollen." Stattdessen hätte man große, einschüchternd wirkende Rassen bevorzugt. "Vor allem namentlich Hitler, der sich dann eben mit Schäferhund Blondie gezeigt hat." Auch Dobermänner wurden aufgrund ihres Erscheinungsbildes geschätzt.
Der Dackel als Kultfigur
Anfang der 1970er-Jahre wurde der Dackel zur Symbolfigur für ein neues Deutschland. Dackel "Waldi" eroberte die Welt als Maskottchen der Olympischen Spiele 1972 in München. Der von Otl Aicher und Elena Schwaiger entworfene Waldi stand für einen bewussten Bruch mit den gewichtigen Deutschlandbildern der NS-Zeit. Statt Reichsadler, Wagner-Kult und preußischer Strenge setzte verkörperte das Olympiamaskottchen Leichtigkeit, Offenheit und Lebensfreude.

Otl Aicher achtete dabei auf die Farbgebung: Braun war für ihn ebenso tabu wie die deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold. Stattdessen setzte er auf helle Pastelltöne. "Man wollte etwas, woran wir immer noch arbeiten, was wir immer noch nicht geschafft haben: ein offenes, heiteres, demokratisches, buntes Deutschland", sagt Reckert.
Ganz verschwunden ist die politische Symbolkraft des Dackels allerdings nicht. Nach Angaben von Reckert versuchen rechtsextreme Gruppen immer wieder, ihn als unterschwelliges nationalistisches Erkennungszeichen zu vereinnahmen, etwa auf Krawatten oder Socken. Gleichzeitig haben sich Gegenbewegungen wie "Dackel gegen Rechts" gebildet. Für ihre Ausstellung interessiert die Kuratorin jedoch vor allem eine andere Seite der Rasse: der Dackel als Symbol für Freundlichkeit, Lebensfreude und Humor. So sind Teile der Ausstellung auch für kleine Hunde zugänglich, manche Kunstwerke und Performances wurden eigens für vierbeinige Besucher konzipiert.

Die Reaktionen auf die Ausstellung passen für Reckert zu diesem freundlichen Bild des Dackels. Kaum ein Tag vergehe, ohne dass bei ihr Post mit Dackelbezug eingehe, erzählt sie: Fotos, Kunstwerke oder Hinweise auf Veranstaltungen rund um die Rasse. "Ich habe noch nie eine Ausstellung gemacht, die sich so freundlich, so vielfältig vorangekündigt hat. Es ist schon fast ein bisschen unheimlich."
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