Erstmals nach Hamas-Massaker : Israel entscheidet Netanjahus Schicksal

Erstmals nach Hamas-Massaker Israel entscheidet Netanjahus Schicksal
24.10.2026, 08:29 Uhr
Von Frauke Niemeyer
Garant für Israels Sicherheit oder mitverantwortlich für den Tod von 87 Geiseln? In der ersten Wahl nach dem Hamas Massaker vor drei Jahren entscheidet Israel am Dienstag, ob Benjamin Netanjahu an der Macht bleibt.
Kann die Sieben ihm gefährlich werden? Muss Benjamin Netanjahu sich von der Sieben bedroht fühlen? Darüber hat Israels Premier tatsächlich nachgedacht. Noch vor Wochen diskutierte seine Regierung, ob das Wahldatum, der 27. Oktober, einen negativen Impuls bei den Israelis auslösen könnte. Es enthält eine "7". Wie die "7" vom 7. Oktober 2023. Wäre das riskant? Wäre es mit Blick auf die eigene Wiederwahl günstiger, ein Datum zu nehmen, das nur unbelastete Ziffern von 1 bis 6, eine 8 oder die 9 enthält?
Es bleibt beim 27. Doch taugt die Anekdote als Antwort auf eine Frage, die sich vor der ersten israelischen Parlamentswahl seit dem Überfall der Terrorgruppe Hamas stellt: Wie viel Einfluss hat der damalige Gewaltexzess, der rund 1200 Leben auslöschte, 251 Entführte in den Tunneln von Gaza verschwinden ließ und die brutalste israelische Militäroffensive in der Geschichte des Gazastreifens nach sich zog, auf den Ausgang dieser Wahl?
Es brauchte den Pakt mit dem Erzfeind
Nichts, keine Justizreform, keine soziale Schieflage, keine Wehrdienstdebatte und kein Korruptionsprozess beherrscht die öffentliche Debatte, das Fühlen der Menschen in Israel so sehr wie der 7. Oktober und das, was ihm folgte. Noch immer. Inklusive der zwei Jahre des erbitterten Kampfes der Geiselfamilien für einen Deal mit der Hamas. Solch einen Pakt mit dem Erzfeind brauchte es, um die Verschleppten aus ihrer Gefangenschaft unter Tage zu befreien.
Doch nach einem frühen Austausch von 105 Geiseln, sechs Wochen nach der Entführung, kam mehr als ein Jahr lang kein Deal mehr zustande. "Bring them home" - "Bringt sie heim" ging als Slogan um die Welt, in Tel Aviv wurde ein zentraler Platz zum "Hostage Square", wo tägliche Aktionen auf einen erneuten Pakt mit den Islamisten drängten. Lesungen, Musik, Demos, ein nachgebauter Tunnelschacht sollte Besuchern die Pein der Verschleppten vermitteln. Geiselangehörige, die sich zu einem kraftvollen Forum zusammentaten, setzten die Netanjahu-Regierung moralisch unter Druck. Doch der Ministerpräsident stellte sich taub. Erst 2025 gelangen zwei weitere Deals und alle noch lebenden Geiseln kamen frei. 87 Verschleppte waren in den zwei Jahren Hamas-Gefangenschaft gestorben.
Für diese Toten machen viele Israelis neben den islamistischen Mördern bis heute auch ihren eigenen Premier verantwortlich. Weil er in ihren Augen nicht alles in seiner Macht Stehende getan hat, um die Geiseln lebend heimzuholen. Weil er sich kurz vor einem weiteren Deal vom rechtsextremen Koalitionspartner, Finanzminister Bezalel Smotrich, erpressen ließ: Entweder du sagst das Abkommen mit der Hamas ab, oder wir sprengen deine Regierung. Netanjahu entschied sich für die eigene Macht, der Deal kam nicht zustande.
