Analyse: Sind Ausländer wirklich krimineller als Deutsche?
Jedes Jahr, wenn das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik veröffentlicht, schaut vor allem die in Teilen rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland ganz genau hin. Wie viele Straftaten gehen auf das Konto von Geflüchteten, von Migranten und von den insgesamt in Deutschland lebenden Ausländern? In 95 Prozent der AfD-Pressemitteilungen geht es um nichtdeutsche Tatverdächtige, während Straftaten mit deutschen Verdächtigen fast völlig ignoriert werden, das zeigen Studien von Medienwissenschaftlern.
Doch das gängige AfD-Narrativ, Nichtdeutsche seien per se viel gewalttätiger, stimmt so nicht. Die Soziologin, Kriminologin und Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen, Susann Prätor, hat sich (gemeinsam mit Kollegen von der Universität Zürich und dem Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen) in einer neuen Analyse die Daten zur Kriminalität in Deutschland ganz genau angeschaut. Und dabei nicht nur das sogenannte Hellfeld, also alle Straftaten, die ans Licht gekommen sind und in der Polizeilichen Kriminalstatistik auftauchen, unter die Lupe genommen, sondern auch das Dunkelfeld: Das sind alle Straftaten, die nicht angezeigt oder entdeckt werden, die deswegen in keiner amtlichen Statistik auftauchen und mittels repräsentativer Befragungen ermittelt werden.
Deutsche Straftäter werden viel seltener angezeigt
Prätor sagt der DW: "Ja, Menschen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, begehen laut Polizeilicher Kriminalstatistik häufiger Straftaten als deutsche Personen. Aber die Dunkelfeld-Studien belegen, dass die Anzeigebereitschaft gegenüber nichtdeutschen Personen mehr als doppelt so hoch ist, diese also mehr angezeigt werden. Im Dunkelfeld sind die Unterschiede zwischen beiden Gruppen auch erkennbar, aber deutlich geringer ausgeprägt."
Bei Straftaten von Ausländern ist es also doppelt so wahrscheinlich wie bei Straftaten von Deutschen, dass sie später in der Polizeilichen Kriminalstatistik auftauchen. Die Statistik erfasst alle Verdachtsfälle und sagt nichts darüber aus, ob sich dieser Verdacht bestätigt.
Bereinigt man die Kriminalstatistik um die Verzerrung bei der Erstattung von Anzeigen, sind Ausländer nicht mehr 2,6mal häufiger vertreten als Deutsche, sondern nur noch 1,7mal höher belastet. Ein Wert, der sich auch mit den Ergebnissen aus Dunkelfeldstudien zur jugendlichen Gewaltkriminalität deckt: Ausländische Jugendliche sind demnach etwa 1,6mal so oft gewalttätig wie Deutsche.
Weitere Gründe für Straftaten sind Alter und Geschlecht - es gibt unter Ausländern mehr junge Männer und die neigen in allen Gesellschaften am stärksten zu Kriminalität. "Jung, männlich, bildungsfern und gewaltaffin sind Kategorien, die eine Gewaltbereitschaft befördern. Auch ein gewisses Männlichkeitskonzept spielt eine Rolle, woher auch immer das kommt. Aber wir sehen keinen kulturellen Faktor, entgegen dem Vorurteil, dass Männlichkeit und Gewalt in anderen Kulturen eine größere Rolle spielen", sagt Prätor.
Sie verweist auf eine Befragung über die Zustimmung zu Gewalt: Fünf Prozent der deutschen Jugendlichen stehen dieser demnach positiv gegenüber. Zehn Prozent sind es bei denen ohne deutschen Pass - das sind zwar doppelt so viele, aber nach Auffassung der Kriminologin nicht ausreichend, um den Faktor Kultur als Erklärungsmuster heranzuziehen. Stattdessen sei ein anderer Faktor ganz entscheidend.
Gewalttaten von Jugendlichen gesunken
"Die familiäre Erziehung spielt für die Herausbildung solcher Gewalteinstellungen eine wichtige Rolle, denn Gewalteinstellungen werden im Elternhaus geprägt. Wenn ich selbst Gewalt im Elternhaus erlebe, dann habe ich ein anderes Verhältnis zu Gewalt, als wenn ich das nicht erlebt habe."
Deutschland sei aber auf einem sehr guten Weg, sagt Prätor, auch wenn sich dies manchmal nicht so anfühle. "Vor 50, 60 Jahren war elterliche Gewalt noch viel normaler in der Erziehung, als das heute der Fall ist. Die Gewalttaten von Jugendlichen sind auch weitaus niedriger als in den 1990er Jahren oder Anfang der 2000er Jahre."

Susann Prätor betont, ihr sei es wichtig, zur Versachlichung der Debatte beizutragen. Sinnbildlich dafür stehe der Blick auf die polizeiliche Registrierung schwerer Gewalttaten wie gefährliche Körperverletzung, Totschlag oder Mord in der Kriminalstatistik. "Von 100 deutschen Personen begehen 0,2 Prozent Gewaltstraftaten, bei nichtdeutschen Personen sind es 0,6 Prozent."
Aber: "Mehr als 99 Prozent der Menschen, die hier in Deutschland leben, sei es deutscher oder nichtdeutscher Herkunft, die überwiegende Mehrheit hierzulande begeht überhaupt keine schweren Gewaltstraftaten."
Deutschland muss mehr für die Prävention tun
Der Appell der Kriminologin, die auch angehende Polizeibeamte ausbildet: Die Politik sollte die positiven Seiten der Migration stärker betonen. Die Debatte um das Thema Zuwanderung sei mit dem starren Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik viel zu negativ geprägt. Der überwiegende Teil der Nichtdeutschen leiste gute Arbeit und integriere sich ganz hervorragend.
Die Regierung müsse mehr Geld in die Prävention stecken, fordert sie: "Indem man bei Kindern und Jugendlichen möglichst früh ansetzt, schon in den Kitas die Sozialkompetenz stärkt, dies auch in der Schule fortführt und reagiert, wenn bestimmt Gewaltvorfälle passieren. Wichtig ist auch, in bestimmten Regionen in die Infrastruktur und in Freizeitaktivitäten zu investieren. Ein zentraler Faktor für Jugendgewalt unabhängig von der Herkunft ist ja, dass Jugendliche keine sinnvolle Tagesstruktur haben."
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