Klimaforscher und Bergfotograf reagieren auf virales Matterhorn-Foto

«Nein, das ist kein Berg in irgendeiner Wüste»
Klimaforscher und Bergfotograf reagieren auf virales Matterhorn-Foto
Ein schockierendes Bild des Matterhorns zeigt den Gipfel auf der Südseite ohne Schnee. Blick hat Klimaforscher Reto Knutti und Fotograf Robert Bösch gefragt, was die Aufnahme bei ihnen auslöst.
Publiziert: 15:12 Uhr
Aktualisiert: vor 19 Minuten
- Matterhorn schneefrei: Webcam-Foto von Anfang Woche geht viral
- Sommer 2026 war das trockenste Halbjahr in der Schweiz seit Messbeginn, laut Reto Knutti fast 5 Grad wärmer
- Webcam-Bild erreichte 3,3 Millionen Aufrufe bis Mittwochnachmittag
Marian NadlerRedaktor News
Der heisse und trockene Sommer sorgt am Matterhorn für einen auffälligen Schneemangel. Ein Webcam-Foto des nackten Gipfels ging Anfang Woche auf der Plattform X viral und sammelte bis Mittwochnachmittag 3,3 Millionen Aufrufe. Zu dem Foto, das die Südseite des Gipfels aus italienischer Richtung aufgenommen zeigt, schreibt ein Nutzer: «Nein, das ist kein Berg in irgendeiner Wüste. Das ist das Matterhorn am 27. September 2026.» Einige Kommentarschreiber zeigen sich ebenfalls deprimiert über die Situation am 4478 Meter hohen Berg. «Wie können wir unseren Planeten nur so schlecht behandeln», liest man etwa. «Das ist mehr als dramatisch. Ich hoffe, wir können die Gletscher noch irgendwie retten», schreibt ein weiterer Nutzer. Andere behaupten, die Südseite des Matterhorns habe zum Ende des Sommers schon immer eher steiniger ausgesehen.
«Das Bild ist leider kein Fake, sondern das Ergebnis eines extremen Jahres in den Alpen. Wir haben dort einen Sommer hinter uns, der alles in den Schatten stellt», widerspricht der deutsche Meteorologe Dominik Jung im Gespräch mit «Bild». Der Klimatologe Reto Knutti von der ETH Zürich äussert sich auf Blick-Anfrage ähnlich. «Das Sommerhalbjahr 2026 war das trockenste seit Messbeginn, fast fünf Grad heisser als um 1900.» Knuttis Aussage stützen Daten des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie (Meteo Schweiz). Demnach war es in den vergangenen 160 Jahren – betrachtet man die gesamte Schweiz – von April bis September 2026 noch nie so warm und trocken.
«Viele Gletscher sind einfach verschwunden»
Knutti verdeutlicht: «Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt und am Matterhorn sieht man die Folgen ohne Messgerät.» Diesen Sommer warnten die Zermatter Bergführer vor Touren am Matterhorn. Ohne schützende Schneedecke kann das Eis in den Felsspalten schmelzen. Das lockert das Gestein, macht es brüchiger und erhöht das Risiko für Felsstürze. Knutti sagt: «Die Modelle haben diese Entwicklungen vorausgesagt. Ich bin in den Bergen aufgewachsen, und deshalb macht mich dieses Bild besonders traurig.»
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Auch den Fotografen Robert Bösch, der einen Bildband über das Matterhorn veröffentlicht hat, bedrückt die Aufnahme. «So wie das Matterhorn sinnbildlich für den Begriff ‹Berg› steht, steht dieses Bild von der Südseite des Matterhorns sinnbildlich für das Abschmelzen der Gletscher und des Ewigen Schnees in den Bergen.» Der langjährige Rückzug der Gletscher habe das bekannte Bild unserer Berge zunehmend verändert, schreibt er Blick auf Anfrage. «Und nach diesem sehr warmen und trockenen Sommer hat sich diese Veränderung dramatisch dokumentiert.» Böschs traurige Bilanz: «Man erkennt manchmal die sommerlichen Berge kaum wieder – viele Gletscher und Firnfelder, die die Gestalt der Berge geprägt haben, sind einfach verschwunden.»
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