Trockenheit in der Schweiz – Warum Regenwasser in Städten plötzlich wertvoll wird

Obwohl es seit drei Tagen nicht geregnet hat, plätschert bei der Überbauung Wolkenwerk in Zürich Oerlikon Wasser aus den Dachrinnen in einen Teich. Was wie ein gewöhnlicher Park aussieht, ist Teil eines Konzepts, das Fachleute als Modell für die Zukunft sehen.
Von den Dächern der 70 Meter hohen Riesen fliesst das Regenwasser über begrünte Terrassen auf die Dächer der tiefer gelegenen Gebäude und sammelt sich schliesslich im Park. Auf seinem Weg nach unten bewässert es verschiedene Pflanzen.
Das Projekt setzt das sogenannte Schwammstadt-Prinzip um. Statt Regenwasser möglichst rasch in die Kanalisation abzuleiten, wird es zurückgehalten, versickert im Boden oder verdunstet über Pflanzen. Das entlastet bei Starkregen die Infrastruktur, versorgt Grünflächen mit Wasser und kühlt die Umgebung an heissen Tagen.
Regenwasser wird gefragter
Dass solche Lösungen an Bedeutung gewinnen, zeigten Fachleute am Montag bei einer Medienkonferenz in Zürich. Der Sommer 2026 mit langen Trockenphasen und grosser Hitze habe den Schweizer Wasserhaushalt unter Druck gesetzt. Gleichzeitig nehmen Starkniederschläge zu.
«Wir haben noch gleich viel Regen, aber zu anderen Zeiten und in stärkerer Intensität. Wenn wir möchten, dass unsere Landschaft gleich funktioniert, dann müssen wir Wasser zurückhalten», sagt Anja Herlyn, Co-Präsidentin des Verbands Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA).
Lange wurde Regenwasser möglichst schnell abgeführt. Gründe dafür waren der Schutz vor Überschwemmungen, die zunehmende Versiegelung der Städte und hygienische Überlegungen. Heute wird Regenwasser zunehmend als Ressource betrachtet. Wird es lokal gespeichert und genutzt, können Kanalisation, Vegetation und Stadtklima gleichermassen profitieren.
Es sei ein schleichender Paradigmenwechsel: Die Wasserwirtschaft müsse lernen, mit längeren Trockenperioden und häufigeren Extremereignissen umzugehen.
Wie das Wolkenwerk Wasser zurückhält
Beim Wolkenwerk wird sichtbar, wie das Schwammstadt-Prinzip funktioniert. Das Regenwasser wird auf seinem Weg durch das Areal gebremst, gespeichert und nach und nach wieder abgegeben. «Die Feuchtigkeit im Schwamm verzögert das Austrocknen der Landschaft», sagt Hendrik Stump, Projektleiter des Wolkenwerks.
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Bild 1 von 3. Über verschiedene Dachrinnen gelangt das Wasser Stufe für Stufe in den Teich der Überbauung. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Das Wasser versickert verzögert im Boden. Dieser speichert die Feuchtigkeit wie ein Schwamm und gibt sie später wieder ab. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Bäume und Pflanzen spenden an Hitzetagen Schatten. Verdunstendes Regenwasser sorgt zusätzlich für Kühlung. Bildquelle: srf.
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Die Dachgärten verfügen über eine bis zu 70 Zentimeter tiefe Substratschicht, die Wasser aufnehmen und speichern kann. Erst wenn die Speicherkapazität nicht mehr ausreicht, fliesst überschüssiges Wasser weiter. Bei heftigen Regenfällen kann sich das Wasser auf zusätzliche Flächen ausbreiten. Insgesamt kann die Anlage bei Extremniederschlägen rund 280 Kubikmeter Wasser zurückhalten – das entspricht etwa sechs Tanklastwagen.
Potenzial noch nicht ausgeschöpft
Für die Fachverbände ist klar: Einzelne Vorzeigeprojekte reichen nicht aus. Damit die Schweiz besser mit Trockenheit, Hitze und Starkregen umgehen kann, müsse Regenwasser künftig bei Planungen konsequent mitgedacht werden.
Begrünte Dächer können rund 70 Prozent des jährlich anfallenden Regenwassers zurückhalten. Auch Stadtbäume tragen zur Kühlung bei: Ein grosskroniger Baum kann seine unmittelbare Umgebung an einem Sommertag um vier bis sieben Grad Celsius abkühlen. Schweizweit gibt es bereits verschiedene Projekte, die das Schwammstadt-Prinzip umsetzen. Das Potenzial sei aber noch nicht ausgeschöpft, betont Anja Herlyn.
Extreme Hitze und Trockenheit bringen aber auch Schwammstädte an ihre Grenzen. Dieser Sommer habe gezeigt: «Irgendwann ist auch ein Schwamm ausgetrocknet», sagt Stump. Werden die Pflanzen dann nicht bewässert, leiden sie und können trotz der Wasserspeicherung langfristig vertrocknen.
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