Machtpoker in der Arktis - welche Strategie hat Europa?
Das "Tor zur Arktis" wird Lapplands Hauptstadt Rovaniemi genannt. Die Wälder hier, direkt am nördlichen Polarkreis, leuchten derzeit in herbstlichen Farben. Mitten in diese prächtige Natur hat Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo zum EU-Arktis-Gipfel geladen. Der Tagungsort könnte passender nicht sein: das Arktikum-Museum. Denn bei diesem Treffen von insgesamt zwölf Staats- und Regierungschefs der EU geht es um nichts weniger als um eine neue Strategie Europas für die Arktis.
Mit dem Klimawandel und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist der hohe Norden ins Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit gerückt. "Die Arktis ist zu einer zentralen Arena des Wettbewerbs zwischen Großmächten geworden", sagt Gastgeber Orpo.
Und die Europäische Union will ihren Platz verteidigen. Das macht auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas klar: "Wir sehen, dass Russland die ehemaligen sowjetischen Militärbasen wieder öffnet. Sie führen hier im hohen Norden auch Raketenübungen durch. Wir sehen auch, dass China zunehmendes Interesse an der Region zeigt, daher müssen wir weiterhin wachsam sein."
Neue NATO-Grenze in Finnland
Um Wachsamkeit geht es auch an Finnlands nördlichstem Luftwaffenstützpunkt auf dem örtlichen Flughafen. Während die Staats- und Regierungschefs in den strahlend blauen Himmel hochblicken, steigen Jets der finnischen Luftwaffe zur Flugshow auf. Von Rovaniemi aus überwacht Finnland den Luftraum an Europas arktischer Grenze zu Russland. Und auch für den Gipfel hat Finnlands Ministerpräsident Orpo das Thema Sicherheit in den Mittelpunkt der Beratungen gerückt.
"Die Arktis ist zu einem geopolitischen Hotspot geworden", sagt Bundeskanzler Friedrich Merz. Ihm ist der Besuch am Polarkreis besonders wichtig - er ist angereist, obwohl er zu Hause in Deutschland unter enormem innenpolitischen Druck steht. "Russland baut hier seine militärischen Fähigkeiten aus, und Russland nutzt seine Präsenz jeden Tag für hybride Aktivitäten."
Konfrontation statt Kooperation in der Arktis
Lange hätten die westlichen Staaten in der Arktis auf eine Zusammenarbeit mit Russland bei Forschung und Klimaschutz gesetzt, obwohl das Land seit der Ära von Wladimir Putin seine militärischen Kapazitäten auch in der Arktis ausgebaut habe, sagt Timo Koivurova vom Arctic Centre der Universität Lappland.
Doch das ist seit Russlands Angriff auf die Ukraine vorbei. Finnland und Schweden sind als unmittelbare Folge des Krieges der NATO beigetreten. Und damit ist Finnlands mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland nicht nur EU-Außengrenze, sondern jetzt auch NATO-Grenze.
Die EU-Kommission hat sich vorgenommen, noch in diesem Oktober ihre Arktis-Strategie von 2021 zu erneuern. Der Arktis-Gipfel formuliert im gemeinsamen Abschluss-Statement dafür klare Empfehlungen. Die zwölf anwesenden EU-Mitgliedstaaten fordern Investitionen in die militärische Mobilität, grenzüberschreitende Vernetzung und die notwendige Infrastruktur - etwa Transportverbindungen, digitale Vernetzung und Satellitentechnologie.
Die EU kämpft um die Arktis
"Im Moment konzentriert sich Russland auf die Ukraine, und dieser Krieg bindet seine militärischen Kapazitäten", sagt Timo Koivurova. "Ich glaube nicht, dass derzeit irgendein Experte sagen würde, Russland sei so etwas wie eine arktische Militärmacht. Aber wenn dieser Krieg vorbei ist, und eines Tages wird er vorbei sein, wird es vermutlich viele Investitionen Russlands geben, sehr wahrscheinlich auch in die nördlichen Regionen, weil sie für seine allgemeine Sicherheit so wichtig sind."
Trumps Begehrlichkeiten gegenüber Grönland
Ein zusätzlicher Stressfaktor in der Arktis seien die Spannungen zwischen den westlichen Partnern der Arktis, so Koivurova. Trumps Vorschläge, Kanada als 51. Bundesstaat der USA aufzunehmen oder Grönland zu erwerben, stellten erhebliche Belastungen für die Zusammenarbeit zwischen den westlichen Arktisstaaten dar.

"Die Arktis zerfällt in drei Teile", erklärt der langjährige Arktis-Beobachter Markku Heikkilä. Auf der einen Seite stehe Russland, auf der anderen eine Gruppe gleichgesinnter Staaten, darunter die EU-Länder, Norwegen, Island und Kanada. Diese Länder würden weiterhin für eine regelbasierte internationale Ordnung, Klimaschutz und die Rechte indigener Völker eintreten. Aber: "Man hört zu diesen Themen nichts mehr von der offiziellen US-Regierung", sagt Heikkilä. "Und das schafft eine weitere Teilung innerhalb der Arktis."
Der Klimawandel verändert alles in der Arktis
Zugleich verändert der Klimawandel die Arktis stärker als jede andere Region der Welt. Der zentrale Arktische Ozean könnte bis 2040 oder 2050 weitgehend eisfrei werden. Damit erlangt die Arktis eine vollkommen neue Bedeutung: "Es eröffnen sich neue Schifffahrtsrouten und die Entfernungen zwischen den wichtigsten Handelszentren werden deutlich kürzer mit neuen wirtschaftlichen und geopolitischen Möglichkeiten", sagt Koivurova.
Doch die USA gehen auch bei der Klimapolitik einen anderen Weg als die übrigen westlichen Arktis-Staaten: "Der Klimawandel schreitet in der Arktis viermal so schnell voran wie im globalen Durchschnitt. Deshalb steht alles, was wir heutzutage in der Arktis tun, in irgendeiner Weise mit dem Klimawandel in Zusammenhang", so Koivurova. "Und [US-Präsident] Donald Trump sagt, dass das kein Thema ist."

Lapplands Hauptstadt Rovaniemi ist ebenfalls weltweit bekannt als Heimat des Weihnachtsmanns. Nicht weit vom Arktikum-Museum, in dem die Staats- und Regierungschefs getagt haben, liegt das "Santa Claus Village". Es ist das ganze Jahr über geöffnet, ebenso das offizielle Postamt des Weihnachtsmanns - auch ihn selbst kann man zum Gespräch treffen. Doch selbst er dürfte Schwierigkeiten haben, die Wunschliste der Gipfelteilnehmenden noch in diesem Jahr zu erfüllen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.