Berghütten im Wandel – Zwischen Klimastress und Komfort – die Zukunft der SAC-Hütten

«Das muss wohl ein neuer Weg zur Hütte sein», sagt unser Bergführer und blickt sich suchend um. Die Claridenhütte liegt einen Steinwurf von uns entfernt, umgeben von Schutt und Geröll. Schnell sind die neuen Markierungen gefunden. Wir folgen ihnen über das schroffe Rudiment des Claridenfirns, einem Gletscher in den Glarner Alpen. Den letzten Eisrest wollen wir an diesem windigen Juliwochenende überschreiten.
In den Alpen vollzieht sich der Klimawandel so drastisch wie sonst nirgendwo in Europa. Wenn das Eis schmilzt, erwärmt sich der freigelegte Fels im Rekord. Der tauende Permafrost bringt die Berge ins Rutschen und mit ihnen die Hütten, womit auch ein Stück Schweizer Heimat ins Wanken gerät.
Der Schweizer Alpen-Club (SAC) betreibt 151 Berghütten. Mehr als ein Drittel befindet sich in Gefahrenzonen. Etwa gleich vielen geht das Wasser aus. Lawinenschutz, Stahltreppen, Wasserreservoirs oder ein kompletter Neubau gehören zum Alltag. Genau wie der Ruf nach Luxus: Immer mehr Menschen strömen in die Berge, beanspruchen sie als Kulisse für Social Media, als Freizeit-, Sport- und Ruheoase. Darauf reagieren auch die Hütten: Sie werden grösser, bequemer, kulinarisch exquisiter.
Das alles kostet Geld, Zeit und Nerven.
Eine alte Debatte
Nicht alle sehen diesem Wandel wohlwollend entgegen. Kritikerinnen wollen möglichst wenig Wachstum und den Umbruch schonend mitgestalten. Befürworter wollen Überleben und Symptome bekämpfen. Recht haben beide.
Die Debatte, wie SAC-Hütten künftig aussehen und funktionieren sollten, ist nicht neu. Und für gewöhnlich führen Grundsatzfragen über Klima, Werte und Identität zur aussichtslosen Lagerbildung.
Klimaforscher Reto Knutti beschrieb diesen Schmerzpunkt kürzlich in einem Interview äusserst treffend: «Wir haben heute nicht primär ein Wissens-, sondern ein Umsetzungsproblem. Es geht um Kommunikation, um Wahrnehmungspsychologie, um Politik, Diplomatie, Kosten und Nutzen. Alle diese Aspekte und Disziplinen haben wir viel zu spät einbezogen.»
Was nun? Am besten erst einmal zuhören, denn das Schicksal einer SAC-Hütte berührt verschiedene Akteure. Und ihre Erfahrungen, Gefühle und Wissensstände haben mehr gemein, als man manchmal denkt.
Die Hüttenkommission des SAC
Hanspeter Bürgi hat als Architekt bereits zwei Wettbewerbe für den Umbau einer SAC‑Hütte gewonnen. 2021 wechselte er die Seite. Als Chef der SAC-Hüttenkommission bestimmt er nun, wer die Berghütten der Zukunft gestalten darf.
Bürgi erklimmt Gipfel, leitet Touren, das alpine Bauen fasziniert ihn: «Es ist die Urhütte in der Wildnis.» Schutz, Geborgenheit, Umgebung – architektonische Prinzipien müssen auf das Elementare reduziert werden. Wie viel brauche ich wirklich? In der Architekturwelt ist ressourcenschonendes Bauen schon länger ein Trend. Einmal eine SAC-Hütte entwerfen ist hier Prestigesache.
Hanspeter Bürgi (Hrsg.): «Labor der Extreme; Klima, Alpen, Architektur.» Edition Hochparterre, 2026.
Renommee ist wohl auch ein Grund, weshalb sich die oberste Hüttenkommission bei neuen Bauvorhaben einer Sektion einschaltet: Ästhetik, Komfort, Energie, Wasser, Lawinen und Artenschutz – die Ansprüche sind so hoch wie nie. Viele Experten reden mit.
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«Man ringt mit der Frage der Einfachheit», sagt Bürgi. Zwischen Bergwanderhütte und hochalpinem Biwak bewegt sich der SAC heute und muss gleichzeitig den spezifischen Charakter wahren: «Wir wollen kein Gasthaus sein, das auch in einem Bergdorf stehen kann.» Eine Hütte in der Bergwelt braucht für ihn weder Zweier-Zimmer noch warme Duschen.
