"Wir müssen durchknallt sein!!!": Der AfD-Leak zeigt, welchen Weg Alice Weidel gegangen ist

"Wir müssen durchknallt sein!!!!"Der AfD-Leak zeigt, welchen Weg Alice Weidel gegangen ist

Fast eine halbe Million Dokumente der AfD wurden durch einen Hack öffentlich. Der AfD-Leak ist der wohl größte Datenklau in der deutschen Parteiengeschichte. An den mutmaßlich authentischen Daten lässt sich die Radikalisierung der AfD ablesen.
Wenn sich Alice Weidel und Björn Höcke in der Öffentlichkeit begegnen, herrscht schönste Harmonie. Dann umarmen sich die Bundesvorsitzende der AfD und der thüringische Landesparteichef – und loben einander.
"Also Björn Höcke und ich, wir verstehen uns sehr gut und wir haben uns über die Jahre kennengelernt", sagte Weidel im vergangenen Jahr der "Bild-Zeitung". Der Mann sei "bodenständig" und "extrem breit gebildet": "Und dementsprechend schätze ich ihn."
Das scheint nicht immer so gewesen zu sein. Am 23. Januar 2017 wurde mutmaßlich von dem E-Mail-Account des Bundesvorstandsmitglieds Weidel eine interne E-Mail an die AfD-Spitze geschrieben: Betreff: "WICHTIG – Artikel zur Aufbereitung der BH-Erklärung".
Mit der Erklärung war die geplante Reaktion auf eine Rede Björn Höckes gemeint. Der Landeschef hatte in Dresden eine "dämliche Bewältigungspolitik" in Deutschland gegeißelt und eine "geschichtspolitische Wende um 180 Grad" gefordert. Zum Holocaust-Mahnmal sagte er: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."
Weidel war entsetzt. "Solche unsäglichen, rückwärtsgewandten Debatten sind überflüssig und kontraproduktiv", erklärte sie damals in einem offiziellen Pressestatement. Wenig später stimmte sie im Bundesvorstand dafür, gegen Höcke ein Parteiausschlussverfahren einzuleiten.
420.000 Nachrichten, 281 Gigabyte
Wie sich aus dem nun bekannt gewordenen Datensatz ergibt, wurden von Weidels E-Mail-Account Hinweise zur Rhetorik des Landeschefs gegeben: Höcke habe jene Parteimitglieder, die nicht seinem Kurs folgen wollten, als "Halbe" bezeichnet, ähnlich wie dies bereits Adolf Hitler 1932 getan habe. "Könntet Ihr noch einbauen", heißt es in der Nachricht an die Parteispitze.
Die Echtheit der E-Mails vorausgesetzt, legt die Korrespondenz nahe, dass Weidel sich damals nicht nur öffentlich kritisch zu Höcke äußerte, sondern sich womöglich intern aktiv an den Maßnahmen gegen ihn beteiligte. Die Mail findet sich in einem Datensatz, dessen Herkunft nicht grundsätzlich von der AfD bestritten wird. Der wohl größte Leak in der deutschen Parteiengeschichte umfasst allein 420.000 Nachrichten. Hinzu kommen noch um die 45.000 Dokumente, dazu Listen und Tabellen.
Die gehackten Daten, von denen ein Großteil aus der Gründungszeit der AfD stammt, können seit Anfang dieser Woche von einer anonymen Internetseite heruntergeladen werden. IT-Experten halten sie für authentisch. Weidel und ihr Co-Chef Tino Chrupalla bestätigen zumindest, dass "große Datenmengen abgeflossen" seien. Insgesamt handelt es sich um 281 Gigabyte.
Für die Authentizität der geleakten Daten spricht unter anderem der Umstand, dass sich zum Beispiel mindestens eine journalistische Anfrage eines Autors dieses Texts darin findet. Auch andere von dieser Redaktion gesichtete E‑Mails oder Dokumente lassen sich mit öffentlichen Äußerungen von früherer Berichterstattung abgleichen.
Weidel und Chrupalla bezeichneten den Hack als "illegal und strafrechtlich relevant". Es handele sich nicht nur um einen "digitalen Angriff", sondern um einen "Angriff auf das deutsche Parteiensystem und damit auf die Demokratie". Im Übrigen hielten die "bislang veröffentlichten, vermeintlichen Skandale" einer "inhaltlichen Überprüfung nicht stand".
Zu Besuch in Hitlers Geburtshaus
Was daran stimmt: So manches Skandalöse, von dem in sozialen Medien aus dem Datensatz berichtet wurde, ist bereits bekannt. So ist in den 32.639 E-Mails, die laut den vorliegenden Daten von dem E-Mail-Account des heutigen AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland stammen sollen, auch etwas zu der sogenannten Hitler-Wallfahrt zu finden.
