«Haben so ein kaputtes Amerika»: Wahlkampf in der MAGA-Megachurch

Darum gehts
- Die Megachurch Mercy Culture in Fort Worth, Texas, macht Wahlempfehlungen zum Teil des Gottesdiensts.
- Ihr politischer Arm fördert seit 2021 politische Ambitionen ihrer Gläubigen.
- Ihre Kirchgänger verzeihen Kandidaten wie Donald Trump Sünden, solange die Politik zur Bibel passt.
- 56 Prozent der republikanischen Befragten unterstützen christlich-nationalistische Vorstellungen.
Auf einem Riesenscreen laufen aufwendig produzierte Videos. Sobald sie enden, erheben sich die meisten der knapp tausend Anwesenden von den Stühlen, klatschen oder recken beide Arme gen Himmel. Drei Pastoren greifen auf der Bühne das Mikrofon und verkünden begeistert die neuesten Kurse oder Events: 40 Tage Fasten für den Weltfrieden ist das neueste Vorhaben. Die Präsentation erinnert eher an die Vorstellung des neuesten Iphones als an einen Gottesdienst.
«Wenn ein Pastor Menschen gefallen will, kann er Gott nicht gefallen.»
«Wir haben ein so kaputtes, erbärmliches Amerika, weil wir eine so kaputte, erbärmliche Kirche haben», sagt einer der Pastoren auf der Bühne. «Mercy Culture» soll das ändern. Hier wird an diesem Sonntag nicht nur darüber gesprochen, wie ein gutes christliches Leben aussieht. Es geht auch darum, wie gute christliche USA aussehen.
In der einen Hand die Bibel, in der anderen das politische Programm: So entscheidet Chuck, wem er seine Stimme gibt. Sind die beiden mehr oder weniger deckungsgleich, sei der Kandidat für ihn wählbar. Auch wenn dieser selbst nicht immer danach lebe. «Vieles, was Donald Trump sagt, würde ich wahrscheinlich nie sagen. Und vieles, was er vermutlich getan hat, würde ich nie tun», erklärt der 38-Jährige. Gewählt hat er ihn vor zwei Jahren trotzdem. «Hinter seiner Politik kann ich stehen.»
Filme und Bauvorhaben auf Riesenscreens
In der Megachurch Mercy Culture in Fort Worth, Texas, wird Gott gepriesen und Politik gemacht. Ein Mann mit langem Bart im Cowboy-Look führt die Menschen zu ihren Plätzen. Er behält den Überblick, während immer wieder Türen aufgehen, jemand hereinkommt oder kurz hinausgeht. In den halbkreisförmigen Stuhlreihen finden sich viele junge Gesichter, die gebannt nach vorne schauen.
Kirchgänger Chuck (38) findet in dieser Kirche eine Orientierung, die er anderswo vermisst habe. Ihn habe angezogen, dass die Pastoren der Mercy-Culture-Kirche Position bezögen, auch wenn sie damit aneckten. Als Beispiel nennt er Homosexualität. Jesus liebe homosexuelle Menschen genauso wie heterosexuelle, sagt er. Wer aber seine Homosexualität auslebe, sündige aus seiner Sicht trotzdem – genauso wie er selbst, wenn er seine Frau betrüge.
Dass die Führung von «Mercy Culture» solche Überzeugungen offen ausspreche, schätze er. Andere Pastoren fürchteten zu sehr das Urteil ihrer Mitmenschen. «Wenn ein Pastor nur den Menschen gefallen will, kann er Gott nicht gefallen.»
«Kirche kann nicht schweigen, wenn Babys im Mutterleib ermordet werden.»
Pastor Chris Cheema (37) macht keinen Hehl daraus, was er über trans Jugendliche und Abtreibungen denkt. Wenn Politiker «ungeborene Babys im Mutterleib ermorden» wollten, könne die Kirche nicht schweigen. Sie habe sich zu lange zurückgezogen und «einschüchtern» lassen. «Niemand fragt, ob Christen sich in Bildung, Familie, Sport oder Wirtschaft engagieren dürfen. Aber aus irgendeinem Grund gibt es bei der Politik ein Problem.»
Als «Mercy Culture» 2019 entstand, war Chris einer von etwa 40 Menschen, die dafür aus verschiedenen Teilen der USA nach Texas zogen. Zunächst habe man sich im Wohnzimmer der Gründer Landon und Heather Schott getroffen, gebetet und gefragt, «was Gott hier in Texas aufbauen» wolle. Inzwischen gebe es mehrere Standorte in dem Bundesstaat, dazu welche in Kalifornien und bald auch in Washington, D. C. – in direkter Umgebung vom Weissen Haus.
