Trockenheit und die Folgen: Mit Meerwasser gegen die Dürre

Trockene Sommer werden häufiger. In Mittelmeerländern ist Meerwasserentsalzung längst gängig – das könnte zum Vorbild auch für Deutschland werden.
Foto: Lennart Stock/dpa
Wasser aus dem Meer ist salzhaltig, darum nicht trinkbar – eigentlich. Nur an einem Ort in Deutschland ist das seit Jahren anders: auf Helgoland. Dort kommt Nordseewasser aus dem Hahn, entsalzt und gereinigt. Ist das die Zukunft auch sonst in Deutschland, ist Helgoland der Zeit voraus?
In Israel, Saudi-Arabien, Spanien oder den USA stehen längst große Entsalzungsanlagen, die Süßwasser produzieren, weltweit gibt es bereits 23.000. Indes gewinnt Deutschland sein Wasser bisher aus Flüssen, Seen, zumeist dem Grundwasser. 126 Liter verbraucht hierzulande jede Person pro Tag zum Trinken, Kochen, Duschen und so fort. Dazu kommen die Landwirte, die ihre Kühe oder Tomaten mit Wasser versorgen müssen, und die Industrie. Doch mit der Erderhitzung nehmen in Deutschland Dürrephasen zu, schwinden Wasservorräte.
Darum müsse sich nicht mehr nur Helgoland um Trinkwasser aus den Ozeanen kümmern, „sondern Deutschland insgesamt, selbst von der Küste weiter entfernte Regionen wie das Ruhrgebiet könnten profitieren“, sagt Claus Mertes vom DME, dem Institut für Meerwasserentsalzung in Duisburg. Die Ostsee habe gegenüber der Nordsee einen Vorteil: Ihr Salzgehalt sei geringer, damit auch der Aufwand, genauso der Preis, erklärt der Diplom-Ingenieur. „Die Ostsee hat rund 7,5 Gramm Salz je Liter, die Nordsee je nach Ort 34 bis über 36.“
Neue Rohrleitungen brauche es nicht, sagt Mertes: „Das entstehende Süßwasser lässt sich in nahezu beliebiger Menge über die vorhandenen Schifffahrtskanäle transportieren. Etwa von Lübeck über den Elbe-Lübeck-Kanal und die Elbe in den Mittellandkanal, und von dort am Wasserstraßenkreuz Bergeshövede bei Hörstel in den Dortmund-Ems-Kanal nach Süden.“ Vor Ort werde das Wasser dann wie üblich aufbereitet. Meerwasser über Hunderte Kilometer in der Republik zu verteilen, klingt nach weit entferntem Plan. Die Gewinnung von Trinkwasser aus dem Ozean bringen aber auch andere ins Spiel.
Auch Rostock ist schon dran
Beispiel Rostock, Mecklenburg-Vorpommern, direkt an der Ostsee. Investoren hätten derzeit in Deutschland immer zwei Themen, sagt Rostocks Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Linke) – „die Versorgung mit Energie und die mit Wasser.“ Die Hansestadt hatte abwinken müssen, als sich ein asiatischer E-Auto-Hersteller, der Computerchip-Giganten Intel und andere nach einem Standort dort erkundigten – wegen des Wasserverbrauchs. Rostock will aber zukunftsträchtige Branchen anziehen.
So sollen dort große Elektrolyseure entstehen, also Fabriken, die Wasserstoff produzieren. Diese brauchen jede Menge reines Wasser, also frei auch von Salz. Das Wasser wird unter Strom gesetzt, sodass es in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten wird. Grün wird der Wasserstoff genannt, wenn er mit Ökostrom, mit Erneuerbarer Energie etwa aus Wind und Sonne hergestellt wurde, er spielt vor für den klimaneutralen Umbau etwa der Stahlindustrie eine entscheidende Rolle. Mit ihm lässt sich auch überschüssiger Wind- und Solarstrom speichern. In den seltenen Fällen einer Dunkelflaute etwa, es ist dann wolkenverhangen und windstill, kann er wieder in Strom umgewandelt werden.
Der regionale Planungsverband Rostock hat unlängst untersuchen lassen, ob sich eine Meerwasserentsalzung machen ließe. Ergebnis: ja, technisch und wirtschaftlich. Die Idee: Zunächst soll nur die Region Rostock versorgt, später die Anlage erweitert und dann Wasser auch nach Brandenburg und Berlin gebracht werden. Am Ende würden dafür täglich 240.000 Kubikmeter Süßwasser produziert.
Wohin mit dem Salz?
