Trennung ein Jahr geplant: «Ich hatte schon eine andere Wohnung»

- Mehrere Frauen aus der 20-Minuten-Community berichten vom Phänomen Walkaway Wife: innerlich loslassen, still planen und dann gehen.
- Jeannine plante ihre Trennung ein Jahr im Voraus und hatte bereits eine neue Wohnung, bevor sie ihren Partner verliess.
- Paar- und Psychotherapeutinnen bestätigen das Muster: Nicht der laute Streit, sondern die innere Resignation sei die eigentliche Gefahr für Beziehungen.
Wochen- oder monatelange Planung, ein «Fluchtplan» und für alle Fälle ein Sicherheitsnetz: Was beinahe nach einem Krimi klingt, beschreibt eine besondere Art der Trennung – die sogenannte Walkaway-Wife-Situation. Doch so aussergewöhnlich, wie das Phänomen zunächst klingt, ist es offenbar nicht. Das zeigen die Geschichten mehrerer Personen aus der 20-Minuten-Community.
Für den Partner kann eine solche Trennung wie eine Entscheidung aus dem Nichts wirken. «Wieso hast du nie etwas gesagt?» oder «Wieso trennst du dich so plötzlich?» sind Fragen, die dabei aufkommen können. Doch wie erleben beide Seiten eine solche Trennung?
«Die Stille ist das letzte Warnsignal»
Aus Sicht der Frauen laufe eine solche Situation oft ähnlich ab, wie Jeannine erzählt. Auch für ihren Ex-Partner sei die Trennung nach vier Jahren völlig überraschend gekommen. Für sie selbst jedoch nicht. «Ein Jahr vor der Trennung habe ich mit der Planung begonnen.»
«Ich sprach Probleme an. Zuerst durch die Blume, dann immer ehrlicher», sagt sie. Irgendwann falle vielleicht sogar der Satz: «Es muss sich etwas ändern, sonst bin ich irgendwann weg.» Nach jeder erfolglosen Diskussion sei etwas kaputtgegangen. «Ich wurde immer unglücklicher und die Liebe zu meinem Partner schrumpfte.»
Irgendwann sei sie an den Punkt gekommen, an dem sie sich gefragt habe: «Investiere ich noch mehr Zeit und Energie oder entscheide ich mich für ein neues Leben?» Ab diesem Moment hätten sich ihre Gedanken zunehmend um den «Absprung» gedreht: «Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wann habe ich genug Energie dafür?»
Was wichtig sei: «Man braucht ein Fangnetz»
Zu diesem Zeitpunkt habe sie die Beziehung innerlich bereits aufgegeben und ihre Energie nicht mehr in Diskussionen, sondern in die Planung ihres neuen Lebens gesteckt. Sie habe Wohnungen gesucht und begonnen, sich beruflich abzusichern. «Man braucht ein Fangnetz.» Als sich die Gelegenheit für eine Wohnung ergab, habe schliesslich eine kleine, belanglose Sache das Fass zum Überlaufen gebracht. «Ich habe mich dann von ihm getrennt. Die Wohnung hatte ich bereits.»
Für Jeannine ist gerade die Ruhe vor der Trennung entscheidend: «Wenn Frauen plötzlich nicht mehr reden, sollten die Männer es merken.» Was sie überhaupt nicht verstehen könne: «Wieso sind die Männer dann so schockiert darüber? Es gab ja jahrelang Zeichen dafür.»
Therapeuten ordnen ein: «Solche Situationen erleben wir häufig»
Das sogenannte «Walkaway-Wife-Syndrom» ist keine psychologische Diagnose. In der Praxis sei das Muster jedoch bekannt, sagen Thomas Schärer von der Paarberatung Schärer Hansen, Sexual- und Paartherapeutin Tharsika Bühler und Psychotherapeutin Margareta Hofmann.
Alle drei erleben solche Situationen regelmässig. Thomas Schärer von der Paarberatung Schärer Hansen beschreibt das Muster so: «Die Trennung kommt für einen Partner scheinbar völlig überraschend, während sie für den anderen das Ende eines langen inneren Prozesses darstellt.» Sie würden dann beispielsweise hören: «Ich habe es doch so oft angesprochen», während der andere sagt: «Ich wusste nicht, dass es wirklich so schlimm ist.»
