Raven mit und ohne Behinderung – Wie das Nachtleben für Menschen mit Behinderung offener wird

Menschen mit und ohne Behinderung auf derselben Tanzfläche, am DJ-Pult und auf der Bühne: Vielerorts in der Schweiz entstehen neue Angebote, die Barrieren im Nachtleben abbauen. So auch der Zürcher Rave «Inclusions». Dort zeigt sich, wie selbstverständlich gemeinsames Feiern sein kann.
Das Nachtschwärmer-Projekt von Blindspot (Verein für Inklusion) in Bern vermittelt geschulte junge Freiwillige, die Menschen mit Behinderung an Konzerte, Theateraufführungen, Partys, Vernissagen oder Festivals begleiten. Das Angebot wird derzeit aufgebaut und soll eine selbstbestimmte Teilnahme am Kultur- und Nachtleben erleichtern.
In Luzern organisiert FE:IN Veranstaltungen für ein inklusiveres Nachtleben. Dazu gehören unter anderem Konzerte und Partys im Treibhaus Luzern. Das Projekt entstand aus einer Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Beeinträchtigung.
In Zürich bietet die Konzertreihe «Sound of Signs» inklusive Veranstaltungen an. So werden Konzerte beispielsweise mit Gebärdensprache sichtbar und mit Vibrationen spürbar gemacht. Der Veranstaltungskalender der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich führt zudem weitere Museums- und Kulturangebote auf.
An diesem Nachmittag dröhnt Techno aus den Boxen des Clubs, der sich in der Nähe der Hardbrücke befindet. Später steht eine Tanzgruppe auf der Bühne. Ihr Frontmann mit Behinderung ist Auftritte gewohnt: Raphael tanzt seit Jahren und hat Theater gespielt. Dass der Anlass ausgerechnet «Inclusions» heisst, findet er eigentlich überflüssig: «Wen wo inkludieren? Heute tanzen hier nur normale Leute – egal ob mit oder ohne Behinderung.»
Kaum Zugang in Club-Szene
Jerry gehört nicht nur zu den Gästen mit Behinderung, sondern ist an diesem Nachmittag auch für die Musik zuständig. «Ich bin eigentlich hier zum Auflegen und es macht voll Spass.» Diego ist bereits zum dritten Mal dabei und möchte sich künftig stärker im Projekt engagieren. Stefanie kommt einfach zum Tanzen. Zum gemeinsamen Feiern findet sie schlicht: «Es ist cool miteinander.»
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Bild 1 von 4. Beim Rave ist Jerry (rechts) nicht nur Gast, sondern steht selbst am DJ-Pult – zusammen mit Partyveranstalter Reto Willi. «Ich bin eigentlich hier zum Auflegen und es macht voll Spass.» Musik aufzulegen, gehört auch sonst zu seinen grossen Interessen. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 2 von 4. Raphael (rechts) ist Frontmann bei der Tanzaufführung und steht seit Jahren auf Bühnen – hier neben Denise Biellmann (links), der Schweizer Eiskunstläuferin. Den Begriff Inklusion hinterfragt Raphael selbstbewusst: «Wir sind alle normale Leute – mit und ohne Behinderung. Wen also wo einbeziehen? Dass alle zusammen tanzen, das ist normal.». Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 3 von 4. Für Luan (rechts) steht vor allem der Ausgang selbst im Zentrum: Musik, Freundinnen wie Vera (links) treffen und tanzen. «Ich finde es einfach cool da.» Beim Rave im Club Supermarket ist er zum ersten Mal dabei. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 4 von 4. Diego ist bereits zum dritten Mal am Rave. Sein Fazit: «Wir können zusammen tanzen und zusammen sein. Das ist einfach megacool.» Begleitet wird er von seiner Schwester Alicia. Aus eigener Erfahrung weiss sie, wie verletzend Ablehnung sein kann. Für sie ist deshalb klar: «Inklusion muss unbedingt stattfinden – überall.». Bildquelle: Andrej Voina.
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Genau darum geht es den Mitgründern des Anlasses, Reto Willi und Roland Lüthi. Willi arbeitet mit Menschen mit Behinderung und erlebte, wie wenig Zugang sie zum Club-Leben haben. «Es sollte selbstverständlich sein», sagt er. Das langfristige Ziel sei deshalb nicht ein eigener Sonderraum. Solche speziellen Inklusionsanlässe sollten irgendwann gar nicht mehr nötig sein.