Woher das Wasser für neue Technologien kommen soll, ist auch andernorts eine Frage. Zum Beispiel im Nordwesten Niedersachsens: In Emden, der größten Stadt Ostfrieslands, baut der regionale Energieversorger EWE den derzeit größten Elektrolyseur Deutschlands. An der Nordseeküste kann viel Windstrom produziert werden. Darum gibt es dort zahlreiche Wasserstoffprojekte.
Kerstin Krömer leitet die Industriewasserversorgungsgesellschaft Nordwest-Niedersachsen, iwag, ein Tochterunternehmen des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands, OOWV. Sie denkt die Zukunft vor, sucht nach neuen Wasserquellen. Darunter: die Nordsee. „Derzeit forschen wir mit der Universität Bremen zusammen an möglichst umweltschonenden Verfahren“, so die Diplom-Ingenieurin.
Denn die Entsalzung birgt Probleme. Der Strombedarf ist groß. Das ist das eine. Das andere: Bei der Entsalzung entsteht hochkonzentrierte Salzlake. Bisher wird sie meist wieder ins Meer gekippt, schädigt die Tiere und Pflanzen in der Umgebung. „Das ist eine trübe Suppe. Da wächst nicht mehr viel“, sagt Volkan Filiz, der am Helmholtz-Zentrum Hereon im schleswig-holsteinischen Geesthacht forscht.
Grundsätzlich gebe es zwei Technologien. Zum einen die thermische Entsalzung – mit Hitze. Wird Salzwasser gekocht, verdampft das Wasser, das Salz bleibt zurück. Zum anderen die Umkehrosmose: Das Salzwasser wird mit großen Pumpen durch eine Membran gepresst. Das Wasser kommt durch, das Salz nicht. Letztere Methode sei die derzeit üblichste, sagt Filiz, auch effizienter. Übrig bleibt aber auch dann noch die Sole.
Die wertvolle Sole
Darin steckten auch wertvolle Metalle wie Lithium, das für Batterien gebraucht wird, sagt der promovierte Chemiker. Er und seine Kollegen forschten daran, wie sich dies herausholen ließe. Andere Wissenschaftler untersuchten, ob aus der Sole etwa Baumaterialien hergestellt werden könnten.
In Rostock wollen die Experten jetzt die genauen ökologischen Auswirkungen einer Einleitung von Salzlake in die Ostsee prüfen. Gibt es keine Alternative zur Entsalzung? Sowohl im Nordwesten Niedersachsen als auch in Rostock soll künftig auch Abwasser so aufbereitet werden, dass die Industrie es für die Produktion von Wasserstoff nutzen kann. Wasser wird dann recycelt, statt es wie bisher aus dem Klärwerk ins Meer zu leiten.
Angesichts sich häufender Trockenphasen, neuer Industrien und zunehmendem Ökostrom sagt aber auch Jörg Rechenberg, im Umweltbundesamt zuständig für Wasserfragen: „Wir müssen alle Optionen prüfen.“ Heißt: auch die Wasserverwandlung von salzig zu süß.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Ernteausfälle durch Dürre Bauern pochen auf Staatshilfe
Die Hitze belastet die deutsche Landwirtschaft, die Ernte fällt bei Getreide und Äpfeln niedrig aus. Aber wie sollte man den Betrieben helfen?
Von Wolfgang Mulke
Experte über Klima und Niedrigwasser „Die Elbe als Bundeswasserstraße – diese Zeiten sind vorbei“
Der Fluss führt so wenig Wasser, dass kaum Schiffe fahren. Dennoch steckt der Bund Millionen in die Schifffahrt, beklagt Naturschützer Dörfler.
Interview von Nick Reimer
Folgen der Klimakrise Wenn Wassermangel normal wird
Flüsse und das Grundwasser haben immer häufiger niedrige Pegelstände. Das ist nicht nur für die Schifffahrt ein Problem.
Von Jonas Waack
25.– 29. August 2026
Bremerhaven
mit Lena Kaiser, Journalistin und Produktentwicklerin bei der taz
- Kurzreise in die Hafenstadt an der Wesermündung, einst der größte Auswandererhafen nach Amerika - mit Besuch der berühmten Museen "Auswandererhaus" und "Klimahaus" sowie einem Ausflug ins Fischerdorf Wremen an der Nordsee
- 960 € (DZ/HP/ohne Anreise)
- mit 4 Übernachtungen im Hotel im-jaich Lloyd Marina Bremerhaven
- Reiseveranstalter Ventus-Reisen
Mehr erfahren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.