All das sollte die Jury idealerweise bei der Wahl eines Siegerprojekts beachten. In keinem anderen Alpenland haben Architekturwettbewerbe eine solche Tradition wie in der Schweiz. Das macht sich beim Wandern im hiesigen Gebirge bemerkbar, wo sich eine reiche Schweizer Baugeschichte bestaunen lässt.
Bauchronik von SAC-Hütten
Anfang Bildergalerie
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Bild 1 von 9. 1863: Grünhornhütte. Im Gründungsjahr des Schweizer Alpenclubs entstand mit der Grünhornhütte die erste SAC-Hütte. Sie hatte acht Plätze und diente nur als Notlager. Heute ist sie nur noch als hochalpines Baudenkmal zu besuchen. Bildquelle: Keystone/Arno Balzarini.
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Bild 2 von 9. 1883: Oberaarjochhütte. Typische Holzmaterialien der frühen Oberaarjochhütte werden auch beim Neubau 1904 aufgenommen. Sie liegt 3258 Meter über Meer und ist bislang nur über Gletscher zu erreichen. Bildquelle: imago/Zoonar.
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Bild 3 von 9. 1895: Gaulihütte. Der Einraum bekommt mehr Komfort: Tisch, Bank, Strohlager, zentrale Kochstelle. Es entwickelt sich ein Bautypus, der «Schweizer Realismus avant la lettre» genannt wird. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 9. 1918: Albert-Heim-Hütte. In der Zwischenkriegszeit prägte der Schweizer Heimatschutz den Diskurs über Baukultur. Schlichte Formen und solide Materialien vermittelten Schweizer Identität. Wie bei der Albert-Heim-Hütte bestimmt nun Naturstein den Hüttenbau. Bildquelle: Keystone/Alexander Dietz.
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Bild 5 von 9. 1930: Planurahütte. Die Planurahütte steht für einen pragmatischen, modernen Ansatz. Avantgardistische Architekten arbeiten stark mit der Umgebung und atmosphärischen Innenräumen. Bildquelle: Getty Images/Kurt Reichenbach/ullstein bild.
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Bild 6 von 9. 1957: Domhütte. Mit seinem Buch «Vom Bergsteigen und Hüttenbauen» prägte Architekt Jakob Eschenmoser einen eigenen Bauansatz. Er revolutionierte den Neubau der Domhütte mit einem achteckigen Grundriss. Sein Ziel: maximales Volumen, minimale Fläche. Bildquelle: Keystone/Ludwig Weh.
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Bild 7 von 9. 1966: Mischabeljochbiwak. Das Mischabeljochbiwak verkörpert zwar noch ein Haus mit Satteldach, allerdings schwebt es seit 1995 auf einer markanten Metallkonstruktion. Bildquelle: Keystone/Ludwig Weh.
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Bild 8 von 9. 1993: Cabane de Vélan. In den 90er-Jahren entstanden bildstarke Hütten. Die neue Cabane de Vélan erinnert an ein Raumschiff. Strom kommt über Sonnenkollektoren und Photovoltaik. Bildquelle: RTS.
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Bild 9 von 9. 2000: Keschhütte. Um die Jahrtausendwende wird Umweltschutz beim Hüttenbau ein grosses Thema. Die Keschhütte mit 92 Plätzen gewinnt ihre Energie über eine Solaranlage und Windräder. Bildquelle: imago/Wilhelm Mierendorf.
Ende der Bildergalerie
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Doch eine hohe Baukultur ist teuer. Der SAC-Zentralverband kann mit dem Hüttenfonds Projekte minimal bezuschussen, für den Rest müssen die Sektionen selbst aufkommen. Das sorgt auf Mitgliederversammlungen regelmässig für Streit.
Zuletzt erhitzte der Ersatzneubau der eingestürzten Mutthornhütte die Gemüter in der Sektion Weissenstein. Zwei Drittel der Mitglieder nahmen vier Millionen Franken und etwa 600 Helikopterflüge mitten in einer Unesco-Gletscherlandschaft in Kauf. Jüngere Sektionsmitglieder sprachen sich für die Aufgabe des Standorts aus. Und brachen ein Tabu.
