Überwachung in China: Der Staat will alles sehen
Überwachung in China Gesichtserkennung an der Mülltonne
Stand: 01.10.2026 • 10:23 Uhr
Mehr als 700 Millionen Kameras, die durch KI und Gesichtserkennung vernetzt sind, digitale Beobachtung im Internet: China betreibt das umfassendste Überwachungssystem der Welt. Viele finden das aber gar nicht schlimm.
Von Christoph Kober, ARD-Studio Peking
Blick auf eine Straßenkreuzung im Osten Pekings - auf acht Spuren überschneidet sich der Verkehr. Wer an der Ampel wartet, wird von mehr als einem Dutzend Kameras pro Fahrtrichtung beobachtet. Die filmen Autos, Radfahrer, Fußgänger und was sonst an der Kreuzung los ist. Überwachung - offensichtlich und verborgen - ist Alltag in China.
"Sie macht unser Leben sicherer und bequemer. Ich habe bislang noch keine schlechten Erfahrungen gemacht", sagt etwa die 28-Jährige Xiaoying. "Die Technologie wird sehr ausgereift eingesetzt. Deshalb fühle ich mich sehr sicher, wenn ich aus Peking in andere Städte reise".
Unangemeldete Versammlungen ein Tabu
Zwischen 700 und 800 Millionen Kameras im öffentlichen Raum soll es laut Schätzungen in der Volksrepublik geben. Sie dokumentieren das Geschehen auf Straßen und Plätzen und zeigen, falls sich etwa unangemeldet Personen versammeln - ein Tabu im kommunistisch regierten China.
Die Kameras nehmen auch auf, ob Menschen ihren Müll richtig entsorgen. Und die Gesichtserkennung macht klar, wer den Hausmüll in die Altpapiertonne geworfen hat.
Die Bilder kommen in großen Überwachungszentren an. Zu einem dieser Zentren hatte ein Team der ARD vor einiger Zeit seltenen Zutritt. An der Wand Dutzende Bildschirme, die Leute im öffentlichen Raum zeigen. Deren Gesichter sind grün oder rot umrandet - je nach Verhalten.
"Den Menschen hier gibt es ein Gefühl von Sicherheit, es ist ordentlich und sauber", hat damals Shen Dandang gesagt, die das System mitentwickelt hat. Von Überwachung wollte sie nicht reden.
Gesichtserkennung an der Wohnungstür
Dennoch setzt China auch die Gesichtserkennung dort flächendeckend ein, wo es vor allem um Kontrolle geht: in Xinjiang im Nordwesten der Volksrepublik. 2014 erklärte Staats- und Parteichef Xi Jinping den Landesteil zum Testgelände für neue Überwachungsmethoden. Er ließ Daten sammeln aus Überwachungskameras, Wlan-Routern und an Polizei-Checkpoints.
Zugang zu ihren Wohnhäusern erhalten viele nur noch durch Gesichtserkennung, Computerprogramme registrieren Menschen an ihrem Gang. Die kommunistische Führung nennt es Bekämpfung von Terror, nachdem es in den vergangenen Jahren in mehreren Regionen des Landes Anschläge gegeben hatte.
Heute ist die Technologie Alltag für viele Menschen in China. Dabei gehe es nicht nur um Kontrolle, sagt Genia Kostka, die das Institut für China-Studien an der Freien Universität Berlin leitet: "Damit will China zeigen: 'Wir sind ein sehr effizienter Staat, wir sorgen für euch.' Man denkt immer, Überwachung ist das Hauptmittel. Ich glaube aber eher, dass man versucht die Bürger 'einzukaufen'."
Hauptsache bequem
Tatsächlich empfinden viele Menschen es als bequem, wenn Flug- oder Bahntickets mit dem Gesicht des Inhabers verknüpft sind, wenn sich Überweisungen mit einem Blick in die Smartphone-Kamera erledigen lassen. Das geht zwar auch in Deutschland - der Unterschied liegt im Datenschutz, zum Beispiel bei großen Techfirmen.
"Wenn man sich anguckt, wie man bezahlt, das landet ja dann bei Firmen wie Alibaba. Mittlerweile gibt es aber Gesetze, durch die die Polizei sagen kann, 'die Person bedroht die nationale Sicherheit' und dann kann und muss auch Alibaba die Daten zu dieser Person der Polizei übergeben", erklärt Sinologin Kostka.
Die Frage nach den eigenen Daten stellen die meisten Menschen in China nicht. Was soll schon passieren, wenn man unbescholten ist?, so die vorherrschende Meinung. Der 20-jährige Student Yang Xuejin macht sich doch Gedanken:
"Private Informationen wie Ausweisnummer, Bankkarte, Handynummer, mit der mein Konto verknüpft ist - das musste ich alles der Universität übermitteln. Das macht mir schon Sorgen, aber ich allein kann das nicht ändern."
Chinas Überwachungsapparat funktioniert - auch dank einer Technologie, die beides ermöglicht: Bequemlichkeit für die Bevölkerung, umfassende Kontrolle für den Staat.
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