Was eine Stadt lebenswert macht: Wenn Kapital nicht wertgeschätzt wird

Was Berlin prägt, ist die Bereitschaft, sich zu engagieren: ehrenamtlich, politisch, kulturell. Eine neue Regierung muss diese Menschen stärken.
Foto: T.Seeliger/snapshot-photography/imago
S eit dem Wahlsieg der Linken wird davor gewarnt, dass weniger in Berlin investiert wird. Denn die Vergesellschaftungspläne würden private Investoren abschrecken: Man spricht von Kapitalflucht.
Linke Politik und die Möglichkeit, dass sie umgesetzt wird, sorgt in der Wirtschaft wohl – so stand es die letzten Wochen in vielen aufgeregten Artikeln – für große Unsicherheit. Und wer verunsichert ist, der investiert nicht. Das stimmt!
Auch ich kann es mir nicht leisten, in unsichere Verhältnisse zu investieren und weiß aus zahlreichen Gesprächen, dass verschiedene Akteure ihr Engagement in und für Berlin zurückziehen, wenn sie keine politische Unterstützung finden oder ihre Unternehmungen sogar von Politik und Verwaltung blockiert werden. Deshalb ging in den letzten drei Jahren in Berlin nichts voran. Rot-Grün-Rot könnte genau das ändern.
Wer aber unter einer progressiven Regierung signifikant mehr in diese Stadt investieren würde, ist die Zivilgesellschaft. Diese wurde unter Schwarz-Rot auf allen Ebenen entmutigt, Zeit, Energie und – ja – auch Geld in Berlin zu investieren, um das Leben hier in der Stadt zu verbessern. Und darum geht es doch, oder? Darum, dass Berlin eine lebenswerte Stadt ist und es den Menschen hier besser geht.
Von der Politik alleingelassen
Viele, die genau daran arbeiten, haben in den letzten Jahren darüber nachgedacht, ihr Kapital aus Berlin zurückzuziehen und anderweitig zu investieren. Ehrenamtliche der Berliner Tafeln beispielsweise sind häufig überfordert und viele soziale Initiativen fühlen sich von der Politik alleingelassen. Wer soll sich noch in der Obdachlosenhilfe engagieren, wenn der Senat in diesem Bereich kürzt und wer in der Suchthilfe, wenn der Politik zum Thema Drogen nichts anderes einfällt als Repression?
Kein Wunder, wenn sich viele frustriert zurückziehen. Jede Jugendeinrichtung, jede queere Initiative und jedes Umweltprojekt ist verunsichert, fürchtet Kürzungen und bekommt Geringschätzung zu spüren.
Genau das Kulturangebot, das Berlin so attraktiv macht und am meisten zum internationalen Ruf der Stadt beigetragen hat, wie Freie Szene und Subkultur werden von Vereinen und Einzelpersonen getragen, die unter- bis unbezahlt arbeiten, um ein möglichst vielfältiges und aufregendes Programm für ihre Stadt zu schaffen.
Es sind nicht nur Kürzungen im Kulturhaushalt, die dazu führen, dass es sich immer weniger Menschen leisten können, in die Kultur zu investieren. Die hohen Lebenshaltungskosten – vor allem die Mieten – sorgen dafür, dass viele beruflich in Bereiche wechseln müssen, die besser bezahlt sind und dass Ehrenamtlichen weniger Zeit zur Verfügung steht. Viele Künstler*innen verlassen bereits die Stadt. Da flieht das kulturelle Kapital.
Wer investiert noch in seinen Kiez und gute Nachbarschaft, wenn das Mietverhältnis nicht sicher ist? Wer steckt noch Zeit und Geld in gesellschaftliches und politisches Engagement, wenn Volksentscheide einfach übergangen werden?
Berlin hat seiner starken Zivilgesellschaft viel zu verdanken. Diese wurde in den letzten Jahren verunsichert. So wurden die falschen Investoren verschreckt. Die Chancen, dass sie unter einer progressiven Regierung wieder für mehr Investitionen in die Stadt bereit sind, stehen jedoch gut. Wenn Linke, Grüne und auch die SPD sich als verlässliche Partner zeigen.
Simone Dede Ayivi ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Aktuell arbeitet sie zu den Themen Feminismus, Antirassismus, Protest- und Subkultur.
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