Milchschwemme in der Schweiz – Warum die Kühe in der Schweiz mehr Milch geben

Heisses Wetter, Futtermangel, kranke Kühe: Trotz schwieriger Bedingungen hat es zu viel Milch auf dem Markt. Warum das so ist, erklärt Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch.
Stefan Kohler
Geschäftsführer Branchenorganisation Milch
Stefan Kohler leitet die Branchenorganisation Milch BOM seit 2014. Zur BOM gehören 35 regionale und nationale Organisationen der Milchproduzenten und der Milchverarbeiter sowie Einzelfirmen der Industrie und des Detailhandels.
SRF News: Wie steht es derzeit um die Milchmenge in der Schweiz?
Stefan Kohler: Im Oktober zeigen die Zahlen, dass wir nach wie vor ein bis zwei Prozent über dem Vorjahr liegen. Im Vorjahr lagen wir auch schon sechs, sieben Prozent über dem Vorjahr. Also, es wird nach wie vor sehr viel Milch produziert.
Winterfutter gibt mehr Milch, denn das Winterfutter ist das Gras vom Frühling, das von sehr guter Qualität ist.
Im Sommer herrschte Futterknappheit, ein Virus ging um, viele Kühe mussten geschlachtet werden: Warum gibt es immer noch zu viel Milch?
Es hat uns überrascht, dass wir im Oktober auch über dem hohen Vorjahr sind. Die Erklärung könnte sein – sie ist noch nicht abschliessend –, dass viele Bauern schon im Sommer angefangen haben, Winterfutter zu geben. Winterfutter gibt mehr Milch, denn das Winterfutter ist das Gras vom Frühling, das von sehr guter Qualität ist. Wenn das jetzt verfüttert wird, gibt das mehr Milch.
Das erklärt auch, dass im Sommer die Milchproduktion trotz fehlenden Futters nicht eingebrochen ist. Was noch dazukommt, ist, dass jetzt nach den Niederschlägen wieder Gras gewachsen ist. Dieses Gras ist wieder von hervorragender Qualität. Das heisst, momentan geben die Kühe darum mehr Milch, weil sie einfach wieder gutes Futter haben.
Milch: Milch ist der wichtigste Rohstoff der Schweizer Landwirtschaft. Geschätzt 2.8 Milliarden Franken brachte er im vergangenen Jahr ein – rund ein Viertel des gesamten Sektors.
Kühe: In der Schweiz gibt es über eine halbe Million Milchkühe. Der Viehbestand war in den letzten Jahren jedoch rückläufig – ebenso die Anzahl Milchbetriebe: Seit 2015 sind über 5000 verschwunden. Derzeit gibt es noch rund 16’400 Betriebe.
Milchmenge: Relativ konstant hingegen ist die produzierte Milchmenge mit jährlich etwa 3.3 Millionen Tonnen. Schon kleine Schwankungen aber können vor allem die Produzenten hart treffen und etwa bei einem Milchüberschuss die Preise drücken.
Getrunken wird immer weniger Milch. Vor 25 Jahren waren es im Schnitt rund 85 Kilogramm pro Person, heute sind es mit 44 Kilogramm noch etwa halb so viel.
Verwendung der Milch: Fast die Hälfte der produzierten Milch wird zu Käse veredelt – mit über 80’000 Tonnen der Export-Schlager unter den Schweizer Agrarprodukten. Der Rest der Milch wird etwa zu Butter, Rahm, Joghurt und Quark verarbeitet.
Mehr Schlachtungen führten nicht zu weniger Milch?
Das gute Futter kompensiert die Schlachtungen: Pro Kilo Futter gibt es mehr Milch. Das kompensiert die Milch, die von den mehr geschlachteten Kühen eigentlich fehlt.
Welche Massnahmen werden jetzt ergriffen?
Wir haben ja schon im letzten Winter zu viel Milch gehabt, weil wegen des guten Futters vom Vorjahr zu viel Milch produziert wurde. Als Massnahme haben wir viel Butter exportiert und sehr viel Geld zur Stützung des Überschusses ausgegeben. Dieses Jahr werden wir für den Winter nicht mehr so viel Geld zur Verfügung stellen können.
Je nach Verwendungszweck unterteilt die Branchenorganisation Milch den Schweizer Milchmarkt in drei Segmente.
A-Milch: Diese wird für den inländischen Markt verwendet. Unter anderem für Trinkmilch, Joghurt, Butter, Rahm und Käse. A-Milch hat das höchste Preisniveau. Seit dem 1. Oktober liegt der Richtpreis bei 82 Rappen pro Kilo.
B-Milch: Sie wird für Milchprodukte verwendet, die zum Beispiel exportiert werden. Vor allem in die EU. Und es sind auch Produkte wie beispielsweise Industriekäse oder Milchpulver, die unter einem starken ausländischen Importdruck stehen. B-Milch liegt im mittleren Preisniveau. Der aktuelle Richtpreis für B-Milch beträgt 61.5 Rappen pro Kilo.
C-Milch: Diese gibt es nur, wenn in der Schweiz zu viel Milch produziert wird. Dann fliesst C-Milch in billige Überschussprodukte für den Weltmarkt. Der Richtpreis pro Kilo belief sich bis Ende September auf 29.6 Rappen. Derzeit gibt es im Schweizer Milchmarkt keine C-Milch mehr.
Ein Milchbetrieb liefert selten nur 100 Prozent A-Milch, sondern oft auch einen Teil B- oder sogar C-Milch. Dies führt zu einem Mischpreis, der dann von den Verarbeitern an die Milchbauern ausbezahlt wird. Überdies stellt ein Abnehmer einem Milchbetrieb diverse Abzüge in Rechnung, zum Beispiel Transportkosten.
Wie erreicht man es, dass die Milchmenge zurückgeht?
Ich gehe davon aus, dass die Futtervorräte, die jetzt im Sommer und Herbst verfüttert wurden, im Winter nicht mehr zur Verfügung stehen. Dadurch wird es in den ersten Monaten 2027 Mehrschlachtungen geben und die Milchmenge wird zurückgehen.
Auf den 1. Oktober wurden die Richtpreise für Milch angehoben, obwohl die Milchmenge zu gross ist. Eigentlich müsste es doch umgekehrt laufen?
Ja, da haben Sie recht. Als man den Entscheid am 27. August getroffen hat, dass der Richtpreis um vier Rappen steigt, hat man damit gerechnet, dass die Milchmenge stark zurückgehen würde. Zudem haben die Kosten für die Milchproduktion stark zugenommen. Es war nicht nur eine Marktmassnahme, sondern auch eine Massnahme, damit die Bauern ihr Einkommen einigermassen halten können.
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