Putins Sbornaja auf dem WM-Eis: Diese Demütigung darf sich Deutschland niemals erlauben

Ein Kommentar von Tobias Nordmann
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03.11.2026 | 17:55 Uhr
Deutschland richtet, Stand jetzt, im kommenden Jahr die Eishockey-WM aus. Doch ein dunkler Schatten legt sich über das Turnier. Die russische Sbornaja kehrt zurück. Eine deutsche Bühne für Putins Propaganda-Steckenpferd wäre eine Demütigung.
Wladimir Putin mag sein Glück in diesen Tagen kaum fassen. In vier Jahren darf Russland die WM der Gewichtheber ausrichten. Diese noch ferne Entscheidung krachte wenige Tage nach einer für Putin viel wertvolleren Nachricht in die Sportwelt: Die Sbornaja, Russlands legendäre und sportlich ewig gefürchtete Eishockey-Nationalmannschaft, ist wieder spielberechtigt. Sie darf im kommenden Jahr an der Weltmeisterschaft teilnehmen. In Deutschland. Was für ein Propaganda-Coup für Russland!
Wenn es denn so kommt. Die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS hallt nach. Einfach so will Deutschland die Rückkehr Russlands nicht hinnehmen. Im Raum steht die Rückgabe der WM, die emotional mit allen NHL-Stars um Leon Draisaitl eine riesige Chance für den Sport ist. Dieser Schritt wäre eine gigantische Eskalation. Aber eine mit großem Rückgrat. "Ich möchte keine Schwarzmalerei betreiben. Ich möchte auch nicht die WM infrage stellen. Aber natürlich müssen wir uns als DEB auch mit der Option befassen, dass wir diese Weltmeisterschaft zurückgeben", hatte der DEB-Vorstandsvorsitzende Frank Lutz am Wochenende bei MagentaSport zu den möglichen Folgen des überraschenden CAS-Urteils gesagt.
Russland setzt seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fort. Aus diesem Grund wurde der Sport des Landes von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Nichts hat sich an der Kriegssituation geändert und trotzdem dürfen immer mehr Sportler und Nationalmannschaften wieder mitmischen. Das IOC hat so entschieden und damit die Sanktionspolitik entwertet. Die Organisation hat sich im Sommer "strikte politische Neutralität" verordnet, die Sanktionen gegen Russlands Olympiakomitee aufgehoben und alle Empfehlungen an die Weltverbände mit dazu. Ein Schritt mit Kalkül um die Empörung bis zu den Olympischen Sommerspielen 2028 abzukochen? Denkbar. Verrückt.
Schwer auszuhaltende Bilder drohen
Die Eishockey-WM im kommenden Jahr hat auf dem Weg Russlands zurück in den Weltsport gleich mehrere ganz besondere Noten. Die Sbornaja ist gespickt mit internationalen Superstars und diese spielen zu großen Teilen in der NHL, sie spielen jede Woche auf Weltniveau. Die Mannschaft wäre trotz der Abstinenz seit 2022 unmittelbar ein Titelkandidat. Auf deutschem Eis. Auf dem Eis eines der engsten Verbündeten der Ukraine im Kampf gegen den russischen Aggressor. Die politische Linie der Bundesrepublik würde konterkariert. Bilder von reüssierenden russischen Cracks, wilde Propaganda und Wortmeldungen aus dem Kreml, das wäre schwer auszuhalten und als Partner der Ukraine nur schwer zu vermitteln. Vielleicht nicht für die AfD, vielleicht nicht für das BSW, sonst aber schon.
Für die geplante WM bedeutet das Startrecht Russlands noch eine organisatorische Herausforderung mit besonders heikler Note: Eine Möglichkeit wäre, das Feld von 16 auf 17 zu erhöhen. Dann gäbe es in einer der beiden Vorrundengruppen mehr Spiele. Die andere Variante hieße: Ein Aufsteiger müsste für Russland weichen - das wäre dann ausgerechnet die Ukraine. Welch ein unvorstellbarer Affront. Welch ein zweiter Coup für Putin. Bei der U18-WM hat der Weltverband übrigens so gehandelt, als Belarus wieder aufgenommen wurde und der Aufsteiger Schweiz zweitklassig blieb.
