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Thursday, October 15, 2026

Lehre oder Studium: Womit stehst du am Ende finanziell besser da?

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  • Immer mehr junge Menschen in der Schweiz studieren – bis 2035 könnten es laut BFS 21 Prozent mehr sein als 2026.
  • Eine Modellrechnung von Selma Finance zeigt: Wer eine Lehre macht und früher ins Berufsleben einsteigt, kann finanziell einen Vorsprung aufbauen, der lange bestehen bleibt.
  • Der höhere Lohn nach einem Studium gleicht diesen Vorsprung nicht sofort aus. Im berechneten Beispiel holt die Akademikerin erst mit 55 Jahren auf.

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung klar: Wer studiert, verdient später im Durchschnitt mehr. Doch dabei wird ein Faktor häufig vergessen, sagt Patrik Schär von Selma Finance: die Jahre, in denen Personen mit Lehre bereits arbeiten, während andere noch studieren.

Die Frage bekommt gerade neue Aktualität. Immer mehr junge Menschen in der Schweiz studieren. Laut den neusten Szenarien des Bundesamts für Statistik (BFS) könnten 2035 rund 305’000 Personen auf Bachelor- und Masterstufe eingeschrieben sein – 21 Prozent mehr als 2026. Bereits zwischen 2005 und 2025 stieg ihre Zahl von 137’000 auf 246’000.

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Wenn also immer mehr Junge studieren, stellt sich umso mehr die Frage: Zahlt sich der längere Bildungsweg finanziell tatsächlich aus – oder kann der frühe Berufseinstieg über eine Lehre einen Vorsprung schaffen, der überraschend lange anhält?

Zum Experten

20 Minuten hat Patrik Schär gefragt, wie sich die beiden Wege finanziell unterscheiden können. Selma Finance hat dafür zwei hypothetische Einkommensverläufe und deren Anlagevermögen verglichen.

Patrik Schär ist Finanzexperte und Mitgründer des digitalen Vermögensverwalters Selma Finance.

Patrik Schär ist Finanzexperte und Mitgründer des digitalen Vermögensverwalters Selma Finance.privat

Mit 24 schon 65’000 Franken angelegt

«Im Durchschnitt haben Hochschulabsolventinnen und -absolventen höhere Löhne als Lehrabgänger», sagt Schär. Allerdings fehlten ihnen durch die längere Ausbildung mehrere Erwerbsjahre. Wie stark sich das langfristig auswirke, hänge vom Beruf und der individuellen Karriere ab.

Im Modell beginnt eine Person mit 15 eine Lehre, während die andere studiert und erst Mitte 20 voll ins Berufsleben einsteigt. Beide legen im Erwerbsleben jeweils zehn Prozent ihres Lohns an. Gerechnet wird mit einer durchschnittlichen Rendite von fünf Prozent pro Jahr.

Das Ergebnis: Mit 24 verfügt die Person mit Lehre bereits über rund 65’000 Franken Anlagevermögen. Mit 30 ist es noch immer fast doppelt so viel wie bei der Akademikerin – obwohl diese inzwischen deutlich mehr verdient und damit auch mehr investiert.

Der Grund sei die Zeit, wie der Experte erklärt: «Wer früher Geld verdient, kann auch früher anfangen zu investieren und Vermögen aufzubauen.» Die früher angelegten Beträge hätten dadurch länger Zeit, Erträge zu erzielen. Allerdings gelte das nur, wenn vom frühen Einkommen tatsächlich etwas angelegt werde. «Wer sein Geld nur auf dem Konto liegen lässt, verschenkt den Vorsprung.»

Mehr dazu: Studium, Lehre – oder beides?

20 Minuten hat mit vier jungen Menschen aus der Schweiz darüber gesprochen, welchen Bildungsweg sie gewählt haben und welche Rolle Lohn und Karrierechancen dabei spielen. Mehr dazu liest du hier.

Erst mit 55 holt die Akademikerin auf

«Besonders überraschend ist, wie lange der höhere Akademikerlohn braucht, um diesen Vorsprung auszugleichen», sagt Finanzexperte Schär. In der Modellrechnung dauert es 31 Jahre. Erst mit 55 überholt die Akademikerin die Person mit Lehre beim Anlagevermögen. Mit 60 liegt sie rund 48’000 Franken vorne, obwohl sie insgesamt rund 130’000 Franken mehr eingezahlt hat.