Die USA als christliche Nation
Mitgewachsen ist der politische Einfluss. «For Liberty & Justice», der politische Arm der Kirche, unterstützt Kandidierende mit den passenden, konservativen Überzeugungen. Seit ihrer Gründung 2021 hat die Organisation mehr als hundert Personen auf die nationale politische Bühne verholfen, deren Weltanschauung oft als christlich-nationalistisch bezeichnet wird. «Die USA sind als christliche Nation gegründet worden und sollten entsprechend regiert werden», sagt Pastor Cheema.
Auch Isaac (34) trennt die Wahlentscheidung nicht vom Glauben. «Jesus ist das Zentrum meines Lebens. Er ist alles, wofür ich lebe.» Er habe ihn erlöst und sein Leben wiederhergestellt. Entsprechend richte er sich auch beim Wählen nach den «Wahrheiten, die Gott festgelegt habe», so Isaac, der bereits am Freitag an der Urne gewesen sei.
Auch Matts (49) wichtigste Beziehung sei diejenige zu Jesus. «Jede Entscheidung, die ich treffe, baut darauf auf: zu Hause, in der Familie, bei der Kindererziehung oder in meiner Ehe.» Die Wahlempfehlungen im Gottesdienst stören ihn deshalb nicht. «Wir wollen den Menschen zeigen, was in der Bibel steht, und sie ermutigen, entsprechend zu wählen.»
Dass Politiker mitunter selbst gegen diese Werte verstossen, disqualifiziere sie nicht für ein Amt. Auch nicht bei Ehebruch. «Wenn eine Sünde jemanden für einen Beruf disqualifiziert, dann wäre jeder von uns für jeden Beruf disqualifiziert.»
Senatoren und Affären
Chris argumentiert ähnlich, wenn es um das texanische Senatsrennen zwischen dem Republikaner Ken Paxton und dem Demokraten James Talarico geht. «Mir gefallen unsere Optionen nicht. Dennoch ist die Entscheidung einfach.» Talarico mache zwar seinen christlichen Glauben zum Mittelpunkt seiner Politik. «Für mich zählt aber, was daraus folgt. Seine Haltung zu Abtreibung und trans Menschen widerspricht meiner Auffassung von der Bibel.»
Er wirft dem Demokraten vor, das Christentum umzudeuten – in seinen Augen ist das «viel gefährlicher als jemand, der einfach mit persönlichen Problemen kämpft», sagt er mit Blick auf die ausserehelichen Affären und rechtlichen Probleme Paxtons.
«Wir brauchen eine Reformation in Amerika.»
Auch Donald Trump verkörpere zwar nicht alles, wofür Chris als Christ stehe. Aber das Glaubensbüro im Weissen Haus zeige ihm, dass der Präsident die Kirche wertschätze. Dessen anzügliche Bemerkung über das Hinterteil von Nicki Minaj sei aber unangebracht gewesen. «Niemand ist perfekt», relativiert der 37-Jährige. «Und wir werden keinen perfekten Menschen haben, bis Jesus auf die Erde zurückkommt.»
Ein republikanischer Sieg bei den Midterms alleine reiche nicht. Innerhalb der Kirche erlebe er ein «geistliches Erwachen», welches das ganze Land erfassen und verändern müsse. «Wir brauchen eine Reformation in Amerika. Dinge, die verdreht, sündhaft und böse sind, müssen zurechtgerückt werden.» Die Kirche solle dabei führen und Orientierung geben.
Glaube als politische Macht
In den Augen christlicher Nationalisten sind die USA ausdrücklich eine christliche Nation und sollen auch als solche geführt werden: Das Christentum soll Gesetze und staatliche Institutionen prägen. Diese politische Strömung hat jahrhundertealte Wurzeln. Seit dem Aufstieg der christlichen Rechten vor allem in den 1970er-Jahren gewann sie als organisierte politische Kraft an Einfluss.
Besonders gross ist ihr Rückhalt bei den Republikanern: Laut einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts PRRI unterstützen 56 Prozent der republikanischen Befragten christlich-nationalistische Vorstellungen oder sympathisieren damit. Die Zustimmung hängt auch eng mit positiven Ansichten über US-Präsident Donald Trump zusammen.
Damit bildet die Strömung eine wichtige politische Stütze für Trump. Viele ihrer Anhänger befürworten auch eine harte Einwanderungspolitik. Christlicher Glaube allein bedeutet allerdings keine Zustimmung zu dieser Ideologie: Unter Amerikas Christen gibt es sehr unterschiedliche politische Positionen.
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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