Die Wahrheit: Spitzel im Teigmantel

Das wahrscheinlich letzte Brot der DDR harrte 36 Jahre seiner Entdeckung und wird jetzt ausgestellt – nicht ohne Überraschungen.
Als sich Michael Hagedorn am 26. Juni 1990 in einer Ostberliner Bäckerei ein Brot kauft, will er eigentlich nur auf Nummer sicher gehen. In wenigen Tagen soll die westdeutsche D-Mark im Osten eingeführt werden, und der Student fürchtet Komplikationen. Das Gebäck allerdings verschwindet über Jahrzehnte hinweg im Tiefkühlfach – und wird jetzt im Berliner Deutschlandmuseum als das wahrscheinlich letzte Brot der DDR ausgestellt. Doch das Image des buchstäblich frisch gebackenen Stars beginnt zu bröseln: Verheimlicht das Gebäck Teile seiner Geschichte?
Exakt 1.000 Ostgramm wog das Ostbrot bei seinem Kauf vor 36 Jahren. Der Preis belief sich auf gerade einmal 80 Pfennig. Doch wovon Hagedorn damals wohl nichts wusste: Nicht nur soll das Backwerk zum Zeitpunkt seines Verkaufs in Ostberlin bereits mehrere Jahrzehnte alt gewesen sein. Außerdem war es offenbar ab 1971 auch für das Ministerium für Staatssicherheit als inoffizieller Mitarbeiter tätig.
„Als Bauernbrot im Bauern- und Arbeiterstaat DDR war sein Weg gewissermaßen vorgezeichnet“, sagt ein Informant, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber in der Gebäckszene gut vernetzt ist. Anfang der Siebzigerjahre habe die Stasi immer mehr Gebäck rekrutiert und mit Abhörgeräten ausgestattet, um Bürgerinnen und Bürger zu bespitzeln. „Baumkuchen, Christstollen, Quarkkeulchen – spätestens in den Achtzigern konnte man sich in der DDR an keinem Büfett mehr unbeobachtet fühlen.“
Im Volksmund als „Leipziger Lausche“ bekannt, rief die Regierungspartei SED in volkseigenen Betrieben regelmäßig zu groß angelegten Frühstücksveranstaltungen auf. Beim solidarischen Frühstücken zur Planerfüllung, kurz SFP, sollten sich Systemkritiker in lockerer Atmosphäre verraten, alles unter Beobachtung vermeintlich harmloser Köstlichkeiten. Als besonders talentiert erwies sich dabei ein Gebäck mit dem Decknamen IM Roggen, ein laut Stasi-Akte „unauffälliger Brotlaib brauner Farbe“, der ideale Voraussetzungen für die ihm zugewiesenen Aufgaben mitbrachte.
Abstoßendes Erscheinungsbild
„Die pappige Kruste, die eingedrückten Knuste, der sächsische Dialekt trotz VEB-Backwaren-Kombinat-Berlin-Aufkleber: Alles, was wir über IM Roggen wissen, passt perfekt ins Bild“, sagt der Informant. Stundenlang habe das Brot in derselben Stellung ausharren und lauschen können, ohne sich zu bewegen. Ein weiterer Teil des Erfolgsrezepts: sein abstoßendes Erscheinungsbild. „Andere Spitzel-Gebäcke wurden früher oder später verzehrt, an IM Roggen mit seinem faden und unknusprigen Auftreten traute sich aber keiner ran.“
Die Liste der zweifelhaften Errungenschaften, die IM Roggen zugeschrieben werden, ist lang: So soll IM Roggen Mitglieder der Leipziger Rockband Renft als altes Stück Brot neben dem Aschenbecher im Proberaum belauscht, den Liedermacher Wolf Biermann gar zu dessen „Stasi-Ballade“ inspiriert haben.
Auch wenn das Brot als inoffizieller Mitarbeiter nicht befördert werden konnte, erhielt es Prämien wie Krume-Auffrischungen, Toast-Kuren und bevorzugte Behandlung bei der Trabant-Auslieferung in den Akten vermerkt. Im Privaten hingegen war das Gebäck bemüht, die bürgerliche Kruste aufrechtzuerhalten. Den eigenen Schrebergarten soll IM Roggen vor allem zum Anbau von Erdbeeren und anderen Früchten genutzt haben, die er zu Marmelade verarbeitete. Zeitzeugen berichten von einem „Brot wie jedes andere“.
Bis zum letzten Krümel
„IM Roggen wurde damals ein Sinn für trockenen Humor nachgesagt“, erklärt der Informant. Zeitgenossen zufolge soll es J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ als Lieblingsbuch genannt haben. Eigene Berichte an die Stasi wurden scherzhaft mit der immergleichen Floskel „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ eingeleitet. „Eine Form von Zynismus, die nur jemand hervorbringen kann, der sich bis zum letzten Krümel dem System verschrieben hat“, meint unser Informant.
Nach dem Fall der Mauer verliert sich schließlich die Spur des mysteriösen Spion-Brots. Bis zuletzt war das Brot noch als kulinarische Begleitung des Wirecard-Betrügers Jan Marsalek in Moskau vermutet worden. Nun aber stellt sich die Frage: Sind das abgetauchte Lausch-Gebäck und das nicht aufgetaute Brot im Museum aus ein und derselben Schwitze entstanden?
Der Informant fordert die Offenlegung sämtlicher Zutaten und eine glaubhafte Stellungnahme der Verantwortlichen. „Wenn wir glauben sollen, dass es sich bei dem Brot wirklich nicht um IM Roggen handelt, braucht es Belege statt Belag. Erst dann wird sich die Spreu vom Weizen trennen“, glaubt er. Bislang haben weder das Deutschlandmuseum noch das DDR-Brot selbst auf die Vorwürfe reagiert. Sein Besitzer Michael Hagedorn wiederum will sogar „rechtliche Schnitte“ prüfen. „Wir werden schon noch sehen, was unter der Kruste zum Vorschein kommt.“
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