"Drecksding", Probleme, Pfiffe: Jürgen Klopp sammelt Informationen, die er gar nicht haben will

Eigentlich soll das Heimdebüt von Jürgen Klopp ein Erfolg werden. Doch der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Griechenland zeigt, dass der Bundestrainer viel Arbeit vor sich hat.
Es ist Teil der Jobbeschreibung, dass ein Bundestrainer unmittelbar nach Spielende die entscheidenden Szenen für das TV-Publikum in aller Kürze blitzanalysieren muss. Beim Heimdebüt von Jürgen Klopp ging es um das einzige Tor des Abends: den Siegtreffer der Griechen gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der 74. Minute. Glück dabei für Klopp: Die DFB-Fehlerkette ist so offensichtlich, dass es gar keine aufwendigen Zeitlupen und Wiederholungen braucht.
Hier noch einmal eine schnelle Beschreibung: Kontersituation, langer Ball der Griechen quer über den Platz, Arsenal-Profi Christos Tzolis nimmt das Spielgerät an, läuft damit den linken Flügel herunter. Am Strafraum angekommen will er querlegen, der Ball pingpongt aber zu Dimitrios Kourbelis, der an der Strafraumkante steht. Der 32-Jährige von Asteras Tripolis schlägt einen Haken, zieht ab - und der Schuss fällt abgefälscht ins Tor.
Und was analysiert Klopp in der ARD dazu? Er wirkte selbst etwas überrascht. Klar, da hätte DFB-Außenverteidiger Josha Vagnoman schon deutlich früher in den Zweikampf mit Tzolis gehen können. Und in einer idealen Welt darf Karim Adeyemi seinem Kollegen dabei auch helfen. Ach ja, spätestens Felix Nmecha hätte dann vielleicht doch noch sein eher halbherzig geführtes Duell mit Kourbelis gewinnen können. Insgesamt also ein eher "unglückliches" Gegentor, resümiert Klopp. Aber klar, den Bundestrainer überrasche es dann nicht, dass die Griechen das "Drecksding dann reinwurschteln".

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Zahlen der Ideenlosigkeit
Auf der Festplatte des Bundestrainers nimmt dieses "Drecksding" der Griechen weiteren Speicherplatz ein. Man muss sich Klopp gerade ein bisschen wie einen Supercomputer vorstellen, der aktuell Unmengen an Informationen verarbeitet. In dem neuen XXL-Länderspielfenster sind da die vier Nations-League-Partien. Dort ging es eigentlich ganz gut los, das 1:1-Remis vor vier Tagen gegen die Niederlande hatte die Klopp-KI mit "ganz tollen Verteidigungsmomenten" gefüttert, erzählte er unter der Woche. In Herzogenaurach lässt Klopp die wenigen Trainingseinheiten mit Drohnen überwachen - auch die zeigten ihm tolle Bilder.
Und nun kommen Informationen dazu, die Klopp so eigentlich gar nicht haben wollte, wie er es selbst auf dem Podium der WWK Arena sagte. Die 0:1-Niederlage gegen den 41. der FIFA-Weltrangliste zeigt, dass der Prozess zurück in die Spitze wohl noch Zeit brauchen wird. "Wir sind nicht das FC Bayern des europäischen Fußballs, sondern eine Fußballmannschaft, die sich erst noch finden muss", sagte Klopp. Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger formulierte es drastischer: "Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen."
Dabei sollte das Heimdebüt von Klopp eigentlich ganz anders laufen, es sollte zum ersten Fest des Bundestrainers werden. Augsburg, das nicht oft Länderspiele austrägt, war ganz stolz darauf, für die Deutschland-Premiere auserkoren zu sein. Auf dem Weg zum Stadion verkauften Händler inoffizielle Jürgen-Klopp-Schals, den Gesprächen der Menschen im DFB-Trikot konnte man entnehmen, wie vorfreudig sie sind. Die Partie war binnen zehn Minuten ausverkauft. Erstmals seit mehr als 20 Jahren kehrte eine Stehtribüne bei einem DFB-Spiel zurück.

