Ein Monat vor Neuwahlen – Was bedeutet das Zugunglück für Spanien?

Bei dem schweren Zugunglück auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Andalusien sind mindestens 64 Menschen ums Leben gekommen. Eine mutmasslich fehlerhafte Freigabe setzte die verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang: Ein Hochgeschwindigkeitszug prallte auf einen stehenden Zug. Das zweite grosse Zugunglück im Land innerhalb eines Jahres ist derzeit das alles dominierende Thema in Spanien, wie der freie Journalist vor Ort erklärt.
Markus Böhnisch
Freier Journalist
Markus Böhnisch studierte Journalistik und Wirtschaftspolitik und arbeitet als freier Journalist.
Wie konnte es zu dem Unglück kommen?
Nach Angaben eines Augenzeugen gab es zunächst einen technischen Stopp, bei dem mehrere Züge auf der Strecke angehalten wurden. Eine Durchsage informierte die Passagiere über eine Überlastung. Nach etwa zehn Minuten fuhr der Renfe-Zug wieder an – und prallte nur fünf Minuten später auf den stehenden Iryo-Zug. Die derzeit wahrscheinlichste Hypothese: Die automatische Bremsung funktionierte zunächst und stoppte beide Züge. Doch dann wurde der Verkehr offenbar manuell wieder freigegeben. Der Iryo-Zug, der vermutlich ein technisches Problem hatte, konnte jedoch nicht weiterfahren. Ein Streckenkontrolleur soll dem Renfe-Zug persönlich die Freigabe zur Weiterfahrt erteilt haben – obwohl die mit Sensoren und Schleifen ausgestatteten Systeme das stehende Hindernis hätten anzeigen müssen. Das sind derzeit aber alles nur Spekulationen.
Wie läuft der Rettungseinsatz?
Die Rettungsarbeiten am Unglücksort laufen (zur Mittagszeit, Anm. d Red.) auf Hochtouren, sind aber noch nicht abgeschlossen. Auf dem Weg zur Unfallstelle, etwa 60 bis 70 Kilometer entfernt, wurde ich von Fahrzeugen der militärischen Notfalleinheit UME überholt – ein Zeichen für die Dimension der Katastrophe. Die Bergung der Körper dauert an. Sehr schnell setzte eine grosse Solidaritätswelle ein. Viele Regionen haben ihre Rettungshelikopter zur Verfügung gestellt, geplante Operationen in Spitälern wurden abgesagt, um Kapazitäten freizumachen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Blut zu spenden. Es ist bereits der zweite schwere Vorfall innerhalb eines Jahres auf dem spanischen Hochgeschwindigkeitsnetz – ein System, auf das das Land lange stolz war.
Das Unglück weckt Erinnerungen an die schwere Zugkatastrophe vom Januar bei Adamuz in Andalusien. Damals entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug und stiess mit einem entgegenkommenden Zug von Renfe zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt.
Zwei Mal innerhalb der Jahresfrist war nun die Strecke Madrid–Andalusien betroffen. Die 1992 zur Weltausstellung eröffnete Verbindung war der Ausgangspunkt für den rasanten Ausbau des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Als der Markt vor einigen Jahren für private Anbieter geöffnet wurde, sanken die Ticketpreise zudem deutlich. «Heute ist das Hochgeschwindigkeitsnetz das Rückgrat der spanischen Infrastruktur», erklärt Markus Böhnisch.
Mit dem Ausbau sei aber auch die Belastung des Netzes gestiegen, sagt Böhnisch. «Dass mehrere Züge am Morgen vor dem jüngsten Unfall angehalten werden mussten, sagt einiges aus und deutet auf eine Überlastung hin.» Nun dürfte auch die Rolle der staatlichen Infrastrukturbetreiberin Adif verstärkt in den Fokus geraten. Die Spanierinnen und Spanier seien lange stolz auf ihr Bahnnetz gewesen. «Dieser Stolz hat nun weit mehr als nur Kratzer abbekommen.»
Welche politischen Folgen hat das Unglück?
Das Zugunglück trifft Spanien nur einen Monat vor den Neuwahlen mit voller Wucht. Fast alle Parteien – mit Ausnahme der rechtsextremen Vox – haben ihre Wahlveranstaltungen für Mittwoch abgesagt. Doch die politischen Vorwürfe werden nicht lange auf sich warten lassen. Im Fokus stehen Fragen zur Wartung und Ausstattung der Infrastruktur. Erschwerend kommt hinzu, dass Spanien seit drei bis vier Jahren ohne aktuellen Haushalt auskommen muss, wodurch zusätzliche Investitionen nicht freigegeben werden können. Eisenbahnergewerkschaften hatten bereits nach dem Unglück im Januar Warnungen von Lokführern über den Zustand der Infrastruktur geäussert. Allgemein war das Thema bisher vor allem bezogen auf Regionalzüge beschränkt. Seit diesem Jahr scheint sich das Problem auch auf das Hochgeschwindigkeitsnetz auszuweiten. Für Ministerpräsident Sánchez dürfte das Unglück eher ein Problem mehr als weniger bedeuten – die Opposition wird das Thema innere Sicherheit und Infrastruktur nutzen.
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