Emojis als Geheimsprache – Auch harmlose Emojis können Hass verbreiten

Ein Milchglas-Emoji: meistens harmlos. In gewissen rechtsextremen Kreisen steht es jedoch für «weisse Überlegenheit». Oder die 88: eine nüchterne Zahl. In bestimmten Szenen gilt sie als Code für «Heil Hitler». Solche Codes oder Symbole nennt man «Dog Whistles». Wie eine Hundepfeife senden sie Signale aus, die die meisten Menschen nicht hören. Für Eingeweihte jedoch ist ihre Botschaft klar.
Hier eine Auswahl an Emojis, die im «Hate Speech Decoder» enthalten sind – und je nach Kontext extremistisch, gewaltverherrlichend oder diskriminierend sein können.
- Kiwi 🥝: Kann ein Symbol für Transfeindlichkeit sein, aufgrund der Zweigeschlechtlichkeit von Kiwis.
- Zombie 🧟: Kann als Symbol für vermeintliche Bedrohung durch Geflüchtete genutzt werden.
- Mann hebt Hand 🙋♂️: Wird auch als Symbol für den Hitlergruss genutzt.
- Schwarzes, weisses, rotes Herz 🖤🤍❤️: Gilt in bestimmten Kontexten als Darstellung der Reichsflagge.
- Okay-Zeichen👌: Steht in manchen Gruppen für «White Power», wobei die Finger die Buchstaben W und P nachbilden sollen.
- Safttüte🧃: Das englische Wort «Juice» (Saft) klingt phonetisch fast genauso wie «Jews» (Juden). Wird mitunter genutzt, um Hassrede gegen jüdische Menschen zu verschleiern.
Quelle: «Hate Speech Decoder»
Solche Codes, die oft im digitalen Raum benutzt werden, sammelt und erklärt der «Hate Speech Decoder» der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA). Rund 170 Einträge umfasst das Online-Nachschlagewerk derzeit: Zahlencodes, Emojis, Sprüche, Symbole, Flaggen und Logos, die in extremistischen oder diskriminierenden Zusammenhängen verwendet werden können.
Hilfe in polarisierten Debatten?
«Der Decoder soll als Datenbasis dienen in einer Zeit, in der es viele polarisierte Gesprächsthemen gibt», sagt Philip Bessermann, Geschäftsleiter der Stiftung. Ob Hass und Diskriminierung im Netz tatsächlich zunehmen, sei schwer zu beziffern. Die kritische Masse sei aber längst erreicht, um so ein Tool zu rechtfertigen.
Ähnliche Nachschlagewerke existieren schon in Deutschland und Österreich. Die GRA habe von deren Erfahrung und Daten profitiert, so Bessermann. Die Stiftung habe zudem Daten einer Social-Media-Expertin aus Deutschland genutzt, aber auch Schweizer Fachleute bei der Finalisierung des Decoders hinzugezogen.
Ziel und Zweck des Tools: Autoritätspersonen wie Lehrern oder Eltern helfen, Zeichen für Hatespeech zu erkennen.
Kontext entscheidend
Der Decoder ist simpel gehalten. Die Bedeutung der Codes wird kurz erklärt, die Begriffe mit möglichen Ideologien verschlagwortet. Die Einfachheit macht den Decoder zugänglich. Das hat seine Tücken.
Ein Beispiel, das kritisiert wurde: das Wassermelonen-Emoji. Im Decoder steht: «Ersatz für palästinensische Flagge, manchmal im Kontext von Ablehnung des Existenzrechts des Staates Israel». Die Verschlagwortung dazu: Antizionismus, Islamismus, Linksextremismus.
Die Wassermelone könne in vielen Fällen nur ein Zeichen der Solidarität mit Palästina sein – ganz ohne Extremismus –, sagt Bessermann. Er habe einige Einwände erhalten, nicht nur zur Wassermelone, und betont: «Wir wollen keine Zeichen mit dem Decoder kriminalisieren.» Der Kontext sei immer zu bedenken.
Wann eingreifen?
Im Decoder findet man auch Redewendungen, die im Alltag weitverbreitet sind. Dazu gehört der Ausdruck «Jedem das Seine», der am Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald stand. Nicht jeder, der den Satz verwendet, weiss das. Soll man ihn darauf hinweisen?
Ja, findet Bessermann. «Man tut einer Person einen Gefallen, wenn man auf einen belasteten Kontext hinweist. Sonst läuft sie Gefahr, jemanden ungewollt zu verletzen.» Gerade im Gespräch mit Shoah-Überlebenden könne das wichtig sein. «Es hilft, ein Geschichts- und Sprachbewusstsein zu haben.»
Aufklärung mit Grenzen
Bessermann ist bewusst: Der Decoder leistet Aufklärungsarbeit, hat aber seine Grenzen. Wenn man zum Beispiel als Eltern erkenne, dass ein Kind solche Codes benutze, fange die Arbeit erst an.
Der Decoder kann aber helfen, Symbole zu erkennen. Mehr will er nicht leisten. Aber manchmal ist genau dieses Erkennen der erste Schritt.
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