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Monday, September 14, 2026

Carolin Amlinger über wehrhafte Poltik: „Wir brauchen eine soziale Erneuerung der Demokratie“

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Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass die AfD noch aufzuhalten ist, sagt die Soziologin Carolin Amlinger. Ein Gespräch über antifaschistische Politik.

taz: Frau Amlinger, es ist möglich, dass die AfD in der nächsten Landesregierung von Sachsen-Anhalt sitzt. Es wäre eine Zäsur, die AfD erstmals in Regierungsverantwortung. Lässt sich der Vormarsch der Rechtsextremen überhaupt noch stoppen?

Carolin Amlinger: Diese Frage wurde schon vor der Wahl diskutiert. Damals hofften manche noch, Sachsen-Anhalt könnte zum Labor für eine gelingende antifaschistische Politik werden. Nach der Wahl müssen wir festhalten, dass es hier trotz des großen zivilgesellschaftlichen Engagements nicht gelungen ist, die AfD einzudämmen. Das zeigt zunächst, dass kurzfristige Maßnahmen, etwa Protest oder der Aufbau antifaschistischer Infrastrukturen – etwa Demokratieinitiativen – den langfristigen Aufstiegstrend der Rechten allein nicht aufhalten können.

taz: Ohne die vielen Initiativen und Protestveranstaltungen hätte die AfD womöglich noch mehr Stimmen eingeheimst.

Amlinger: Definitiv. Vor allem hatte das viele Engagement jedoch die sehr wichtige Funktion, die klein gewordene, aber immer noch existente demokratische Mehrheit aus der politischen Ohnmacht herauszubringen, ihnen das Gefühl zu vermitteln, wirkmächtig zu sein, etwas tun zu können. Darüber hinaus haben die Initiativen Schutzräume geschaffen, die unter einer möglichen AfD-Regierung noch notwendiger werden als sie es bislang schon sind.

Aktionswoche: Demokratie braucht viele Stimmen

t az: Sie meinen für Migrant*innen, Personen of Color, linke oder queere Menschen?

Amlinger: Genau. Aber das sind eben nur kurzfristige Maßnahmen. Es braucht eine langfristig ausgelegte antifaschistische Politik, um die AfD einzudämmen – und zugleich den globalen Aufstieg der radikalen Rechten, der ja weder ein ostdeutsches noch ein spezifisch deutsches Phänomen ist.

Im Interview: Carolin Amlinger

geboren 1984 in Zell, arbeitet als Soziologin an der Universität Basel. 2025 veröffentlichte sie mit dem Soziologen Oliver Nachtwey bei Suhrkamp „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“.

t az: Klingt super. Aber wie sähe diese antifaschistische Politik konkret aus?

Amlinger: Das wird deutlich, wenn wir uns anschauen, wer die AfD wählt und aus welchen Motiven.

taz: In Sachsen-Anhalt waren es viele Menschen, die sich selbst als ökonomisch schlecht situiert einschätzen.

Amlinger: Stimmt. Und das ist kein Zufall. Ein zentrales Muster der Nachkriegsgesellschaften hat sich verkehrt: Linke Parteien sind unter Ar­bei­te­r*in­nen und auch in der unteren Mittelklasse nicht länger dominant, besonders unter jenen nicht, die sich kulturell rechts verorten. Diese Verschiebung, die sich in Sachsen-Anhalt auch als ein Protest gegen die aktuellen Regierungsreformen artikuliert hat, ist eine Reaktion auf die wirtschaftlichen Liberalisierungen der letzten Jahrzehnte. Sie haben die Einkommensungleichheit enorm wachsen lassen. Das ist ein zentraler Treiber für rechte Parteien in vielen westlichen Demokratien.

taz: Aber die AfD ist doch – wie beispielsweise auch die Republikaner in den USA – eine Partei für Besserverdienende. Warum wählen die einfacheren Ar­bei­te­r*in­nen gegen ihre objektiven Interessen?