Auch für diese Entscheidung schlägt ihm von vielen Israelis offene Verachtung entgegen, wenngleich auch das Lager seiner Unterstützer noch immer groß ist. Hinzukommen Berichte, die offenlegen, wie Netanjahu im Vorfeld des 7. Oktober mehrfach Warnungen erhielt und ignorierte. Demnach alarmierte sein eigener Inlandsgeheimdienst Schin Bet den Premier Mitte September vor einer drohenden Gefahr aus dem Gazastreifen. Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate rief Netanjahu an, weil er einen baldigen großen Angriff befürchtete. Der Chef des ägyptischen Geheimdienstes reiste nach Israel, um in geheimer Mission die Regierung zu warnen.
Viele Bürgerinnen und Bürger fordern schon lange eine Untersuchungskommission, die diese Versäumnisse aufklärt und die Verantwortlichen benennt. Die Opposition verspricht die Aufklärung, Netanjahus Regierung lehnt sie ab. Doch auch er hat Angehörige von Geiseln in seinen Reihen.
Als Gegenbewegung zum Forum "Bring them home" ließ der Premier seinerzeit das "Forum der Hoffnung" gründen. Darin unterstützten einige Geiselfamilien den Regierungskurs. Der Vater eines Verschleppten, der erst mit dem allerletzten Austausch freikam, kandidiert nun für einen Parlamentssitz als Abgeordneter von Netanjahus Likud. "Es ist Netanjahu gelungen, eine Art Gegenbewegung zum großen Geisel-Forum zu kreieren, die seine Haltung bis heute verteidigt", sagt Israel-Experte Michael Rimmel. Selbst in der rechtsextremen Partei von Smotrich seien Angehörige von seinerzeit Verschleppten aktiv. "Der Kampf um die Geiseln hat Israel gespalten."
Aus Gaza fliegt nichts mehr
Netanjahu gibt sich selbst weiter als derjenige, der am Ende die Geiseln zurückgebracht hat. Und Konsequenzen zog: Er wechselte die Chefs der Armee und des Auslandsgeheimdienstes Mossad aus, der Schin-Bet-Chef trat aus freien Stücken zurück. "Ich gebe nicht auf", so lautet einer der Netanjahu-Slogans, mit denen er die Strategie fährt, Versäumnisse rund um das Hamas-Massaker in persönliche Stärke umzumünzen.
Was ihm weiterhin hilft, ist seine Bilanz mit Blick auf die Sicherheit Israels: Aus dem Gazastreifen fliegen keine Raketen mehr gegen israelische Ziele. Die täglichen Luftangriffe zu unterbinden, war in 20 Jahren zuvor nicht gelungen. Hamas und Hisbollah sind geschwächt, gegen den Iran und sein Atomprogramm hat man sich zum ersten Mal in Israels Geschichte einen Krieg zugetraut. "Iran und seine Militärmacht waren über Jahrzehnte eine große Bedrohung für die Israelis. Im Kriegsfall befürchteten die Menschen Tausende Tote und schlimme Zerstörung", sagt Rimmel. Als der Iran-Krieg dann Wirklichkeit wurde, litt Israel nicht annähernd so stark wie befürchtet. "Zwar war der Krieg kein wirklicher Erfolg, er wird hier aber auch nicht als Misserfolg empfunden. Die Israelis haben durch den Krieg festgestellt: Iran ist ein Gegner, mit dem wir umgehen können. Wir sind wehrhaft."
So kommt in Israel eine deutlich andere Bilanz des Iran-Kriegs zustande, als vielfach im Ausland gezogen wird. "Die Opposition kann kritisieren, dass sich Netanjahu gegenüber Trump nicht ausreichend durchgesetzt und den Krieg nicht zu Ende gebracht hat. Aber selbst im linken Lager würde kaum jemand sagen, dass dieser Krieg nicht erfolgreich war."
Die Bereitschaft der Israelis, eine bewaffnete Auseinandersetzung mitzutragen, führt Rimmel, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel leitet, wie so vieles auf den 7. Oktober zurück. "Das ist vielleicht die zentrale Lehre aus den Ereignissen jenes Tages, die Menschen in Israel fast unisono ziehen: Beim Thema Sicherheit machen wir keine Kompromisse mehr."
