Von Tierliebe zum Affenhass: Wenn Kapstadts Paviane die Reichen zum Affen machen

Weil Paviane Probleme mit dem Recht auf Eigentum haben, diskutiert das südafrikanische Kapstadt jetzt über einen teuren Plan für ein Affenmanagement.
Foto: Karl-Josef Hildebrand/dpa
E in Wort reicht aus, um in Kapstadt starke Gefühle hervorzurufen: Pavian. Dann werden die Augen des Gegenübers feucht oder – viel öfter – ziehen sich wütend zusammen.
Denn dass sich die einst bedrohte Population der Bärenpaviane (Papio ursinus) auf der Kaphalbinsel wieder erholt hat, ja prächtig gedeiht, freut nicht alle Capetonians. Wenn so ein großer Primat auf der Küchenanrichte sitzt, mit den Fingern in einer Chipstüte oder im Erdnussbutterglas, endet die ansonsten gepflegte Gastfreundschaft. Und wenn so ein haariger Verwandter die Autotür aufreißt, um sich das Sandwich und die Banane auf dem Beifahrersitz (links!) zu stibitzen, ist es vorbei mit der Tierliebe.
Kürzlich eskalierte der Affenhass, als der stadtbekannte Pavian Fluffy mehrfach mit Schrotkugeln beschossen und an der Wirbelsäule sowie den inneren Organen verletzt wurde. Videos zeigten, wie das Alpha-Männchen des Paviantrupps CT2 mühsam seine Hinterbeine nachzog. Fluffy musste eingeschläfert werden, er ist das jüngste Opfer eines alten Konflikts.
Paviane und Menschen leben schon seit 600.000 Jahren zusammen an der Südspitze des afrikanischen Kontinents, darauf deuten archäologische Funde hin. 1652 allerdings wurde Kapstadt, die „mother city“, zur ersten europäischen Siedlung in Südafrika, zunächst einfach als Zwischenstation für Schiffe auf der Route zwischen Europa und Asien.
Früher wurde auf Paviane ein Kopfgeld ausgesetzt
Zur Versorgung der ausgehungerten Seeleute legte man Gemüse- und Obstgärten an. Weil die Paviane aber schon damals Probleme mit dem Recht auf Eigentum hatten und regelmäßig die Beete plünderten, fingen und töteten die Siedler die Tiere zu Tausenden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde für tote Paviane ein Kopfgeld bezahlt, in manchen Provinzen Südafrikas gibt es bis heute keine Abschussbegrenzung.
In Kapstadt aber wurden die Tiere Ende der neunziger Jahre unter Schutz gestellt, die Population wuchs von etwa 360 Tschakma-Pavianen in 10 Trupps im Jahr 2000 auf mehr als 600 Tiere in 17 Trupps an. Gleichzeitig entstanden auf den tiefer gelegenen Flächen der Kaphalbinsel, auf denen die Affen natürlicherweise nach Fressen suchen, mehr und mehr vornehme Häuser.
Durch die neuen Küchen, Gärten und mit hochwertigen Resten gefüllten Mülltonnen erweiterte sich aus Paviansicht schlicht die Speisekarte. So argumentieren die Tierfreund:innen auf der Halbinsel. Weg mit den Viechern, fordern andere Anwohnende.
So ist aus den Konflikten Affe – Mensch und Affe – Wachhund mittlerweile auch ein handfester Mensch-Mensch-Konflikt erwachsen. Und Kapstadts Verwaltung hat sich lange nicht darum gekümmert. Der Cape Peninsula Baboon Management Action Plan soll nun, vor den südafrikanischen Kommunalwahlen am 4. November, Frieden schaffen. Zäune sollen installiert, 44 Tiere aus dem Waterfall- sowie 16 aus dem Seaforth-Trupp sollen in ein umzäuntes Gehege umgesiedelt werden. Bei starker Vermehrung sieht der Plan auch „tierschutzgerechte Tötungen“ vor. Eine von der Stadt unterstützte „Beratungsgruppe für Pavianfragen“ soll in Zukunft für den Interessenausgleich sorgen.
Der neue Pavianplan ist teuer
Wissenschaftler:innen sehen den Plan kritisch, der Tierschützer Chad Cupido sagt: „Wenn man in einem Gebiet lebt, in dem es Wildtiere gibt, dann muss man mit diesen Wildtieren zusammenleben.“
Der Pavianplan der liberalen Stadtregierung ist zudem teuer. 33 Millionen südafrikanische Rand, also etwa 1,8 Millionen Euro, werden über einen Zeitraum von drei Jahren für das Affenmanagement bereitgestellt, die tatsächlichen Kosten könnten weitaus höher liegen.
Wieder so viel Steuergeld für die Viertel mit Meerblick auf der Halbinsel? Ärmere und arme Capetonians verdrehen die Augen, wenn sie das Wort Pavian hören: Sollen die Reichen doch einfach das Fenster zumachen – und ein Schloss an ihre Mülltonne hängen.
Redakteur im Politik-Team der wochentaz, derzeit auf Recherche in Südafrika. Schreibt öfter mal zu Themen queer durch die Kirchenbank und ist ab und an im Radio zu hören. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Studium der Theologie, Religions- und Kulturwissenschaft.
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