Viel grösser ist laut Schär aber ein anderer Unterschied: «Hätten beide ihr Geld ohne Rendite auf dem Konto liegen lassen, hätten sie mit 60 zwischen 700’000 und 780’000 Franken weniger. Viel wichtiger als die Frage, wer wen einholt, ist, ob man überhaupt investiert.»

Die Rechnung hat allerdings klare Grenzen. Sie vergleicht zwei hypothetische Lebensläufe und sagt nicht, dass Lehrabgänger generell vermögender werden als Akademiker. Löhne unterscheiden sich je nach Beruf und Karriere stark. Auch die angenommene Rendite von fünf Prozent ist nicht garantiert.

Ist die Lehre finanziell die bessere Wahl?

Die Frage ist laut Schär nicht einfach zu beantworten. Für gewisse Laufbahnen könne sich eine Lehre finanziell stärker lohnen als ein Studium. Gleichzeitig warnt er davor, den Bildungsentscheid allein vom erwarteten Einkommen abhängig zu machen. «Eine Lehre ist jedoch rein finanziell definitiv nicht die zweite Wahl.»

Gleichzeitig sagt der Experte: «Bildung ist doch so viel mehr als eine finanzielle Renditerechnung.» Wer studiert, erhält also nicht automatisch die finanziell bessere Zukunft, genauso wenig garantiert eine Lehre durch den früheren Lohn mehr Vermögen. Was sich mehr lohnt, entscheidet sich letztlich weniger am Etikett «Lehre» oder «Studium» als am konkreten Beruf, der weiteren Laufbahn und der persönlichen Entwicklung.

Für Schär ist deshalb eine andere Erkenntnis entscheidender: «Welchen Bildungsweg man wählt, macht einen Unterschied. Aber was man mit dem Geld macht, kann einen noch viel grösseren machen.»

«Von einer Entwertung der Bildung würde ich nicht sprechen»

20 Minuten hat Bildungsforscher David Glauser von der FHNW gefragt, ob das bisherige Aufstiegsversprechen eines Studiums noch gilt und wie sich das Verhältnis von Lehre und Studium verändert.

Verliert ein Hochschulabschluss an Wert, wenn immer mehr Menschen studieren?

David Glauser: «Nein. Die Schweiz erlebt bereits seit Generationen eine Bildungsexpansion. Gleichzeitig hat der Arbeitsmarkt die steigende Zahl höher qualifizierter Menschen bislang gut aufgenommen. Von einer Entwertung der Bildung würde ich nicht sprechen. Allerdings wird der Berufseinstieg anspruchsvoller. Für klassische Einstiegsstellen werden heute tendenziell mehr Qualifikationen verlangt – nach einer Berufslehre wie auch nach einem Studium. Für Studierende kann es deshalb wichtiger werden, bereits während des Studiums Berufserfahrung im angestrebten Berufsfeld zu sammeln.»

Sollten Studierende noch erwarten, später mehr zu verdienen?

«Bei Bildungsentscheidungen ist der erwartete Lohn nicht das wichtigste Kriterium. Darauf verweist auch eine Auswertung zu Jugendlichen in der Deutschschweiz, an der wir geforscht haben: In zwei Auswahlexperimenten zur Wahl einer Lehrstelle beziehungsweise der ersten Stelle nach der Lehre zeigte sich, dass für die Befragten vor allem entscheidend war, wie gut die Stelle zur gewünschten beruflichen Spezialisierung passte, nicht wie hoch der Lohn ist. Die Präferenzen unterschieden sich zudem stark zwischen den einzelnen Personen.»

Was spricht heute für eine Lehre, was für ein Studium?

«Ich sehe unterschiedliche Stärken: Die Berufsbildung bereitet gezielt auf ein konkretes Berufsfeld vor und bietet dadurch einen direkten Zugang zu qualifizierten Stellen im Arbeitsmarkt. Ein Studium vermittelt dagegen breiteres Wissen. Die Gegenüberstellung ‹Lehre gegen Studium› halte ich für problematisch. Unabhängig von der getroffenen Wahl sind Investitionen in Bildung und Weiterbildung auch in Zukunft wichtig, gerade im Kontext neuer Herausforderungen durch Digitalisierung, Automatisierung und KI.»

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Martine Anastasiou

Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.

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