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Monday, October 26, 2026

Lulas Sieg in Brasilien – «Viele hatten Angst, dass Bolsonaro die Demokratie zerstört»

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Der linke Lula da Silva gewinnt überraschend die Präsidentschaftswahl in Brasilien. Dennoch hat der ultrarechte Flavio Bolsonaro fast die Hälfte der Stimmen geholt. Der Politologe Oliver Stuenkel über die entscheidende Schwäche des Bolsonarismus und Lulas schwierige Zukunft.

Oliver Stuenkel

Deutsch-brasilianischer Politikwissenschafter

Oliver Stuenkel ist ein deutsch-brasilianischer Politikwissenschafter. Er ist Professor bei der Vargas-Stiftung, einer renommierten Universität in São Paulo.

SRF News: Der linke Lula da Silva gewinnt die Wahl, obwohl er im ersten Wahlgang noch deutlich zurücklag. Wie kam es zu dieser Aufholjagd?

Oliver Stuenkel: Das ist in der Tat eine grosse Überraschung. Entscheidend war die traditionelle Mobilisierung der Linken in den letzten drei Wochen. Unzählige Freiwillige haben Kampagnenarbeit geleistet, mit Nachbarn gesprochen und Menschen auf der Strasse angesprochen. So konnte Lula über zehn Millionen Stimmen mehr als im ersten Wahlgang gewinnen.

Dass ein Kandidat, dessen Hauptvorschlag es ist, seinen Vater aus dem Gefängnis zu befreien, so stark abschneidet, ist besorgniserregend.

Flavio Bolsonaro hat die Wahl verloren, aber fast die Hälfte der Stimmen erhalten. Wie erklären Sie sich diese enorme Stärke des Bolsonarismus?

Populistische und auch autoritäre Bewegungen finden in Teilen der brasilianischen Bevölkerung Anklang, ich würde sagen bei 15 bis 20 Prozent. Das erklärt die Stärke dieser Bewegung.

Hinzu kommt, dass Bolsonaros Vater Jair zwar wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde, sein Sohn Flavio aber dennoch fast die Wahl gewonnen hätte. Dass ein Kandidat, dessen Hauptvorschlag es ist, seinen Vater aus dem Gefängnis zu befreien, so stark abschneidet, ist besorgniserregend.

Lulas Sieg war weniger eine Wahl für ihn als eine Wahl gegen Bolsonaro.

Und doch hat es für Bolsonaro nicht gereicht. Wo liegt die entscheidende Schwäche dieser Bewegung?

Ein moderater konservativer Kandidat hätte diese Wahl wahrscheinlich gewonnen. Doch viele moderate Wähler hatten Angst, dass Bolsonaro die brasilianische Demokratie zerstört, und erinnerten sich an den versuchten Staatsstreich seines Vaters vor vier Jahren. Deshalb haben sie widerwillig für Lula gestimmt. Lulas Sieg war also weniger eine Wahl für ihn als eine Wahl gegen Bolsonaro.

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  • Bild 1 von 3. Anhänger und Anhängerinnen feiern ihren Präsidenten nach der Stichwahl in São Paulo, Brasilien. (25.10.2026). Bildquelle: REUTERS / Brian Snyder.

    Menschenmenge jubelt und schwenkt eine brasilianische Flagge bei Nacht.
  • Bild 2 von 3. Brasiliens Präsident Lula da Silva wird nach der Stichwahl ums Präsidentenamt vom Bundesabgeordneten Andre Janones (2. von links) umarmt. (25.10.2025). Bildquelle: Keystone / SEBASTIAO MOREIRA.

  • Bild 3 von 3. Sein Herausforderer Flavio Bolsonaro hält nach seiner Niederlage eine Rede in Brasilia. (25.10.2026). Bildquelle: REUTERS / Agustin Marcarian.

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Lula steht nun vor seiner vierten Amtszeit. Doch die Ausgangslage ist schwierig.

Ja, für Lula wird es extrem schwierig. Im Parlament haben rechte Parteien massiv zugelegt, die Bolsonaro-Partei ist die stärkste Kraft. Er wird kaum Gesetzesvorschläge durchbringen oder wichtige Richterposten besetzen können.

Neue Präsidenten haben normalerweise ein paar Monate Schonfrist. Diese Flitterwochen wird Lula nicht haben. Er steht von Anfang an unter massivem Druck.

Brasilien weiss, dass zum Beispiel Handelsabkommen mit Europa nur dann eine Zukunft haben, wenn das Land beim Schutz des Amazonas Fortschritte macht.

Viele in Europa verbinden Brasilien mit dem Amazonas-Regenwald, der Auswirkungen auf das Weltklima hat. Was bedeutet Lulas Sieg für den Amazonas?

In Lulas letzter Amtszeit ist die Abholzung bereits stark gesunken. Das wird auch weiterhin eine Priorität sein. Brasilien weiss, dass zum Beispiel Handelsabkommen mit Europa nur dann eine Zukunft haben, wenn das Land beim Schutz des Amazonas Fortschritte macht. Ein Sieg Bolsonaros hätte dieses historische Abkommen gefährdet. Lula weiss, wie wichtig dieses Thema für das weltweite Ansehen Brasiliens ist.

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