Nach Demos in Zürich und Basel – Wer steckt hinter linksextremer Gewalt in der Schweiz?

Die europäischen Strassenproteste haben die Schweiz erreicht. Am Samstagabend fanden in Basel und Zürich unbewilligte Demonstrationen statt. In der Nacht auf Sonntag kam es dann vor allem in Zürich zu Zerstörung und Strassenschlachten mit der Polizei. Linksextreme Gruppierungen hatten zu den Protesten und zur Gewalt aufgerufen. SRF-Inlandredaktor Daniel Glaus befasst sich vertieft mit Extremismus. Er ordnet ein, wer diese Gruppierungen sind und was ihre Ziele sind.
Daniel Glaus
Fachredaktor Extremismus
Daniel Glaus ist seit 2015 Inlandredaktor bei SRF, zu seinen Dossiers zählen Extremismus und Terrorismus. Zudem ist er als Sonderkorrespondent für SRF im Ausland tätig. Er ist Betriebsökonom und arbeitete zuvor als Investigativjournalist bei verschiedenen Zeitungen.
Wer ist mit «Linksextreme» gemeint?
Diese Szene ist sehr breit aufgestellt. Sie reicht von linksaussen, autonom, radikal bis hin zu extremistisch. Ideologisch zählen Anarchisten, Kommunisten und Maoisten, aber auch Gruppierungen, die sehr stark auf Antifaschismus fokussiert sind, also etwa die Antifa, dazu. Und in den letzten drei Jahren kamen pro-palästinensische Gruppen hinzu, die sich explizit nur mit diesem Thema befassen. Oft ist man sich in der Szene auch untereinander nicht einig. So gibt es auch Gruppen und Einzelpersonen, die Gewalt deutlich ablehnen, während andere ganz klar gewaltbereit sind.
Welche gemeinsamen Ziele verfolgen diese Gruppierungen?
Sie verkaufen eine Idee einer besseren Welt. Sie sagen: «Wir wollen die Gesellschaft gerecht organisieren, wollen, dass alle Menschen gleichwertig sind, Chancengleichheit, Gleichheit der Geschlechter, bisherige Herrschaftssysteme abbauen, kein patriarchales System mehr.» Sie sagen auch, dass alle Menschen gewaltfrei leben sollen. Das kommt im ersten Moment bei vielen Menschen gut an. Ob das funktionieren kann, oder wie das historisch gesehen in Totalitarismus endet, ist eine Frage. Und auch: Wie kommt man zu dieser vermeintlich besseren Welt? Dazu wird in der Szene viel diskutiert und philosophiert. Aber es werden auch klare, greif- und angreifbare Feindbilder kreiert: der Staat, die Polizei, Unternehmen, die bürgerliche Klasse. Gewisse Gruppierungen sehen sich bereits im Kampf, ja gar im Kriegszustand mit diesen Feindbildern. Ihr letztendliches Ziel ist es, das jetzige System zu stürzen.
Am 20. November plant die Jungpartei der SP, die Juso, einen «Jugendstreiktag», also schweizweite Proteste, angelehnt an jene im Ausland.
Zu den Ausschreitungen am vergangenen Wochenende in Zürich sagt Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann auf Anfrage von SRF, die Juso habe «nichts mit dieser Sache zu tun». Organisiert hätten den Protest andere Gruppierungen, zu denen die Juso «absolut kein Verhältnis» pflege.
Hostetmann findet es zudem schade, dass die gewaltvollen Ausschreitungen im Ausland mit dem von ihrer Partei geplanten Jugendstreiktag in Verbindung gebracht würden. «Es war hier von Anfang an klar, dass das friedliche Proteste, organisiert von jungen Menschen sein sollen.»
Damit diese Demonstrationen friedlich verlaufen, werde man sich stark für klare Regeln und Grundsätze einsetzen, so Hostetmann. In mehreren Städten seien bereits Gesuche eingereicht worden, um die Proteste bewilligen zu lassen.
Wie haben die Proteste in Europa die Linksextremen in der Schweiz befeuert?
Die international stattfindenden Proteste geben vielen Linksextremen das Gefühl, es entstehe hier eine Bewegung, die den gewünschten Umsturz beschleunigen könnte. Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass wir da, gerade in der Schweiz, auch nur ansatzweise nahe dran wären. Aber der harte Kern, die linksextremen Ideologinnen und Ideologen, scheinen ermutigt zu sein und versuchen da natürlich aufzuspringen. Hinzu kommt, dass sie alle Ereignisse – Kriege, Wirtschaftskrisen, und jetzt eben die Proteste im Ausland – durch ihre eigene Brille betrachten. Gewisse Ideologinnen sehen sich wirklich vor der grossen Revolution gegen den Kapitalismus, Imperialismus, Zionismus und was sie sonst noch dazuzählen.
Wie gefährlich sind Linksextreme, auch im Vergleich zu anderen Extremisten?
Die Statistiken des Nachrichtendienstes des Bundes NDB zeigen: In den vergangenen Jahren ist das Niveau linksextremer Gewalt deutlich höher als jenes von Rechtsextremen, und zwar um ein mehrfaches. Von 2017 bis 2025 zählte der NDB pro Jahr zwischen 53 und 115 Gewalttaten von Linksextremisten. Rechtsextreme begingen in diesem Zeitraum pro Jahr zwischen null und fünf Gewalttaten. Linksextreme begehen also 10 bis 20 mal so viele Gewalttaten, wobei aus der Statistik nicht herauszulesen ist, was für Taten das genau sind. Trotz jährlichen Schwankungen ist das also ein viel höheres Niveau.
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