Bundesregierung sieht Entscheidung "kritisch"
Deutschland bleiben noch zwei Auswege, um sich die große Demütigung zu ersparen. Die Regierung könnte die Einreisevisa mit Verweis auf die Sanktionen gegen Russland verweigern. Das tat sie aber in anderen Sportarten bislang nicht: Bei der WM der Rhythmischen Sportgymnastik - für Putin von deutlich geringerer Wertigkeit als die Eishockey-WM - waren ebenso russische Athletinnen am Start wie bei der Junioren-EM im Schwimmen in München oder dem Para-Ski-Weltcup.
Als erste Reaktion teilte ein Sprecher der Bundesregierung mit, dass man die CAS-Entscheidung "sehr kritisch" sieht. "Über mögliche Folgen des Urteils, auch auf die Eishockey-WM 2027 in Deutschland, wird sich die Bundesregierung zeitnah mit dem Deutschen Eishockey-Bund austauschen." Mit dem CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen und Anton Hofreitner gibt es erste prominente Stimmen aus Berlin, die ihre Erwartungen an die Regierung klar formuliert haben. Es könne "keine Visaerteilung nach Deutschland für russische Sportler und Sportfunktionäre geben", sagte Röttgen dem "Stern".
Aber: Eine gegenläufige Position zum IOC hätte womöglich weitere Konsequenzen: Die deutschen Aussichten auf die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 drastisch sinken. Dass die Regierung dieses Risiko eingeht, ist unwahrscheinlich.
So lautet die vielleicht letzte Hoffnung auf Finnlands vehementem Boykottaufruf und der Abkehr großer Sponsoren. Der Weltmeister will "mit allen möglichen Mitteln verhindern", dass Russland zurückkehrt, solange der Krieg noch tobt. Und mit Norwegen, Schweden, Dänemark und Lettland gibt es bereits mehrere Verbündete, auch Tschechiens Verbandspräsident befürwortete einen Boykott. "Wir sammeln so viele Länder wie möglich für eine gemeinsame Front, um der IIHF zu signalisieren, dass keiner von uns unter diesen Umständen gegen Russland spielen wird", sagte der Präsident des finnischen Eishockey-Verbandes, Heikki Hietanen. "Unsere Linie lautet: Wir spielen nicht gegen Russland."
Der norwegische Verband begründete den Boykott von Begegnungen mit Russland mit "erheblichen Sicherheitsrisiken" für Spieler und Betreuer. In Lettland verbietet es gar ein Gesetz, gegen russische Mannschaften anzutreten.
Erste Sponsoren springen ab
Der immense Druck auf den Weltverband mit seinem neuen deutschen Präsidenten Franz Reindl wurde auch von anderer Seite erhöht: Der schwedische Büromöbelhersteller AJ, seit 1989 einer der größten Sponsoren der WM und zuletzt mit seinem Schriftzug auf den Schiedsrichtertrikots präsent, zog sich als erster Geldgeber zurück. "Im Geschäftsleben gibt es viele schwierige Entscheidungen", sagte der CEO David Bry: "Aber das war keine. Dies ist ein Protest gegen Russland." Auch der tschechische Wettanbieter Tipsport, ebenfalls IIHF-Partner, kündigte an, nicht bei russischen Spielen zu werben. Der WM-Hauptsponsor kommt auch aus Tschechien - die VW-Tochter Skoda.
Viel Unruhe. Vieles unklar. Aber eines ist unverhandelbar: Die Sbornaja bei der Eishockey-WM, diese Demütigung darf sich Deutschland niemals geben.
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