Amlinger: Weil sie die Gesellschaft, die Demokratie insgesamt, als eine Gesellschaft des kollektiven Verlustes wahrnehmen. Selbst wenn sie keinen Abstieg hingelegt haben, sorgen sie sich davor, sie haben also eine gewisse Statusangst. Diese Angst führen sie allerdings nicht zurück auf die gewachsenen Ungleichheiten oder auf die Kürzungspolitik der Bundesregierung. Nein, sie projizieren sie auf Migrant*innen. Und identifizieren sich selbst sogar mit Leistung und Wettbewerb.

Einkommensungleichheit ist ein zentraler Treiber für rechte Parteien in vielen westlichen Demokratien

Carolin Amlinger

taz: Im Buch „Zerstörungslust: Elemente des demokratischen Faschismus“, das Sie zusammen mit dem Soziologen Oliver Nachtwey geschrieben haben, bezeichnen Sie die Ursache für diese Projektion als „Nullsummendenken“. Was bedeutet das?

Amlinger: Wenn Menschen die Welt, in der sie leben, nicht mehr als eine wahrnehmen, in der die Ressourcen wachsen, sondern schrumpfen, verändert sich die Logik sozialer Konflikte. Es geht dann häufig nicht mehr darum, wie verteilt wird, sondern darum, wer überhaupt noch mit am Tisch sitzen darf. Der Klimawandel befeuert das Bewusstsein noch, dass die eigene Zukunft schwindet.

taz: Es genügt also das Versprechen darauf, dass es anderen durch bestimmte Politik schlechter gehen wird, um das Gefühl zu entwickeln, einem selbst würde es damit besser gehen. Ohne dass das objektiv so sein mag.

Amlinger: Genau, das ist die Nullsummenlogik: Der Nachteil des anderen ist mein Vorteil. Diese affektive Klammer hält die sehr heterogene Wählerbasis der AfD zusammen: ökonomisch tatsächlich benachteiligte Menschen, insbesondere aus der Arbeiterklasse, die sich von einer gesellschaftlichen Schließung mehr Wohlfahrtschauvinismus versprechen. Selbstständige und Kleinunternehmer, die sich selbst als leistungsstark wahrnehmen und eine verletzte Reziprozität des Gemeinwesens beklagen, die Leistungsschwache vermeintlich bevorteilen würde. Menschen aus der oberen Mittelklasse, die sich in ihren unternehmerischen Freiheiten eingeschränkt fühlen durch Gleichstellungsprogramme, Sozialreformen, Klimapolitik.

taz: Gerade letztere Gruppen haben doch aber in den letzten Jahrzehnten eher gewonnen, auch in Sachsen-Anhalt – haben Vermögen angehäuft, wohnen in Eigenheimen.

Amlinger: Auch Menschen, die real aufgestiegen sind, kann die Gesellschaft als Verlustrechnung, die zukünftige Sicherung ihres Wohlstands als massiv gefährdet erscheinen – obwohl das Eigenheim gebaut ist, der cash bezahlte PKW vor der Tür steht. Die in den letzten Monaten drastisch gestiegenen Benzinpreise haben etwa ein solches Gefühl der Wohlstandsgefährdung verstärkt – und indirekt der AfD in die Hände gespielt.

taz: Und weshalb lassen sich besonders auch junge Menschen von der AfD ködern? In Sachsen-Anhalt haben 43 Prozent der unter 25-jährigen die Rechtsextremen gewählt. 21 Prozent der gleichen Altersgruppe bei der letzten Bundestagswahl.

Amlinger: Der Satz, „Den Kindern wird es einmal besser gehen“, gilt nicht mehr. Für alle, die heute jung sind, ist der soziale Aufstieg durch eigene Bildungsinvestitionen nicht mehr so einfach zu absolvieren. Entscheidend dafür ist das Vermögen ihrer Eltern. Heißt: Diejenigen, die ohnehin schon bessergestellt sind, rücken weiter nach oben. Alle anderen bleiben, wo sie sind – und steigen relativ ab. Hier gerät die Realität mit den Leistungsnormen in Konflikt, mit denen sich auch die junge Generation noch identifiziert. Das erzeugt destruktive Energien.

taz: Die die AfD zu kanalisieren weiß.

