Polen zeigt nach russischem Drohnenangriff Entschlossenheit
Russlands Krieg gegen die Ukraine rückt immer näher an die polnische Grenze. Nach einem russischen Drohnenangriff, bei dem in der Nacht zum Sonntag (13.09.2026) eine Tankstelle und die Lokomotive eines Passagierzuges in der Nähe des polnisch-ukrainischen Grenzübergangs Dorohusk-Jahodyn zerstört wurden, zeigt die Regierung Polens angesichts der akuten Bedrohung Entschlossenheit.
"Die Grenzübergänge in Polen, wie bereits früher in Moldau und Rumänien, werden angegriffen, um die Menschen zu entmutigen und die Staaten von der Unterstützung für die Ukraine abzubringen", sagte der polnische Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz dem privaten Fernsehsender TVN am Montag. "Die Hilfe für die Ukraine gehört zur polnischen Staatsräson", betonte der Politiker der Koalitionspartei PSL. Die Ukraine könne diesen Krieg nicht verlieren, weil sich dann Polens Lage verschlechtern würde, so Kosiniak-Kamysz.
Zuvor hatte sich Regierungschef Donald Tusk mit denjenigen Ministern beraten, die für die Sicherheit des Landes verantwortlich sind. An dem Treffen nahmen auch hohe Militärs teil. "Wir haben über weitere Maßnahmen zur Stärkung der Sicherheit unserer Grenzen gesprochen", informierte Tusk auf der Social Media-Plattform X.
Außenminister Radoslaw Sikorski wurde nach dem Treffen noch deutlicher. "Auf die russische Eskalation, wie der Beschuss des Zuges in der Ukraine nahe der polnischen Grenze, wird Polen eine nicht provokative, aber ernste Antwort haben, die die Sicherheit stärkt", sagte der polnische Chefdiplomat am Montagabend auf TVN.
Von der "Eskalation der Aktivitäten" seitens Russlands hatte Tusk bereits am Sonntag gesprochen. Der Premier kündigte zudem an, den Vorfall mit den europäischen Verbündeten zu besprechen. "Es besteht kein Zweifel, dass wir, falls nötig, gemeinsam mit ihnen auf eine koordinierte Antwort vorbereitet sein müssen", sagte Tusk nach einer Sondersitzung des Sicherheitszentrums der Regierung.
Drohnenangriff auf den Passagierzug Kiew-Warschau
Russland hat am Sonntagmorgen kurz vor der polnischen Grenze einen Passagierzug auf der Linie Kyjiw-Warschau mit Drohnen angegriffen und die Lokomotive zerstört. Alle Passagiere sowie die Besatzung konnten rechtzeitig evakuiert werden.
Fast zeitgleich befanden sich in der Nähe zwei Sonderzüge, die die hochkarätigen Teilnehmer einer Sicherheitskonferenz in Kyjiw in Richtung Westen brachten. Darin saßen unter anderem der schwedische Ex-Premier Carl Bildt, Großbritanniens Ex-Premier Boris Johnson, die ehemalige finnische Premierministerin Sanna Marin, der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwasniewski und Günter Sautter, der außen- und sicherheitspolitische Berater von Kanzler Friedrich Merz.

Auch die polnische Politologin Katarzyna Piskorska war dabei. "Unser Zug wurde vorher aufgehalten und die Fahrgäste evakuiert. Die Spannung war groß, trotzdem blieben alle ruhig. Wir bekamen einen Evakuierungsplan und wussten was zu tun ist", erläuterte Piskorska auf TVN, die seit Jahren das Warsaw Security Forum in der polnischen Hauptstadt organisiert. "Die Russen wollten uns einschüchtern, haben aber das Gegenteil erreicht - die Teilnehmer dieses Zwischenfalls wollen das angegriffene Land noch stärker unterstützen", versicherte die Politologin.
Laut Piskorska sei die Stimmung in der Ukraine "so schlecht wie noch nie seit Kriegsanfang". Sie verwies auf die neue Generation von Drohnen, die mit Düsenmotoren ausgestattet sind und viel schneller die Ziele erreichen.
Akzeptanz für die Ukraine in Polen sinkt
Trotz zahlreicher Sabotageakte, hinter denen russische Agenten vermutet werden, sowie Vorfällen mit russischen Raketen und Drohnen hält die polnische Regierung konsequent an der Unterstützung der Ukraine fest. Außenminister Sikorski rief sogar dazu auf, die Unterstützung für das Nachbarland nun zu verdoppeln - zum Selbstschutz.

Die Regierung in Warschau muss aber auch die veränderte Stimmung in der polnischen Gesellschaft berücksichtigen. Mitte Juli befürworteten eine weitere Militärhilfe für Kiew 52 Prozent der Befragten, 45 Prozent waren dagegen. Nach dem Kriegsausbruch 2022 betrugen die Zahlen 77,5 bzw. 18,3 Prozent.
"Russland hat den Propagandakrieg in Polen gewonnen", sagt Piskorska. "Es ist absurd, dass wir auf der Seite des Aggressors stehen und behaupten, dass das nicht unser Krieg sei", so die Politologin weiter. Sie appelliert an ihre Landsleute: "Wacht endlich auf". Auch Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz zeigt sich besorgt über den "radikalen Stimmungsumschwung". "Früher herrschte in dieser Frage Konsens, heute sehen wir große Skepsis gegenüber der Ukraine", gibt er zu. "Es gibt in Polen Kräfte, die die russische Propaganda verbreiten", warnt der Minister.
Die Presse schlägt Alarm: "Putin ist bereit, Polen zu töten"
Auch die polnischen Medien schlagen Alarm. "Putin sendet ein Signal, dass er bereit ist, unsere Staatsbürger zu töten", schreibt Bartosz Wielinski am Dienstag in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Der Kreml habe das Signal gesendet, dass Polen als "nächstes Land dran ist". "Das sind keine Brandstiftungen oder Cyberangriffe mehr. Das sind Handlungen an der Schwelle zum Krieg", warnte Wielinski.
"Putin klopft an die NATO-Tür", meint die Tageszeitung Rzeczpospolita. "Der Angriff auf die Eisenbahnlinie Warschau-Kiew war nicht nur eine weitere russische Provokation. Es ist ein Versuch, Polen und den Westen einzuschüchtern. Die Antwort der polnischen Politik wird zeigen, ob sie der Verantwortung für die Sicherheit des Landes gerecht werden kann", schreibt Chefredakteur Michal Szuldrzynski.
Die Vorfälle mit russischen Drohnen sind in Polen inzwischen fast zum Alltag geworden. Am Montag (14.09.2026) wurde an einem Strand in der Nähe von Jaroslawiec an der Ostsee eine Drohne angespült. Aus ersten Untersuchungen geht hervor, dass es sich um ein unbewaffnetes Flugobjekt handelt, die eher Aufklärungs- als Kampfcharakter hatte.
"Wir wissen nicht, wo aus Sicht Russlands die Grenze der Eskalationsspirale liegt. Wir wissen aber, dass die Russen bereit sind, noch weiterzugehen", warnt Verteidigungsminister und Vize-Premier Kosiniak-Kamysz.
Russlands Jet-Drohnen setzen Kyjiw massiv unter Druck
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