Massenproteste in Griechenland? Das steckt dahinter

Die Behauptung
Online und auf Social Media kursieren mehrere Videos, die angeblich aktuelle Massenproteste in Griechenland zeigen, die das Land lahmlegen.
Die Bewertung
Die Behauptung ist falsch. Es gibt derzeit keine landesweiten Massenproteste in Griechenland. Die von 20 Minuten geprüften Videos sind zwar echt, jedoch nicht aktuell. Eines wurde noch nicht einmal in Griechenland aufgenommen. Zwar gab es Anfang Herbst Proteste in Griechenland, die fielen jedoch deutlich kleiner aus und legten nicht das Land still.
Drei Clips, die nicht zeigen, was behauptet wird
«Griechenland befindet sich im Ausnahmezustand», das Land sei «gelähmt […] alles steht still» und «die Medien schweigen wieder einmal darüber» – solche Posts finden sich derzeit viele in den sozialen Medien (etwa hier, hier, hier und hier sowie hier, hier, hier und hier archiviert). Ihren Anfang sollen die Proteste in Athen genommen haben (etwa hier, hier archiviert). Die Behauptungen werden von Videos begleitet, die grosse Menschenmengen zeigen. In einem ist sogar zu sehen, wie Brandsätze geworfen werden (siehe Video oben). Medienberichte über die angeblichen Proteste finden sich dagegen nicht. Der Grund dafür: Die vermeintlichen Proteste, die den Posts nach das ganze Land zum Erliegen bringen, gibt es nicht. Die drei Clips, die 20 Minuten für diesen Faktencheck geprüft hat, sind allesamt schon älter und wurden aus dem Zusammenhang gerissen.
Unklar, wofür oder wogegen die Menschen angeblich protestieren
Schon beim Scrollen durch die verschiedenen Social-Media-Plattformen fällt auf: Wofür oder wogegen die Menschen in den angeblich aktuellen Clips protestieren, wird entweder nicht gesagt oder es werden unterschiedliche Motivationen angegeben. So ist etwa in einem Tiktok die Rede davon, die Massen demonstrierten «gegen Inflation, hohe Treibstoffpreise und sinkende Kaufkraft» (hier archiviert). Auf X wird dasselbe Video mit Auflehnung gegen unter anderem Sparmassnahmen und Militarisierung begründet (hier archiviert). Ein andermal ist von einem Protest «gegen die US-Politik» sowie «gegen den Besuch von Marco Rubio» die Rede, auch von der Solidarisierung mit Palästina ist mitunter die Rede (hier, hier und hier sowie hier, hier und hier archiviert).
Darum wissen wir, dass die Videos nicht aktuell sind
Schon die unterschiedlichen Angaben zu den vermeintlichen Gründen für die Proteste lassen Zweifel an der Echtheit der Behauptung aufkommen. Bestätigt werden sie in allen drei untersuchten Fällen durch die Bilderrückwärtssuche (siehe Box).
So geht Bilderrückwärtssuche
Protestzug zog im Februar 2025 durch Thessaloniki
Kein aktueller Anlass: Gibt man den Screenshot des Startbildes aus dem Video in die umgekehrte Bildersuche, wird die Suchmaschine schnell fündig. Sie findet eine ganze Reihe von Medienberichten, in denen die identische oder eine ganz ähnliche Szene auftaucht (etwa hier, hier und hier sowie etwa hier und hier archiviert). Gleich mehrere stammen aus dem Februar 2025 und handeln von Protesten anlässlich des damals zwei Jahre zurückliegenden Zugunglücks von Tempi, bei dem 57 Personen starben.
Auch 20 Minuten berichtete am 28. Februar 2025 über die landesweiten Demonstrationen und den Generalstreik.
Das jetzt virale Video ist damals in Thessaloniki, unweit des Aristoteles-Platzes, entstanden. Das lässt sich eindeutig nachweisen:
Von wegen Protest: Das sind argentinische Fussballfans im Jahr 2022
Auch bei diesem, laut aktuellen Social-Media-Posts Griechenland zeigenden Clip bringt uns die Bilderrückwärtssuche einen entscheidenden Schritt weiter – konkret: nach Argentinien.
Ausschreitungen in Athen – Szenen stammen aus dem letzten Jahr
Die Brandsätze flogen tatsächlich wie behauptet in Athen. Dies jedoch nicht vor Kurzem, wie in den aktuellen Posts behauptet wird, sondern bereits vor einem Jahr. Zu den gewaltsamen Ausschreitungen kam es damals im Rahmen von Massendemonstrationen anlässlich des zweiten Jahrestags des Zugunglücks von Tempi. Die Bilderrückwärtssuche mit dem Startbild des kurzen Clips führt direkt zu einer ganzen Reihe von internationalen Medienberichten und Videos von 2025 (etwa hier, hier, hier und hier sowie hier, hier, hier und hier archiviert).
Auch 20 Minuten und der «Tages-Anzeiger» berichteten im Februar 2025 über den «grössten Protest in der Geschichte Griechenlands» (hier und hier archiviert): Rund 170’000 Menschen protestierten damals allein in Athen. Sie warfen der Regierung vor, die Umstände des Frontalzusammenstosses zwischen einem Güter- und einem Personenzug am 28. Februar 2023 in Tempi nicht ordentlich aufzuarbeiten. Die Gewaltszenen im Video haben sich vor dem Parlament und in den umgebenden Strassen abgespielt. Die zahlreichen Beiträge enthalten Bilder von Brandsätze schleudernden, vermummten Personen in Schwarz, die bei der genauen Verortung der jetzt wieder viralen Szene helfen.
Es gab im Herbst 2026 Proteste
In den letzten Wochen gab es in Griechenland zwar tatsächlich Proteste, allerdings fielen diese deutlich kleiner aus, als derzeit auf Social Media behauptet wird. Gewaltige Massenstreiks, die das Land lahmgelegt hätten, gab es nicht. Die Versammlungen, die es gab, bewegten sich in deutlich kleinerem Rahmen:
- Am 5. September 2026 demonstrierten in Thessaloniki Tausende Menschen, vor allem Gewerkschafter und Landwirte. Sie protestierten gegen hohe Lebenshaltungskosten, forderten höhere Löhne und Renten sowie Entlastungen für Agrarbetriebe. Der Aufmarsch fiel mit der jährlichen Wirtschaftsrede von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis in der Stadt zusammen. Laut Polizeiangaben kamen zwischen 25’000 und 50’000 Menschen zusammen (zum Beispiel hier, hier archiviert).
- Am 6. Oktober 2026 demonstrierten Tausende in Athen gegen den Besuch von US-Aussenminister Marco Rubio und Griechenlands Rolle in der Nato-/US-Politik (etwa hier und hier sowie hier und hier archiviert).
Fazit
Die Behauptung von aktuellen, landesweiten Massenprotesten in Griechenland ist falsch. Die verbreiteten Videos sind zwar echt, zeigen jedoch ältere Ereignisse – teils aus Griechenland, teils sogar aus Argentinien. Aktuelle Proteste gab es zwar, sie waren aber deutlich kleiner und legten das Land nicht lahm.
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