Obwohl die Umstände eigentlich optimal waren, stand der Bundestrainer nach Spielende mit seiner DFB-Elf vor ebenjener Stehtribüne und musste ihr Mut zusprechen. Unter den Applaus des DFB-Anhangs mischten sich nach der 0:1-Niederlage auch die ersten Pfiffe der Ära Klopp. "Die Mannschaft stand ein bisschen bedröppelt da, dafür gab es keinen Grund", erklärte der Bundestrainer im Anschluss. "Wer pfeifen will, soll mich auspfeifen."
Stattdessen feierte das Stadion mit Abpfiff eine Hellas-Party. Das griechische Team trat vor allem gegen Ende der Partie so auf, wie Klopp seine Mannschaft eigentlich hatte sehen wollen. Das Tor löst im blau-weißen Auswärtsblock eine Freudenexplosion aus, zum Jubeln rannten die Auswechselspieler quer über den Platz. Die Energie übertrug sich auf das Feld: Wie Wespen ein Eis im Sommer verfolgten die griechischen Verteidiger in der Schlussphase ihre DFB-Gegenspieler.
Ballbesitz, den man gar nicht braucht
Der zweite DFB-Auftritt unter Klopp war für die meisten Fans ein Dämpfer. Diese Art von Fußballspiel verfolgt die DFB-Elf wie ein wiederkehrendes Déjà-vu. Wer die Nationalelf länger verfolgt, hat das schon öfter erlebt - zuletzt im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay, das mit dem Ausscheiden endete. Manchmal reicht es für gegnerische Mannschaften sich gegen die DFB-Elf einfach tief in die eigene Hälfte zurückzuziehen. Das zu knacken, sei mit das Schwierigste im Weltfußball, sagte Klopp.
Die Zahlen zeigen, wie schwer sich die DFB-Elf getan hat. Am Ende kam sie auf 74 Prozent Ballbesitz, spielte fast 500 Pässe mehr als ihr Gegner - und konnte sich doch kaum Torchancen erarbeiten. Die Innenverteidigung kam insgesamt auf 250 Ballkontakte. Kapitän Joshua Kimmich berührte in den 90 Minuten mehr als 150-mal den Ball, spielte geschätzt genauso viele Chipbälle, fand dafür aber nur selten richtige Abnehmer. Torwart Alexander Nübel fasste es nach Abpfiff in der ARD so zusammen: "Wir hatten Ballbesitz in Zonen, in denen wir ihn gar nicht brauchen."
Klopp half seiner Mannschaft auch nicht gerade damit, dass er die Startelf im Vergleich zum 1:1-Remis gegen die Niederlande auf fünf Positionen umgestellt hatte. Einzelne Szenen zeigen, wie schwer es ist, Automatismen zu finden, wenn sich das Personal ständig ändert. Etwa zu Beginn der zweiten Hälfte, da wurde es etwas chaotisch.
Das griechische Team spielte den Ball vom eigenen Strafraum raus, wirkte dabei aber nicht sonderlich zielstrebig. Die DFB-Offensivkräfte bemerken das: Younes Ebnoutalib, Kevin Schade und Bambase Conte nehmen Augenkontakt auf, gestikulieren mit den Armen. Ihr Plan ist offensichtlich: Sie wollen ihre Gegenspieler so zustellen, dass sie ganz einfach den Ball erobern können. Doch ihr Anlaufverhalten ist so schräg und unkoordiniert, dass die Griechen sich mit zwei einfachen Pässen aus der Drucksituation befreien können.
Noch zwei Chancen
Das haben die beiden Spiele unter dem neuen Bundestrainer gezeigt: Die ersten Ansätze sind schon da. Nur gehen die Probleme im deutschen Fußball tiefer, als dass sie irgendjemand in nur zehn Tagen beheben könnte. Klopp ging mit seinem 44er-Doppelkader ins Risiko. Einerseits möchte er möglichst viele Spieler sehen und ihnen seine Vorstellungen mitgeben. Andererseits ist es unmöglich, so irgendwelche Automatismen zu entwickeln. Immerhin ein cleverer Nebeneffekt: Das macht es bislang auch aussichtslos irgendwelche Bewertungen vorzunehmen.
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Joshua Kimmich ist der große Unglücksrabe
Es war klar, dass auch Klopp einige Zeit brauchen würde. Deshalb machte der Bundestrainer auch nach dem Griechenland-Spiel das, was er in den vergangenen zehn Tagen schon machte: Er verwies auf das, was noch kommen wird. "Die Zukunft ist nur so gut, wie wir sie uns vorstellen können", sagte er. Alles, was vorstellbar ist, sei auch möglich. "Und ich kann mir unheimlich viel vorstellen. Wir gehen da mit allem, was hier haben, da ran. Wir wollen den Weg weitergehen."
Glücklicherweise geht das relativ flott. Der zweite Teil des Doppelkaders ist schon angereist, er verfolgte die Partie im Stadion. Am Donnerstag geht es gegen Serbien (20.45 Uhr/ZDF und im ntv.de-Liveticker), einer Mannschaft, die ähnlich tief stehen wird wie Griechenland. Vielleicht macht es der B-Kader besser. Es gibt ja jetzt neue Informationen.
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