2018 war berichtet worden, dass mehrere Thüringer AfD-Mitglieder – unter ihnen ein Schiedsrichter der Landespartei – bereits 2015 Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau am Inn besucht hatten. Dort soll ein Teilnehmer eine Kerze angezündet haben. Der Parteirichter ließ sich zudem mit einem Buch mit Hitler-Bildnis fotografieren. Die Reisegruppe posierte mit einer Decke mit Hakenkreuz und SS-Zeichen.
Dies alles wurde damals ausführlich dokumentiert. Trotzdem bietet der Datensatz neue Erkenntnisse. So findet sich darin ein 17-seitiger Bericht, der von einer "Ad-hoc-Arbeitsgruppe" der Thüringer AfD stammen soll. Darin werden die Vorwürfe gegen die Teilnehmer der sogenannten Wallfahrt abgewogen, um am Ende zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass es sich um eine "Diffamierungskampagne gegen Amtsträger des Landesverbandes" handele.
"Diese braune Soße"
Es war längst nicht der einzige Eklat der Partei in ihren frühen Jahren. So wurde 2016 bekannt, dass ein AfD‑Landtagsabgeordneter einen früheren NPD-Politiker als Bundespolitiker eingestellt hatte. Der damalige Landeschef André Poggenburg, der wie Weidel im Bundesvorstand saß, verteidigte daraufhin die Personalie öffentlich. Die Bundespartei veröffentlichte eine entsprechende Pressemitteilung.
Vom E‑Mail-Account Weidels wurde daraufhin laut dem Datensatz am 16. April 2016 eine E-Mail verschickt. Betreff: "NPD Anstellungsmist auf Bundesseite?"
Ihr Text: "Ich bin fassungslos, dass es DIESE PM auf unsere Bundesseite geschafft hat. Wir müssen durchknallt sein!!!! (Tippfehler im Original) Was fällt einem Landesverband eigentlch (Tippfehler im Original) ein, den Bund und alle ANDEREN in diese braune Soße hineinzureiten und das überhaupt zu diskutieren? Bei allem Respekt, ich zweifle an dem ‚gesunden Menschenverstand‘. Diese Blödheit wird uns noch das Genick brechen."
Falls die E-Mail authentisch ist, zeigt sie, wie scharf sich Weidel damals offenbar noch von rechtsextremistischem Personal und Gedankengut abgrenzte – aber auch, welchen Weg sie seitdem gegangen ist. Denn inzwischen findet sich öffentlich von ihr kein kritisches Wort mehr dazu, dass bei der Sachsen-Anhalter AfD-Landtagsfraktion gleich mehrere frühere Führungskader der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) angestellt sind.
"Moral und Ehrverhalten"
Im Oktober 2017 soll Weidel sich laut einer internen Rund-Mail aus dem Datensatz noch gegen das "Gerücht" verwahrt haben, dass sie dafür gestimmt habe, das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke zu beenden ("Das ist falsch!"). Heute bezeichnet sie das Verfahren als Fehler. Die Frage, ob sie ihren Thüringer Parteifreund für ein Parteiamt geeignet halte, beantwortete sie mit "Ja".
Die E-Mails scheinen zu belegen, dass Weidel heute engen Kontakt zu Leuten sucht, die sie mutmaßlich vor Jahren noch aus der Partei werfen wollte. 2015 wurde von einem Account unter ihrem Namen ein Artikel des "Stern" verschickt. Der Text berichtete über Aussagen des damaligen AfD-Nachwuchspolitikers Maximilian Kneller, der heute gemeinsam mit Weidel im Bundesvorstand sitzt.
Der Politiker hatte auf Facebook einer Jungliberalen mit üblen Beschimpfungen gedroht. Etwas, das Weidel offenbar keinesfalls tolerieren wollte. "Haben wir das auf dem Schirm? Raus. Sofort", stand in der Mail an die Parteispitze.
Der Hinweis, dass sich Kneller bereits entschuldigt habe, scheint Weidel offenkundig nicht gereicht zu haben. So hieß es in der E-Mail: "Wir dürfen derartiges primitivstes Verhalten von Mitgliedern auf keinen Fall tolerieren. Das gebietet Moral und Ehrverhalten."
Am Dienstagabend veröffentlichte Kneller ein Foto, auf dem er Weidel auf offener Bühne in Leverkusen umarmt.
Die AfD beantwortete am Mittwoch Anfragen zu den Inhalten des Hacks nicht. Stattdessen verschickte die Bundesgeschäftsstelle eine Mitteilung. Die Partei werde sich nicht dazu äußern, ob ein vermeintlicher Leak-Inhalt echt oder gefälscht sei. Gleichzeitig habe man aber "schon einige bedenkliche Fälschungen entdeckt". Jeder, der die Daten nutze oder verbreite, heiße "ein Verbrechen" gut und missachte "oftmals das Persönlichkeitsrecht".
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