Darum würde sich, sollte Netanjahu mit der Wahl am Dienstag die Macht an einen Kandidaten der Opposition verlieren, die außenpolitische Haltung Israels wohl nur in Nuancen verändern. Im Ton vielleicht, nicht aber in der Zielsetzung. Oberstes Gebot ist es, Israels Sicherheit zu garantieren. Da kann auch ein Präventivschlag gegen mögliche Gegner das Mittel der Wahl sein.
Laut Rimmel fühlen sich viele Israelis dieser Tage im eigenen Land sicherer als vor dem Hamas-Massaker 2023. Nicht trotz Gaza- und Iran-Kriegs, sondern wegen dieser Kriege und der Ruhe von den täglichen Raketen aus Gaza. Für Netanjahu ist das die Chance, sich weiterhin als Garant für Israels Sicherheit zu inszenieren. Erst kürzlich posierte er neben einem F-35-Kampfjet und proklamierte, für Israel könnten schwere Zeiten anbrechen. Es gebe Hinweise, dass die Feinde des Landes einen neuerlichen Angriff versuchen könnten. "Legt euch nicht mit uns an. Jetzt nicht und niemals."
Aus der Opposition kam harsche Kritik, eine Militärbasis sei kein Schauplatz für Wahlvideos und Netanjahus Andeutung sei Angstmache. Doch Netanjahus Strategie, mit dem Thema Sicherheit die Agenda zu setzen, geht in Teilen auf. Zwar fehlen seinem Regierungsbündnis laut jüngster Umfragen etwa zehn Sitze für eine Mehrheit in der Knesset, die bei 61 von 120 Sitzen beginnt. Doch im Vergleich zum Absturz Anfang 2024, als sich die Unterstützung für den Likud-Block halbiert hatte, sind die aktuellen Werte deutlich passabler. Und sein stärkster Rivale, Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot, kommt mit seinem Bündnis aus Oppositionsparteien derzeit auch nicht über 53 Sitze. Beide hätten also nach derzeitigem Stand nicht die nötige Regierungsmehrheit.
Eisenkot verspricht im Falle seiner Wahl, dass künftig auch die ultraorthodoxen Israelis zum Wehrdienst verpflichtet würden. Dieses Urteil des Obersten Gerichtshofs hat Netanjahu bislang nicht umgesetzt. Der Oppositionspolitiker will die Regierungszeit des Premiers auf zwei Amtsperioden beschränken. Er wettert gegen die von der Regierung geplante Justizreform, die vor allem den Einfluss des höchsten Gerichts beschränken will.
Zweistaatenlösung - eher kein Thema
Erst im September haben die Obersten Richter eine Entscheidung der Wahlkommission gekippt. Das Gremium, dem vor allem Regierungspolitiker angehören, hatte arabische Parteien für die Wahl am 27. verboten. Gemeinsam könnten die politischen Vertreter der arabischen Israelis Stand jetzt mit etwa 12 Sitzen rechnen. Das Verbot wurde aufgehoben, sehr zum Ärger Netanjahus.
Die geplante Justizreform sieht vor, dass die Knesset ein Gesetz, das der Oberste Gerichtshof kassiert hat, im Parlament erneut beschließen könnte. Als Kontrolleur der Regierung wären die Richter damit faktisch entmachtet.
In diesen drei Punkten - Justizreform, Wehrpflicht für alle und Beschränkung der Amtszeit des Premiers - zeigen sich die deutlichsten Unterschiede zwischen Netanjahus Block und seinen Herausforderern. Themen wie Siedlergewalt in der Westbank und Zweistaatenlösung umschiffen alle Parteien weitgehend. Auch ihre dünnen Programme sagen dazu allenfalls, in der Zukunft müsse man das irgendwann mal angehen. Wer eindeutig sein will, lehnt einen Palästinenserstaat ab, doch mit einer Regierung Eisenkot wäre es womöglich einfacher, Gespräche über die Zukunft Gazas überhaupt zu führen. Das Rennen um die Macht in Israel - es scheint bis zum Wahltag so offen wie selten zuvor.
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