«Falsche Priorität» – Grimseltunnel sorgt in der Romandie für Ärger

Ganz am Ende des Wallis, zuhinterst im Goms, träumt die Gemeinde Obergoms von ihrem neuen Tunnel.
Heute werden hier Autos auf den Zug verladen, der durch den Furka-Basistunnel fährt. Künftig möchte Gemeindepräsident Patric Zimmermann einen zweiten Tunnel in Richtung Berner Oberland – unter dem Grimselpass hindurch: «Es ist das beste Projekt für unsere Region, für die Mobilität, für den Landschaftsschutz und auch für die Energie», sagt er gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Die Bauarbeiten wären gewaltig: Ein 22 Kilometer langer Tunnel müsste gebohrt werden, in dem sowohl eine Bahnstrecke als auch eine Hochspannungsleitung untergebracht würden.
Der Bundesrat hat das Projekt in seine Prioritäten für 2027 aufgenommen.
Vor dem Ausbau der Achse Lausanne–Genf
Diese Prioritätensetzung verärgert zahlreiche Westschweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier.
Denn der teilweise Doppelspurausbau der Strecke Lausanne–Genf, auf der es immer wieder zu Störungen kommt, ist erst als Priorität für 2031 eingestuft. Vier Jahre also nach dem Grimsel-Projekt.
Die Waadtländer Nationalrätin Sophie Michaud Gigon (Grüne) will mit einer Motion erreichen, dass die Region um den Genfersee nicht warten muss. «Ich bin extrem verärgert darüber, dass der Bundesrat die Redundanz auf der Strecke Lausanne–Genf nicht in sein Projekt für 2027 aufnimmt. Der Grimsel scheint mir keine nationale Priorität zu sein», betont sie.
Der Walliser FDP-Nationalrat Philippe Nantermod kommentiert seinerseits: «Am Grimsel versucht man, ein Tal, in dem fast niemand lebt, mit einem Tal zu verbinden, in dem buchstäblich niemand lebt. Das ist ein rein privater Verkehr, ein touristischer Verkehr, und er wird ein Vermögen kosten.»
Auf die Kritik entgegnet Bundesrat Albert Rösti, dass diese Wahl nicht von ihm getroffen worden sei, sondern auf einer Studie der ETH Zürich beruhe.
Der Gemeindepräsident von Obergoms weist seinerseits darauf hin, dass die veranschlagten Kosten von 800 Millionen Franken auch den Teil für die Stromübertragung umfassen, der von Swissgrid finanziert werde.
Entsprechend weniger müsse der Bund dafür bezahlen.
Die Finanzkontrolle dämpft die Begeisterung für den Grimsel
Für Ernüchterung sorgt ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Dieser zeigt, dass selbst dann, wenn der Tunnel kostenlos gebaut würde, sein Betrieb die Gesellschaft mehr kosten würde, als er ihr einbrächte: «Es handelt sich offensichtlich um einen Fall ineffizienter Verwendung öffentlicher Mittel.»
Der RTS-Film zum Thema von Sébastien Faure:
In den betroffenen Gemeinden kommt diese Einschätzung schlecht an. Auf der anderen Seite des Passes, im Berner Innertkirchen, weist Gemeindepräsident Lorenz Moor darauf hin, dass der Bericht den Nutzen einer besseren Verkehrserschliessung nicht berücksichtige. Und er fügt hinzu: «Es ist ein wichtiges Projekt, um die Einwohner hier zu halten und den Bevölkerungsrückgang zu verhindern, wie er in anderen Tälern stattfindet.»
Die Vernehmlassung endet Anfang Oktober. Anschliessend wird es an den Parlamentarierinnen und Parlamentariern liegen, über die verschiedenen Projekte zu entscheiden.
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