Neu im Kino – «Sense and Sensibility»: Kitsch pur oder gelungene Neuauflage?

England um 1800, ländliche Idylle in Sussex: Eine Familie steht vor dem Ruin. Der verstorbene Familienvater hat der Mutter und ihren Töchtern kein Erbe hinterlassen. Sie müssen das prächtige Landgut verlassen. Ihre einzige Rettung? Eine gute Heirat. Doch die Liebe macht bekanntlich, was sie will – und so beginnt das Drama um die beiden Schwestern Elinor und Marianne Dashwood.
Der neue Film «Sense and Sensibility» (auf Deutsch: «Sinn und Sinnlichkeit») basiert auf dem gleichnamigen zeitlosen Romanklassiker mit dem deutschen Titel «Verstand und Gefühl» von Jane Austen aus dem Jahr 1811. Die Verfilmung des Stoffes von Ang Lee 1995 war ein Kino-Welterfolg. Der Film von damals – mit Emma Thompson, Kate Winslet, Hugh Grant und Alan Rickman – ist heute selbst längst ein Klassiker. Nun kommt eine Neuauflage für eine neue Romantik-Generation ins Kino.
Kitsch trifft Gesellschaftskritik
Die Geschichte: Die pflichtbewusste Elinor verliebt sich in Edward Ferrars. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, doch er macht ihr keinen Antrag. Die emotionale Marianne trifft einen charmanten Mann, doch der entpuppt sich als Mistkerl.
Beide Schwestern kämpfen mit den Widrigkeiten der Liebe und mit einer Gesellschaft, in der Frauen kaum Rechte haben. «Ich mag es, dass es eine Geschichte ist über zwei ungleiche Schwestern, die beide auf ihre Art die Schwierigkeiten romantischer Liebe erfahren», sagt Regisseurin Georgia Oakley. «Gleichzeitig finden im Film Themen statt, die sehr aktuell sind.»
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Bild 1 von 4. Die aufstrebende irische Schauspielerin Bodhi Rae Breathnach (links) verkörpert die jüngste Dashwood-Schwestern, Margaret. Caitríona Balfe aus der Zeitreise-Serie «Outlander» (rechts) spielt die Mutter Mrs. Dashwood. Bildquelle: FOCUS FEATURES.
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Bild 2 von 4. «Sense and Sensibility» ist ein Film für Romantik-Fans und Kostümdrama-Liebhaber: Als Elinor zu sehen ist Daisy Edgar-Jones («Der Gesang der Flusskrebse», «Normal People»). Bildquelle: FOCUS FEATURES.
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Bild 3 von 4. Die Neuauflage besteht aus vielen innigen, hochemotionalen Szenen. Die romantisch veranlagte Marianne wird gespielt von Esmé Creed-Miles («Hanna»). Bildquelle: FOCUS FEATURES.
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Bild 4 von 4. Den Part des Edward Ferrars spielt George MacKay, der 2027 in Bradley Coopers Prequel zu «Ocean's Eleven» zu sehen sein wird. . Bildquelle: FOCUS FEATURES.
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Vor historischen Kulissen verhandelt der Film die Macht des Patriarchats, gesellschaftliche Zwänge und den urmenschlichen Konflikt zwischen Verstand und Gefühl, erklärt SRF-Kulturredaktor Igor Basic.
Taschentücher nicht vergessen
«Packt die Taschentücher ein», warnt SRF-Filmredaktor Enno Reins. «Es ist hübsch anzusehen. Ein wenig wie ein Katalog für Landhausmode. Altmodisch in jeder Form.» Man bekommt alles, was man von einer Romanze eben erwarten würde: grosse Gefühle, Tränen, Leid. Schlechtes Wetter, das die Stimmung untermalt.
Ang Lees Verfilmung war 1995 ein Welterfolg und gewann den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Der Film gilt als romantische Komödie zum Dahinschmelzen.
Georgia Oakleys Version setzt andere Akzente: Sie arbeitet mit intensiven Erd- und Naturtönen – Beige, Grün, Braun – und schafft eine melancholische Atmosphäre, weit entfernt vom Hochglanz-Stil à la «Bridgerton».
Sie habe das Leben vor 200 Jahren möglichst authentisch zeigen wollen», sagt die Regisseurin. Die Dashwood-Schwestern leben in einem Bauernhaus im Nirgendwo – hart und fernab jeglicher Idylle.
Oakleys Film ist weniger romantische Komödie, mehr Gefühlsdrama mit melancholischem Unterton. Schön sind vor allem die innigen Szenen zwischen den Schwestern Elinor und Marianne, «die sich in ihrem Kummer zur Seite stehen» – intensiv gespielt von Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles.
Doch der Film schaffe einen bemerkenswerten Spagat: «Auf der einen Seite erzählt er, wie Frauen damals keine Rechte hatten, dass sie abhängig von Männern waren», erklärt Reins. «Aber auf der anderen Seite ist da diese Geschichte von der einen grossen Liebe, wie wir sie aus alten Hollywoodschinken kennen. Sprich: Es ist fürchterlich kitschig.»
Neue Gesichter, alte Geschichte
Anders als in der Version von 1995 setzt Regisseurin Georgia Oakley auf junge, weniger bekannte Gesichter statt auf etablierte Stars.
Daisy Edgar-Jones, die Elinor spielt, erklärt den inneren Konflikt der Figuren: «Der Film zeigt nicht, dass das eine besser ist als das andere. Er zeigt, wie die jüngere Schwester ursprünglich sehr gefühlsbetont ist und am Ende dann doch den Verstand walten lässt. Und wie die ältere Schwester zu Beginn pflichtbewusst ihre Gefühle unterdrückt, um am Ende aber den Verstand loszulassen und laut auszusprechen: ‹Ich liebe dich!›»
«Es braucht also beides: Verstand und Gefühle», resümiert Kulturredaktor Igor Basic. «Und auch wenn man die Geschichte schon kennt, hält der Film bis am Schluss die Spannung. Eine mehr als gelungene Neuauflage.»
Kostümdramen-Liebhaber und Jane-Austen-Fans, die sich an prächtigen Landschaften erfreuen und bereit sind für eine ruhige, aber intensive Erzählweise, dürften daran ihre Freude haben.
Kinostart: 15. Oktober
SRF 1, Tagesschau, 15.10.2026, 19:30 Uhr ; basi/reie/lics/dpa
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