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Wednesday, November 4, 2026

Gewinner des Filmfestivals DOK Leipzig: Nachrichten aus der Welt in multipler Dauerkrise

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Das 69. Filmfestival DOK Leipzig war geprägt von Konflikten der Gegenwart. Dieser Jahrgang war einer seiner stärksten bisher.

„Komm, Badrya, lass uns weggehen von diesem verrückten Mann.“ Gemächlich zockeln Schaf und Halterin zwischen Olivenbäumen den Weg in Richtung einiger vereinzelter Häuser entlang. In der Szene zuvor haben Schaf und Halterin auf einer Wiese gerastet, bis zwei Männer angefangen haben, sie zu umwuseln und zu fragen, ob das Schaf zum Züchten taugt. Schaf und Halterin waren gleichermaßen wenig begeistert von der Aufdringlichkeit.

Asmahan Bkerats erster Dokumentarfilm „Concrete Land“ gewann bei der diesjährigen Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm die Silberne Taube für den besten Langfilm. Weltpremiere hatte der Film im Rahmen der Semaine de la critique auf dem Filmfestival in Locarno im August.

Bkerats Film zeigt das Leben einer afropalästinensischen Familie von Beduinen in Jordanien. Bulldozer entwurzeln die Olivenbäume, um das Land für Bauvorhaben vorzubereiten, im Fernseher laufen Bilder aus dem Gazastreifen und Israel – und doch sind es zuallererst Konflikte um Land, der Rassismus vor Ort und die Konflikte der Generationen, die den Alltag der Familie bestimmen.

Wenig überraschend war die diesjährige Ausgabe geprägt von den Konflikten der Gegenwart. Beeindruckend war, wie allgegenwärtig gute Filme in diesem Jahr waren. Die Dokumentarfilme im internationalen Wettbewerb fast ohne Ausnahme beeindruckend gut und die durchformatierten Fernsehdokumentarfilme, die sich sonst oft in den Wettbewerb verirrt hatten, fehlten in diesem Jahr vollkommen.

Die Goldene Taube für den besten dokumentarischen Langfilm ging Andrei Kutsila für „Letters from the Silenced Country“, einen Dokumentarfilm über einige der unzähligen Inhaftierten in Belarus, Repression und die Beharrlichkeit des Widerstands. Die Goldene Taube Kurzfilm ging an „They’re Here“ von Laura Poitras und Rachel Lauren Mueller, die den Widerstand gegen die Gewalt der Schergen der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis zeigt.

Kluge und behutsame Erinnerung an Thomas Heise

„Xiangzidian Village: The Stage“ zeigt zu Beginn die Arbeiten an einer Autobahn, deren Verlauf Xiangzidian, das Heimatdorf von Regisseur Hu Sanshou, durchteilen wird. Im Laufe der Jahre beginnen die Dorfbewohner_innen die entstehende Straße für sich zu nutzen, als Orte für Picknicks, zum Ausruhen und Verweilen. Hus Film wird zu einem berührenden Dokument von Zwischennutzungen, die den Abschied von einer Ära des Dorfes begleiten.

Auffällig war in diesem Jahr auch die Qualität des Deutschen Wettbewerbs. Die Auszeichnung für „Übergang“ von Peter Badel und Chris Wright mit der Goldenen Taube Langfilm erscheint da fast schon wie eine Entscheidung für Bewährtes. Badel und Wrights Film, der im August in Locarno Weltpremiere feierte, setzt die Arbeit an einem Filmprojekt fort, das Thomas Heise bis zu seinem Tod im Mai 2024 vorantrieb.

Klug und behutsam arbeiten Badel und Wright Heise selbst und die Erinnerung an ihn in dessen Projekt zu einem Film über die Schönhauser Allee ein. Momente aus Heises Filmografie verbinden sich mit Familiengeschichte und einem Leben in der DDR und dem Deutschland nach 1990. Ein beeindruckender Film, der jeden der Preise verdient, die er bekommt, und der im November endlich auch regulär in die Kinos kommt.

Präziser Blick für Selbstlügen und Machtstrukturen

Doch fast der gesamte Jahrgang deutscher Dokumentarfilme war beeindruckend und zeugt gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Filmen, die schon auf anderen Festivals Premiere feierten von der Vielfalt und Lebendigkeit des deutschen Dokumentarfilms. Julia Groteclaes arbeitet in „Hotel Utopia“ an einem Ko-Living-Space in den bulgarischen Bergen mit präzisem Blick Selbstlügen und Machtstrukturen heraus.

Konrad Schlaich porträtierte in „Kindesmutter“ in gleichermaßen intimen wie empathischen Bildern den langwierigen Kampf von Anne und ihrer Tochter Leonie für ein Leben jenseits der Drogenabhängigkeit und mit mehr Verantwortung für das eigene Leben. Jasmine Alakari Abtin in „Free Zone“ begleitete ein Jahr lang einen jungen Anarchisten aus Iran durch sein Leben im Athener Stadteil Exarchia. Aus der Begegnung entwickeln sich neue Perspektiven auf das eigene Tun als Filmemacherin. Für „Free Zone“ gab es erfreulicherweise den Verdi-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Leipziger Festival gerade jetzt einen seiner stärksten Jahrgänge erlebte. Eine Welt in multipler Dauerkrise mit einer Vielfalt von teils akuten und existenziellen Bedrohungen wie Kriegen, Repression und einem Erstarken des Autoritären scheinen erfreulicherweise dokumentarische Einsprüche gegen die Zustände der Welt, aber auch gegen unterkomplexe Wahrnehmungen hervorzurufen.

Es steht zu hoffen, dass auch die deutsche und Leipziger Kulturpolitik diese Lebendigkeit würdigt, statt – wie letztes Jahr geschehen – die Vielfalt der Stimmen zum Anlass zu nehmen, das Festival zur Disposition zu stellen. Diese Gegenwart braucht mehr und nicht weniger Foren für die Sichtbarkeit der Welt.

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