Treppen, Geld und Berührungsängste
Davon ist das Nachtleben in der Schweiz noch entfernt. Willi nennt bauliche Barrieren als grosses Problem. Hinzu kommen Eintritt, Getränke und Fahrten, die für Menschen mit wenig Geld schnell teuer werden. Wer betreut wohnt, kann zudem nicht immer spontan bis spät in die Nacht ausgehen – und es gibt Berührungsängste zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.
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Bild 1 von 10. Menschen mit Behinderung fühlen sich laut den Mitgründern Reto Willi und Roland Lüthi in nicht-inklusiven Clubs teilweise unsicher oder hätten Angst, negativ aufzufallen. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 2 von 10. Viele Clubs seien baulich nicht oder nur schwer zugänglich, etwa wegen Treppen, fehlender Lifte oder nicht barrierefreien WCs. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 3 von 10. Wer weiss, dass ein Club nicht zugänglich ist, gehe oft gar nicht erst hin, so die Mitgründer Reto Willi (links) und Roland Lüthi. Bildquelle: Rahel Köppel.
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Bild 4 von 10. Beispielsweise sei der Club Supermarket einer der wenigen Clubs in Zürich, der barrierefrei sei, weil die Tanzfläche sich auf gleicher Höhe wie die Strasse und das Trottoir befindet, sodass Menschen im Rollstuhl barrierefreien Zugang hätten. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 5 von 10. Zudem seien Eintritt, Getränke und vor allem Hin- und Rückfahrt teuer. Lüthi sagt, viele Menschen mit Behinderung hätten nur wenig Geld. Teilweise seien sogar Taxifahrten budgetiert, wodurch jeder Ausgang gut überlegt werden müsse. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 6 von 10. Wer in einer Institution lebt, kann abends nicht immer spontan ausgehen. Laut Lüthi werde der Ausgang teilweise auch nicht aktiv gefördert – und sei darum nicht so einfach zugänglich wie für Menschen ohne Behinderung. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 7 von 10. Die Folge sei, dass organisierte Freizeitangebote speziell für Menschen mit Behinderungen oft Berührungspunkte mit dem Nachtleben von Menschen ohne Behinderung ersetzten. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 8 von 10. Menschen mit Behinderung fühlten sich in den meisten Clubs teilweise unsicher oder hätten Angst, negativ aufzufallen, so Willi und Lüthi. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 9 von 10. Gleichzeitig seien auch Menschen ohne Behinderung im Umgang unsicher. Lüthi spricht von «zwei Welten», die im Alltag noch zu wenig aufeinandertreffen. Bildquelle: Andrej Voina.
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Bild 10 von 10. Willi und Lüthi sehen Bedarf an geschultem Personal und Care-Strukturen. Ihr eigener Anlass arbeitet deshalb mit einem Careteam und Notfallplan. Willi sagt zugleich, dass nicht jede Situation im Nachtleben vollständig kontrollierbar sei und Schutz eine Rolle spiele. Bildquelle: Andrej Voina.
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Auch eine Recherche von «Tsüri.ch» zeigte 2025: Nicht nur Treppen können ausschliessen. Hohe Lautstärke, enge Räume oder fehlende Rückzugsmöglichkeiten erschweren den Zugang zu einer Party ebenfalls. Gleichzeitig bewegt sich etwas: Kulturhäuser und Clubs arbeiten an ihrer Zugänglichkeit und die Stadt Zürich baut laut dem «Tagesanzeiger» ein Netzwerk für inklusive Kultur auf.
Was gemeinsame Partys verändern können, zeigt sich beim übrigen Publikum. Alicia kam wegen ihres Bruders Diego. Beide hätten in ihrer Kindheit viel Ablehnung erlebt. Ihre Forderung: «Die Inklusion muss unbedingt stattfinden – überall.»
Barrierefreiheit statt Spezialanlässe
Die Gäste Fabienne und Philipp waren ursprünglich wegen eines anderen Day-Dance in der Gegend. Dann hörten sie die Musik im Club Supermarket und blieben. «Sie haben die Bedürfnisse genau gleich wie wir», sagt Fabienne über Menschen mit Behinderung. «Sie wollen Party machen, sie wollen connected sein.»
Die Inklusion muss unbedingt stattfinden – überall.
Mina ist eine Besucherin ohne Behinderung und formuliert es so: «Das Gemeinsame und die Freude von diesen Leuten hier, die steckt mega an.» Für Raphael, den Tänzer mit Behinderung, wäre der grösste Erfolg allerdings, wenn es für die Gemeinsamkeit irgendwann keinen besonderen Spezialanlass bedürfte: «Eigentlich müsste es immer und überall so sein.»
Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 12.10.2026, 6:31 Uhr ; külc/köpr;fise;noes
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