Die Claridenhütte ist unser Ausgangspunkt. Sie thront 2453 Meter über Meer auf einem ausgesetzten Plateau. Ein steinernes Berghaus mit rot-weissen Fensterläden, grossem Dach und feingliedrigem Holzanbau. Hühner picken im spärlichen Gras herum. Ein paar Gäste mit Daunenjacken und Kapuze sitzen auf der Terrasse, in den Händen eine Tasse mit dampfendem Tee.
SRF bi de Lüt – Hüttengeschichten Archiv: Sturm bringt Hühner auf der Claridenhütte in Gefahr
Dokus & Reportagen Staffel 13 Episode 3. Laufzeit 45 Minuten.
Drinnen, befreit vom Rucksackgewicht und von bissigen Böen, setzt augenblicklich Entspannung ein. Im hell getäfelten Essbereich flackert ein Feuer im Ofen, auch die Apfelwähe ist noch warm. Wir beugen uns über Karte und Meteo-App, besprechen die morgige Tour.
Der Hüttenwart
Vom Grimselpass 1000 Meter in die Höhe: Den Weg zur Gelmerhütte kennt Peter Schläppi seit seiner Kindheit. Immer freitags nach der Schule stieg er auf, besuchte seine Eltern, die 33 Jahre lang die Hütte führten. Damals gab es noch keine offene Standseilbahn, die auch eine Attraktion im Europapark sein könnte. Heute nutzt Schläppi die Gelmerbahn häufig, denn seit 2012 führt er als Hüttenwart das Familienerbe weiter.
Viele Male hat er auch die umliegenden Gletscher überschritten. Bis heute bringt er als Bergführer Alpinbegeisterte über den Diechtergletscher. In diesem heissen Sommer war er komplett schneefrei. Touren über das nackte Blankeis werden immer schwieriger. Gelassen und eher beiläufig sagt Schläppi: «Man sieht, dass die Gletscher zurückgehen, aber die Berge bleiben ja bestehen.»
Als Bergmensch weiss er, dass die Alpen weder zeitlos noch statisch sind. Sie verändern sich beständig. Auch die Hütten. Nur wollen hier, wo er tagtäglich arbeitet, immer mehr Menschen mitreden.
Zu ihrem 100-Jährigen wurde die Gelmerhütte vergrössert, ein Einweihungsfest gab es diesen Sommer. «Der Architekt Lorenzi Jaisli hat die alte Steinfassade behutsam erweitert. Das ist ihm sehr gut gelungen», sagt Schläppi. Unter einem grossen dunklen Blechdach fügen sich die Granitwände unauffällig in die felsige Umgebung ein.
Weniger nachvollziehen kann er die Sache mit dem Lawinenschutz. «Das Gutachten ist fast vernichtend ausgefallen», sagt Schläppi. Das Resultat: rote Lawinengefahrenzone. Die Konsequenz: dickere Mauern und massivere Träger. Der integrierte Schutz ist im Gegensatz zum äusseren viel aufwendiger und teurer. «Aus meiner nicht-wissenschaftlichen Erfahrung ist das übertrieben», sagt Schläppi. «In den vergangenen hundert Jahren hat der Schnee der Hütte keinen ‹Chräbel› abgetan.»
Neu sind auch kleinere Zimmer, ein grösserer heller Essbereich und kürzere Wege zwischen Küche und Lager, die sich Schläppi ausdrücklich wünschte. «Es ist nicht selbstverständlich, dass ich bei der Baukommission vorsprechen darf.» Teil der Wettbewerbsjury ist er nicht.
Dabei spürt er als Hüttenwart eine Freude, die die hitzige Debatte «Für wen bauen wir die Hütten?» sicherlich besänftigen würde: «Da kommen eine Zahnärztin, ein Förster und ein Sanitärmonteur alle denselben Weg hinauf, sind fast gleich angezogen, tragen alle einen Rucksack. Die kennen sich nicht und spielen am Ende des Abends UNO zusammen.»
Die Alpen fühlen
Der Wecker klingelt um 4:15 Uhr. Schweigend essen wir frisch gebackenen Zopf, Käse und Marmelade. Im Trockenraum staut es sich. Zu viele Hände greifen nach Pickel und Helm, die Füsse gleiten in die Bergschuhe. Es braucht unbedingt Handschuhe.