Das Nachlassen von Konflikten bedeute nicht zwingend Entspannung. «Wenn die unzufriedene Person irgendwann aufhört zu kämpfen, kann der andere die Ruhe als Verbesserung interpretieren», sagt Bühler. Bühler und Hofmann formulieren es ähnlich: «Die eigentliche Gefahr einer Beziehung ist aus unserer Sicht häufig nicht der laute Konflikt, sondern der Moment, in dem einer von beiden innerlich resigniert.» Hofmann beschreibt diesen Rückzug als «innere Kündigung», die sich «im Stillen» hin bis zum Punkt «of no return» entwickle.
«Mach, was du willst» – dieser Satz sollte ernst genommen werden
Warnzeichen können sein, dass Probleme nicht mehr angesprochen werden, persönliche Gedanken kaum geteilt werden, Nähe und gemeinsame Zukunftspläne an Bedeutung verlieren. Sätze wie «Es ist mir egal» oder «Mach, was du willst» sollten ernst genommen werden. «Solange jemand noch für die Beziehung kämpft, ist noch Energie in der Beziehung», heisst es bei Schärer Hansen.
Helfen könne, zunächst zuzuhören, ohne sich zu rechtfertigen. Bühler empfiehlt die Frage: «Was fehlt dir konkret zwischen uns?» Danach brauche es nicht nur gute Vorsätze, sondern konkrete, überprüfbare Veränderungen. Wenn Gespräche immer wieder in Vorwürfen oder Rückzug enden, sei professionelle Hilfe sinnvoll. Hofmann rät zu einer gemeinsamen «Standortbestimmung».
Oft sei nicht jede Liebe verschwunden, sondern «die Hoffnung darauf, dass sich innerhalb dieser Beziehung noch etwas verändern kann», erklären Schärer Hansen. Entscheidend sei, ob beide noch bereit seien, sich aufeinander und einen Veränderungsprozess einzulassen. Das Muster betreffe dabei nicht nur Frauen: «Ich beobachte das Muster des ‹sich Auseinanderlebens› bei allen Geschlechtern», sagt Hofmann.
Nach 23 Jahren: «Ich ging vom einen auf den anderen Tag»
Dass eine solche Trennung nicht zwingend monatelang vorbereitet wird, zeigt F. (48). «Ich bin nach 23 Jahren vom einen auf den anderen Tag gegangen.» Auch sie sagt, sie habe Probleme immer wieder angesprochen. «Es war wie ein Glas, das sich Tröpfchen für Tröpfchen füllte.» Ihr Partner habe die Ernsthaftigkeit ihrer Worte jedoch nicht erkannt. Weil Haushalt und Familienalltag weiterliefen, habe er wohl gedacht, alles sei wieder in Ordnung.
F. hatte weder eine Wohnung noch einen finanziellen oder beruflichen Plan für die Zeit danach. Den Ausschlag gab schliesslich ein Streit. Ihr Partner sagte: «Wenn du alles so siehst, dann trennen wir uns besser.» Für F. war in diesem Moment klar: Jetzt geht sie. Bereits am nächsten Tag informierten sie die Kinder, kurz darauf zog sie aus. Für ihren Partner sei der Entscheid dennoch überraschend gekommen. «Er sagte: ‹Hättest du doch mit mir geredet.›» Für F. lag genau darin das Problem: «Wenn es um heikle Sachen ging, konnten wir nicht auf Augenhöhe und ruhig miteinander reden.»
«Sie plante ihre Flucht, ohne mich einzubeziehen»
Anders erlebte J. (43) eine solche Situation. Er war siebeneinhalb Jahre mit seiner Partnerin zusammen. «Wir waren ein Dreamteam», sagt er. 2025 folgte die Hochzeit in Basel und Ascona, danach die Flitterwochen auf den Malediven. «Es war alles traumhaft.»
Nur zwei Monate später habe seine Frau gesagt, ihre Gefühle seien weg. Für ihn kam das völlig unerwartet. Erst danach habe sie ihm erzählt, dass sie sich etwa zu wenig wahrgenommen und begehrt gefühlt habe. «Hätte sie mir gesagt: ‹Du musst dir mehr Zeit für mich nehmen›, hätte ich sofort reagiert.» J. finde dies unfair: «Keine Gespräche, keine Möglichkeit, plötzliche Probleme anzugehen. Man muss dem Partner ja eine Chance geben.»
Später entdeckte er, dass sich seine Frau bereits zuvor mit Freunden und Familie über die Beziehung ausgetauscht und Wohnungen gesucht hatte. Von einer Besichtigung erfuhr er durch eine Referenzanfrage seines Vermieters. Schliesslich sei der Zügelwagen gekommen, während er eigentlich bei der Arbeit hätte sein sollen. «Für mich war es wie ein Fluchtplan, den sie im Hintergrund vorbereitet hatte – ohne mich einzubeziehen.»
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Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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