Sex-Boost aus Honig: Swissmedic warnt vor Honey Packs

Ein Honey Pack vor dem Date, danach soll die Nacht länger dauern: Auf Tiktok werden kleine Sachets mit Honig als schneller Sex-Boost gefeiert. Videos und Kommentare erzählen von «mehr Ausdauer» oder «stärkeren Erektionen». Manche inszenieren das Päckli sogar als Mutprobe – aufreissen, runterschlucken, abwarten.
Der Hype lebt auch davon, dass die Produkte so harmlos aussehen. Natürliche Wirkstoffe statt Tabletten, buntes Sachet statt Rezept. Unter Namen wie «Royal Honey», «Vital Honey» oder «Honey Pack» werden sie als natürliche Potenzbooster verkauft. Oft online oder direkt über Social Media – ohne den Rat einer medizinischen Fachperson einholen zu müssen.
Wie stehst du zu Honey Packs als angeblichem Sex-Boost?
«Es funktioniert … richtig gut»
Wer sich im World Wide Web auf die Suche nach Erfahrungen macht, wird schnell fündig. Etwa auf Reddit. Dort schreibt ein 31-Jähriger über den Potenzhonig: «Sagen wir einfach: Es funktioniert … richtig gut.» Sogar seine Morgenerektionen seien zurückgekehrt. «Damit ist es viel leichter, eine Erektion zu bekommen und zu halten», schreibt er im Forum.
Auch PD Dr. med. Marco Randazzo, Facharzt FMH Urologie der Hirslanden Klinik Aarau, kennt den angeblichen Potenzhonig. «Ein Muster ist erkennbar, aber noch keine Welle wie in anderen Ländern», sagt Urologe Marco Randazzo. Gerade jüngere Männer, die online auf Honey Packs stossen, fragten: «Kann ich das mit Alkohol nehmen?», «Ist das wirklich natürlich?» oder «Darf ich es mit meinem Blutdruckmittel kombinieren?»
Hinter dem Griff zum Päckli stecke oft nicht zwingend eine behandlungsbedürftige Erektionsstörung. «Leistungsdruck, Pornografie-vermittelte Erwartungen, Prüfungs- oder Beziehungsstress sowie Angst vor Versagen» spielten bei jüngeren Männern häufig eine Rolle, so Randazzo. Was als schnelle, diskrete Lösung verkauft werde, könne aber zur riskanten Wundertüte werden.
Über den Experten
Was sonst alles im Honey Pack stecken kann
Auch Swissmedic warnt vor Honey Packs. Das Schweizerische Heilmittelinstitut hat etwa bei dem Produkt «Black Horse Vital Honey» Tadalafil und Sildenafil nachgewiesen. Beides sind Wirkstoffe aus verschreibungspflichtigen Medikamenten gegen Erektionsstörungen.
Besonders tückisch: Obwohl die Beutel gleich aussehen, enthalten sie laut Swissmedic wechselnde Mengen von Sildenafil und/oder Tadalafil – «in relativ hoher Dosierung». Wer also ein Honey Pack nimmt, weiss nicht verlässlich, ob und wie viel Sildenafil und/oder Tadalafil er schluckt.
Was sind Sildenafil und Tadalafil?
Sildenafil und Tadalafil sind verschreibungspflichtige Wirkstoffe gegen Erektionsstörungen. Sie erweitern Blutgefässe und erleichtern so – bei sexueller Erregung – eine Erektion.
Sildenafil ist der Wirkstoff, der unter anderem aus Viagra bekannt ist. Die Wirkung setzt meist nach etwa 30 bis 60 Minuten ein und hält mehrere Stunden an.
Tadalafil ist unter anderem aus Cialis bekannt. Es wirkt deutlich länger und kann bis zu 36 Stunden im Körper aktiv bleiben.
Beide Medikamente können bei ärztlicher Verordnung sicher eingesetzt werden. Besonders riskant wird es bei Wechselwirkungen mit gewissen Medikamenten – etwa Nitraten bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Möglich sind unter anderem Blutdruckabfall, Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder eine schmerzhafte Dauererektion.
«Starke Wirkung sollte Anlass zur Vorsicht sein»
Honig, Ginseng, Gelée royale und Co. sind als Zutaten Teil des Verkaufsversprechens. «Für die beworbenen Naturzutaten ist die Evidenz schwach», sagt Randazzo. Spürten Nutzer trotzdem einen deutlichen Effekt, sei «am wahrscheinlichsten, dass sie tatsächlich einen versteckten Sildenafil- oder Tadalafil-Anteil aufgenommen haben». Erwartung, Aufregung und Placeboeffekte könnten ebenfalls mitspielen. «Aber eine starke, zuverlässige Wirkung sollte gerade Anlass zur Vorsicht sein, nicht zur Entwarnung.»
Onlineshops und soziale Netzwerke sind laut Swissmedic die «von den kriminellen Anbietern bevorzugten Kanäle». Oft sässen die Verkäufer im Ausland; beim Import durch Schweizer Kundinnen und Kunden werde die Ware beschlagnahmt. Nicht nur der Verkauf, auch die Einfuhr solcher Produkte sei illegal und könne strafrechtlich verfolgt werden.
In Kombi sorgt der Honig sogar für «lebensgefährlichen Blutdruckabfall»
Wer ausserdem denkt, mit einem zweiten oder dritten Päckli die Wirkung zu verstärken, geht ein noch grösseres Risiko ein. «Erhöhte Dosierungen wirken nicht stärker», schreibt Swissmedic. Sie erhöhten aber das Risiko für Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall und Überempfindlichkeitsreaktionen deutlich.
Besonders gefährlich sei die Kombination mit Nitraten wie Nitroglycerin, einem gefässerweiternden Medikament: Dann drohe ein «lebensgefährlicher Blutdruckabfall». Auch Wechselwirkungen mit Blutdruck- und Herzmedikamenten sowie anderen Substanzen seien möglich.
Das solltest du beachten
- Honey Packs können nicht deklarierte Potenzmittel enthalten.
- Die Dosierung kann selbst bei gleich aussehenden Beuteln variieren.
- Wer ein Honey Pack bestellt hat, soll es laut Swissmedic entsorgen.
- Bei Beschwerden: Keine weitere Dosis nehmen und ärztliche Hilfe holen.
Bei Brustschmerz, Atemnot, Ohnmacht, starkem Schwindel, Herzrasen oder Seh- und Hörstörungen rät der Urologe: «Sofort den Notruf wählen beziehungsweise die Notaufnahme aufsuchen.» Swissmedic warnt zudem: Auch eine Dauererektion könne gravierende Folgen haben. Randazzo betont, dass bei einer schmerzhaften Erektion über vier Stunden ebenfalls sofort die Notaufnahme nötig sei: «Das ist ein urologischer Notfall.» Das Produkt oder ein Foto der Verpackung solle man mitnehmen und keine weitere Dosis einnehmen.
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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