Europas Jugend protestiert – warum bleibts in der Schweiz ruhig?

- Eine breite Protestwelle der Jugend bleibt in der Schweiz laut Politikwissenschaftler Marko Kovic aus.
- Gründe sind die schwache Streikkultur der Gewerkschaften und die direkte Demokratie als Ventil.
- Einzelne Krawalle in der Westschweiz hält Kovic für möglich, weil sich junge Männer von der Situation in Frankreich inspirieren lassen könnten.
In Frankreich gehen Hunderttausende auf die Strasse. Viele demonstrieren friedlich, doch in mehreren Städten eskaliert die Lage. Es wird geplündert, Feuer werden gelegt, Demonstrierende und Polizei geraten aneinander. Inzwischen hätten die Ausgangssperren die Lage beruhigt, sagt Premierminister Sébastien Lecornu. Doch die nächsten Proteste sind bereits angekündigt: Für Samstag mobilisiert auch die Gelbwestenbewegung wieder.
Begonnen hat die Protestwelle mit Jugendlichen, die bessere Bedingungen an ihren Schulen fordern. Sie blockieren Eingänge, demonstrieren gegen fehlende Lehrpersonen, überfüllte Klassen und marode Gebäude. Aus dem Ärger über den Schulalltag ist eine breitere Bewegung geworden. Gewerkschaften und weitere Unzufriedene schliessen sich an. Es geht um hohe Lebenshaltungskosten, um Löhne, die nicht reichen, und um die Frage, wo der Staat spart – und bei wem.
«Protestkultur ist in der Schweiz weniger ausgeprägt»
Und Frankreich ist nicht allein. Auch in Belgien blockieren Jugendliche Schuleingänge, um gegen Sparmassnahmen im Bildungswesen zu protestieren. In Albaniens Hauptstadt Tirana brennen ein Regierungsgebäude und zwei Banken. Junge Menschen protestieren gegen steigende Bildungskosten, Korruption und ein umstrittenes Luxusresort an der Küste. In Spanien und Portugal errichten Menschen Protestcamps, weil sie sich das Wohnen nicht mehr leisten können.
Und in der Schweiz? Hier bleibt es ruhig. Warum?
«Die Protestkultur ist in der Schweiz im Vergleich zu vielen anderen Ländern deutlich weniger ausgeprägt», sagt Marko Kovic, Politikwissenschaftler mit Fokus auf gesellschaftlichen Wandel. Dafür sieht er vor allem zwei zentrale Gründe.
«Direkte Demokratie wirkt als Ventil»
Erstens hätten die Gewerkschaften Streiks als Druckmittel de facto aufgegeben. Stattdessen setzten sie auf Sozialpartnerschaft und die Friedenspflicht im Rahmen von Gesamtarbeitsverträgen. Das habe die Schweizer Protestkultur historisch geprägt: «Man geht weniger auf Fundamentalopposition und versucht stattdessen stärker, laufend kleinere Kompromisse zu finden.»
Zweitens wirke die direkte Demokratie als Ventil. Über Initiativen und Referenden könne die Bevölkerung direkt mitwirken – auf Bundes-, Kantons- und lokaler Ebene. Die Wut darüber, dass die politische Elite nur für sich selbst schaue und die Bevölkerung im Stich lasse, sei deswegen hier weniger ausgeprägt. «Politik ist bei uns sehr unmittelbar.»
«Junge Männer in der Westschweiz könnten sich inspirieren lassen»
Kovic denke deshalb nicht, dass es in der Schweiz grossflächige Proteste geben werde. Auch weil wir die Probleme, die andere Länder haben, hier nicht hätten. «In Frankreich gibt es wirklich erhebliche Probleme im Bildungssystem, viele öffentliche Schulen sind in einem schlechten Zustand.» Sollte es in der Schweiz zu Protesten kommen, dann eher aus Gründen der Ästhetik. Weil sie einem das Gefühl geben würden, sich gegen das System aufzulehnen, und gleichzeitig gute Bilder lieferten.
Anfällig dafür sei vor allem die Westschweiz, so Kovic. «In Frankreich wurde legitimer Protest zum Bildungssystem und zu den Lebenshaltungskosten von Trittbrettfahrern gekapert, die Freude an Zerstörung, Plünderung und Chaos haben. Denkbar ist, dass sich einzelne junge Männer aus einem ähnlichen sozialen Milieu in der Westschweiz davon inspirieren lassen und ebenfalls Krawall veranstalten.» Das habe auch kulturelle Hintergründe. Durch die gemeinsame Sprache seien die Romands Frankreich oft näher als der Deutschschweiz, auch in politischen Debatten und Stimmungen.
Was würdest du tun, wenn dich ein politisches oder gesellschaftliches Thema in der Schweiz richtig ärgern würde?
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
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