Amlinger: Ja, und das auf ganz besondere Weise. Die AfD ist in diesem Sinn eine revolutionäre Partei, genauer gesagt: eine nationalrevolutionäre. Sie will das demokratische System beseitigen, von dem viele Menschen sich entfremdet haben. Der revolutionäre Impetus, der lange Zeit von der Linken verkörpert wurde, ist gerade bei den jungen Menschen nach rechts gewandert. Hinzu kommt eine transgressive Lust an der Grenzüberschreitung, an der Gewalt, mit der man sich selbst ermächtigen kann. Mit der AfD kann man seine sozialen Dominanzgefühle ausleben.

taz: Sie und Oliver Nachtwey nennen das „Zerstörungslust“. Noch eine andere Lust schien in Sachsen-Anhalt aber sehr bedeutsam gewesen zu sein: die Lust, mitzugestalten. Den Leuten wurde versprochen, Geschichte zu schreiben, Zukunft zu machen, Teil eines kollektiven, wenn auch exklusiven Aufbruchs sein zu können.

Amlinger: Es wird immer gesagt, dass die Rechte keine Zukunftsvisionen anzubieten habe, sondern einfach nur eine leere Vergangenheit heraufbeschwöre. Ein stückweit stimmt das natürlich, aber in ihrem Bewegungscharakter gibt sie gerade jungen Menschen das Gefühl, in einer Endzeit eine Zukunft zu haben. Und zwar nur ihnen, qua Abstammung.

taz: Zukunft für die einen, auf Kosten der Zukunft anderer.

Amlinger: Genau. Gerade das macht die AfD so gefährlich. Sie ist eben nicht nur eine rechtere Version der CDU. Sie will die Gesellschaft grundlegend umbauen. Interessant ist, dass sie genau deshalb für viele so attraktiv ist. Sie hat das Image der Protestpartei abgelegt und inszeniert sich sehr wirkungsvoll als Aufbruch. In einer Gesellschaft, die viele als sich schließend wahrnehmen, inszeniert sie die ultimative Schließung als Angebot.

Die AfD hat das Image der Protestpartei abgelegt und inszeniert sich sehr wirkungsvoll als Aufbruch

Carolin Amlinger

taz: Wie sieht sie nun aus, die langfristige Politik dagegen?

Amlinger: Das ergibt sich negativ aus unserer Analyse. Zunächst kommt es darauf an, das Nullsummendenken wieder anders zu politisieren: Verteilungskonflikte nicht horizontal zu führen, Ungleichheit nicht kulturell auf Mi­gran­t*in­nen zurückzuführen, sondern als vertikalen Konflikt zwischen oben und unten.

taz: Was bedeutet das konkret?

Amlinger: Die enorme Vermögensungleichheit in unserer Gesellschaft müssen wir dringend eindämmen. Die obersten Einkommen müssen viel stärker besteuert werden, um Mittel für den Ausbau des Sozialstaates und der Infrastruktur zu schaffen. Hohe Vermögen und Erbschaften ebenfalls. Wir brauchen eine soziale Erneuerung der Demokratie, sodass alle die Chancen haben, ein würdevolles Leben zu führen. Zudem braucht es soziale Orte des Miteinanders. Offene Treffpunkte, in denen soziale Gruppen zusammenkommen, und auf diese Weise Geborgenheit erfahren können – aber eben nicht regressiv als sich nach außen abgrenzende Gemeinschaft. In Sachsen-Anhalt wurde dahingehend schon vieles erfolgreich erprobt.

taz: Aber wie wollen Sie die vielen zurückholen, die nun schon rechts abgedriftet sind?

Amlinger: Das ist nicht leicht. Klar ist, dass soziale Beschämung nicht dazu geführt hat, dass Menschen sich der Rechten wieder abgewendet haben. Im Gegenteil, sie haben sich eher bestärkt gefühlt im eigenen Ressentiment. Ich glaube gleichzeitig auch nicht, dass man AfD-Wähler*innen in einem Gespräch umdrehen kann. Gleichwohl muss man im Gespräch bleiben, ihren Sorgen ein Stück weit zuzuhören, diese aber gleichzeitig nicht unwidersprochen stehen lassen.

taz: Noch können wir die AfD also stoppen?

Amlinger: Wir können gar nicht anders, als davon auszugehen, dass die AfD aufzuhalten ist. Das ist unsere erste Aufgabe.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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