Draussen hängt dichter Nebel. Erst als wir uns ein gutes Stück von der Hütte entfernt haben, lässt er plötzlich etwas nach. Erkennbar wird das markante Tödi-Massiv, ein schroffer Felsriese mit vergletscherter Flanke, Sehnsuchtsberg vieler Alpinisten. Erste Sonnenstrahlen stechen durch und färben seinen höchsten Punkt, den Piz Russein, in ein wässriges Orange.
Wir gehen weiter, schlittern über brüchigen Fels, erreichen die Gletscherzunge. Ein See hat sich hier gebildet, hellblau schimmernde, abgebrochene Eisblöcke schwimmen darauf. Wir erreichen das Eisplateau des Claridenfirns und legen die Steigeisen an.
Die Landschaftsschützerin
Franziska Grossenbacher war bereits als Wissenschaftlerin und Politikerin tätig. Beides hilft im neuen Job als Co-Chefin der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL). Hier muss sie beim Hüttendilemma sowohl mit Evidenz als auch mit Rhetorik überzeugen.
Mit der Devise: «Nur dort, wo alpine Ziele unerreichbar sind, braucht es eine Hütte» setzt der SL einen hohen Massstab. Grossenbacher blickt kritisch auf die grosszügigen Umbauten und den steigenden Komfort. «Brauche ich wirklich Pommes auf der SAC-Hütte wie im Skigebiet?»
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Vielleicht, überlegt sie laut, bräuchte es eine Kategorisierung, in der festgehalten wird, was in bestimmten Regionen angeboten wird und was nicht. Klare Regeln also, die künstlerische Visionen und das wirtschaftliche Überleben eingrenzen könnten.
Dank des Verbandsbeschwerderechts setzt der SL Grenzen. So ging man gegen einen Lawinendamm beim Umbau der Gaulihütte vor, der massiv in die Landschaft eingegriffen hätte. «Es braucht eine sorgfältige Analyse», meint Grossenbacher, «Reicht es, einfach einen Architekturwettbewerb zu machen?» Sie plädiert für mehr Gespräch, mehr Diskussion, mehr Zuhören. «Wer hört etwa den jungen Alpinisten zu, für die die Hütten auch zu teuer werden?»
Ob, wie und zu welchem Preis eine Hütte gebaut oder umgebaut wird, hat viel mit Privilegien zu tun. Nicht alle können sich höhere Hüttenpreise aufgrund von Klimaanpassungen und mehr Komfort noch leisten.
Hüttenschutz und Hüttenglück
Privilegien geniesst auch der Alpen-Club: «Der SAC darf an diesen hochempfindlichen Orten bauen, wo sonst niemand darf», sagt Grossenbacher. Das erfordert viel Verantwortung. Und birgt eine grosse Chance: Landschaften wandeln sich, aus dem toten Eis spriessen neue Pflanzen. «Auf den Gletschervorfeldern entstehen die Regenwälder der Schweiz.» Auch diese Landschaften können von SAC-Hütten aus erkundet werden.
Die SRF-Reihe «SRF bi de Lüt – Hüttengeschichten» verbringt pro Staffel eine Saison auf verschiedenen SAC-Hütten und taucht ein in das Alltagsleben der Hüttenwarte und ihrer Familien.
Aktuell läuft die 15. Staffel – zu sehen auf SRF 1 und im Stream auf Play SRF.
Die Doku-Serie «DOK – Hoch hinaus» begleitet in der aktuellen vierten Staffel sechs Personen aus allen Landesteilen der Schweiz auf ihrem grossen Abenteuer – einer Wanderung vom Lago Maggiore bis zur Dufourspitze in zehn Tagen. Zu sehen auf SRF 1 und im Stream auf Play SRF.
Was bleibt nach diesen Blickwinkeln auf Verlust und Neuanfang?
Es gibt Wahrheiten in der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kunst und im Bauchgefühl. Mühsam ist es, wenn sich immer alles in Gegensätzen erschöpft. In den kommenden Jahrzehnten wird es immer heisser, die Gletscher verschwinden. Umso mehr braucht es eine gemeinsame Zukunftsvision. Eine positive Weitererzählung, in der sich Hüttenschutz und Hüttenglück sinnvoll verbinden lassen.
Am späten Nachmittag erreichen wir wieder unsere Schutzhütte. Die Hüttenwartin steht davor: «Glückwunsch zur erfolgreichen Tour», sagt sie, «Abendessen gibt es in einer halben Stunde.»
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